Das spricht gegen Erziehung

Teenager bei einer Schlammschlacht mit Erwachsenen. Foto: Hypnotica Studios Infinite (Flickr)

Es reicht. Seit Jahren schreibe ich über die wissenschaftlichen Grundlagen vom Verzicht auf Erziehung. Über die philosophischen Dimensionen von Beziehung. Über die Soziologie der Gewalt. Und immer wieder kommen Menschen, die vom Verzicht auf Erziehung lesen und glauben, das sei komplett unwissenschaftlich; ein Experiment.

Nix da. Aus all den Jahren Beschäftigung mit der Wissenschaft der erzieherischen Gewalt kommen jetzt hier vier knallharte Gründe, ab sofort nicht mehr zu erziehen.

1. Resilienz

Die Fähigkeit, das Leben in all seinen Aspekten gut überstehen zu können, ist einer der wichtigsten Faktoren für psychische und physische Gesundheit. Resilienz ist ihr Name. Entscheidend beitragen können Menschen, die Kinder begleiten. Als wichtige Faktoren gibt die deutsche Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) in ihrer Auswertung von Metastudien zur Resilienz unter anderem an:

  • positive Wahrnehmung der eigenen Person: «Das Selbstkonzept entwickelt sich nach der sozialkognitiven Theorie aus den Rückmeldungen anderer Personen über das eigene Verhalten (Flammer & Alsaker 2002).»
  • internale Kontrollüberzeugung: «Wenn eine Person eintretende Ereignisse vorwiegend als Resultat eigener Handlungen wahrnimmt, entspricht dies einer internalen Kontrollüberzeugung.»
  • Selbstwirksamkeitserwartung: «Das Konstrukt der Selbstwirksamkeit (…) wird definiert als eine subjektive Gewissheit, Anforderungssituationen aufgrund eigener Kompetenzen bewältigen zu können.»

Was bedeutet das? Kinder zu lieben reicht nicht. Um ihnen die Sicherheit zu geben, die sie brauchen, um in einer Welt zu bestehen, die nun mal auch echt ätzend sein kann, brauchen sie die Erfahrung, dass sie wichtig sind. Dass sie gut sind, egal, wie sie sich verhalten.

Das schliesst jeden Anspruch an Formung aus. Und Erziehung ist ohne Ziel, zu dem geformt werden soll, nicht denkbar.

2. Gehorsam: Persönliche Nachteile

Heute wird, wenn Gehorsam gefordert wird, gern über Grenzen, Regeln und allgemein über Werte gesprochen. Dass Kinder tun, was Erwachsene sagen, bleibt auch in den liebevollen pädagogischen Richtungen jedoch nicht bezweifelt. Was ist aber nun so blöd am Gehorsam? Das Problem ist, dass Gehorsam keinen Sinn erfüllt. Er ist reines Verhalten ohne jede moralische Komponente.

Echte soziale Kompetenz ist es, ein Nein zu akzeptieren, weil ich einen anderen Menschen nicht verletzen will. Gehorsam macht da keinen Sinn – in dem Moment, in dem die Machtverhältnisse sich verändern und der Gehorsam nicht mehr mit Gewalt erzwungen werden kann, habe ich keine Gründe kennen gelernt, mich nicht unsozial und gemein zu verhalten.

Gehorsam ist vollständig amoralisch. Für Personen, die gehorchen müssen, bedeutet das, dass sie ihr Selbst und das, was sie ausmacht, aufgeben müssen. «Unsere Entwicklung wird dadurch gestört, dass sie Gehorsam verlangt und eine Identifizierung mit demjenigen, der Gehorsam einfordert. (…). Auf diese Weise wird das seelische Sein eines Kindes in seiner Reaktionsfähigkeit nahezu ausgelöscht.» (Arno Gruen, «Wider den Gehorsam».)

Individuelle Verbindung und das Vertrauen auf die angeborenen sozialen Fähigkeiten können und müssen der Ausweg sein.

3. Moraltheorie: Wie entsteht richtiges Verhalten?

Erziehung ist ein Angstphänomen. Angst vor dem Tyrannen. Vor dem Verhalten von morgen. Dahinter liegt eine Auffassung von Moralverständnis, die moralisches Verhalten als Ziel von Erziehung versteht.

Aber was ist moralisches Verhalten? Sicher, es empfiehlt sich zum Beispiel immer, freundlich und höflich zu sein. Aber: In konkretes Verhalten übersetzt bedeutet das in Norddeutschland, «Moin!» zu murmeln. In einer mexikanischen Familie vielleicht eher, aufzuessen. Bei einer japanischen Bekannten von mir bedeutet das, auf keinen Fall die Hand zu geben.

Jedes sozial erwünschte Verhalten kann von einem anderen übertrumpft werden (Hauen zum Beispiel. «Man haut nicht!» gilt in Notsituationen keineswegs). Das heisst, der Prozess der moralischen Entscheidungen ist sehr, sehr wichtig. Wichtiger als das daraus resultierende Verhalten (mehr bei: Matthias Kettner und Karl-Otto Apel, «Die eine Vernunft und die vielen Rationalitäten»).

Wenn ich meinem Kind zeigen will, dass Hauen nicht okay ist, macht es also Sinn, mich für den Prozess zu interessieren, in dem sich das Kind für das Hauen entschieden hat. Moral formt man nicht, sondern lebt in ihr.

4. Sozialtheorie: Einflüsse unter Gewalt

Eines meiner grossen Erweckungserlebnisse in Bezug auf Erziehung war meine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieus Habitustheorie. Ein wichtiger Teil davon ist die Etablierung des Begriffs der symbolischen Gewalt: «Symbolische Gewalt ist in jedem Handlungsinhalt verborgen, welcher durch die äussere Handlungsform in der Praxis verneint wird. Dies geschieht jedoch nicht bewusst in Form eines rationalen Kalküls. Die Gewalt wirkt durch eine Art Komplizenschaft. Sie ist im Habitus der Akteure verankert.» (Pierre Bourdieu, «Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft».)

Eine bessere Beschreibung der zwei Gesichter von Erziehung habe ich selten erlebt.