Was ein zweites Kind wirklich bedeutet

Schlafen? Ist mit zwei Kindern mehr Wunschdenken als Alltag. Foto: iStock

Schlafen? Ist mit zwei Kindern eher Wunschdenken als Alltag. Foto: iStock

Als ich zum ersten Mal schwanger war, kriegte ich selbstverständlich den Klassiker zu hören: «Dein Leben wird sich komplett verändern.» Was ich damals für mich übersetzte in: «Dein Leben ist bald komplett vorbei.» Natürlich stimmte beides so nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Als das zweite Kind unterwegs war, klang es schon anders:

«Eins ist keins!», lachten sich meine Mehrfach-Eltern-Freunde hämisch ins Fäustchen, während wir versuchten, das vorhandene eine einigermassen fachgerecht und ohne gröbere Schnitzer aufzuziehen.

Das Football-Team

Mein guter Freund M., selber zweifacher Vater, legte mir Wochen vor der Geburt seine Hand auf die Schulter (immerhin nicht auf den Bauch) und meinte mit viel Pathos: «Los. Momentan seid ihr Eltern. Mit zwei Kindern werdet ihr befördert zum Organisationsteam. Ihr werdet Terminkalender abstimmen, euch kurz abklatschen und euch die Kinder im Rennen zuwerfen wie Footballer. So siehts aus.»

Ich kicherte nervös.

Natürlich übertrieb er masslos … oder? Ich war mir im Klaren, dass es anstrengend werden würde, sicher. Aber wir brachten ja mittlerweile zwei Jahre Erfahrung mit, «wissen ja, wies geht». Wir hatten den ersten Druck dieser ungeheuren Verantwortung für ein Kind jetzt mittlerweile als Normalität absorbiert.

Wir kannten alle Tricks – von der Zwiebel im Bett bis zum beruhigenden Rauschen des Dampfabzugs. Wir konnten ein Kind mit Rüeblibrei füttern und simultan unter dem Tisch mit den Zehen die Playdoh-Sauerei aufklauben. Wir fühlten uns ziemlich sicher in unserem Elternsein. We got this.

Und dann kam die Tochter.

Und sie war einzigartig. Ist es. So einzigartig, dass unsere Trickkiste mit Erfahrungswerten aus den ersten zwei Jahren mit Sohn relativ schnell leer war. Hängematte? Fand sie doof. Wägeli? Auch doof. Schlafen: generell doof. Ausser beim Mami im Tragetuch. Ich sah meinen Osteopathen bald öfter als den Mann.

Der Extrovertiertheit des Sohnes, die ich bisher natürlich mit etwas Stolz auch unserer lockeren und vermeintlich ungluckigen Erziehungsweise zugeschrieben hatte, setzte die Tochter ein an Xenophobie grenzendes Fremdeln entgegen. Gotti? Doof. Babysitter? Doof. Alle Menschen ausserhalb der Kernfamilie? Doof, doof, doof! Wir expandierten unseren Horizont im Elternsein erneut und mussten merken: Auch beim zweiten Mal gilt: «trial and error». Wir konnten nur unser Bestes tun. Und das war oft nicht bei beiden Kindern dasselbe.

Und wo bleiben wir?

Das neu geformte Organisationsteam war mittlerweile wegen konstanten Schlafmangels in einem desolaten Zustand und gab sich in der spärlichen Zweisamkeit vorwiegend auf die Kappe. Was wir schnell lernen mussten: Die grösste Umstellung von einem Kind auf zwei ist die Pausenlosigkeit.

Die ruhigen Zeiten, in denen früher das Kind seinen Mittagsschlaf gehalten hatte, sind vorbei: Kind 2 schläft mit grösster Wahrscheinlichkeit dann ein, wenn Kind 1 aufwacht. Die Kinder ins Bett zu bringen, ist zumindest im ersten Jahr ein Two-Man-Job. Danach warten Küche, Wäsche, die Rechnungen sind noch nicht bezahlt und das Milchpulver für die Nacht muss noch abgemessen werden. Wo man sich früher gegenseitig entlasten konnte, sind jetzt beide Eltern gefordert, konstant. Das geht an die Nerven, an die Beziehung, an die Substanz. Ganz ehrlich: Ich hatte es trotz der Vorwarnungen unterschätzt.

Das Dritte läuft «dann einfach mit»

Natürlich fühlt sich rückblickend die Zeit mit «nur» einem Kind an wie Urlaub, und man kann sich kaum noch erinnern, wie sehr einen das erste Baby anfänglich gefordert hat. Aber man hat so viel dazugelernt: Ein Jongleur beginnt auch nicht mit sieben Bällen, sondern mit drei. Mit Kind zwei kommt einfach das nächste Level – Tellerbalancieren auf der Unterlippe, sozusagen. Während man nebenbei weiter jongliert.

Mittlerweile hat sich alles mehrheitlich eingespielt, auch mit zwei. Ich bin mental wieder auf dem «We got this»-Level, was wahrscheinlich stark damit zu tun hat, dass beide Kinder laufen, sich ausdrücken und vor allem schlafen gelernt haben. Ich jongliere – mal entspannter, oft weniger – zwei Kinder, eine Karriere und einen Haushalt, und schliesslich beruhigen mich ja im Hinblick auf Kind drei auch (fast) alle Mehrfacheltern sanft lächelnd: «Das Dritte läuft dann einfach mit.»

Mhm-hm. Irgendein Gefühl sagt mir, dass ich noch ganz, ganz, ganz gehörig auf die Welt kommen werde.

PS: Damits gesagt ist und jetzt niemand fragen muss, warum ich denn überhaupt Kinder habe, wenns so anstrengend ist: Weil ich sie das Grösste finde. Immer noch.