Wo bleibt die Vaterkraft?

Eltern scheuen sich oft, eindeutig gegenüber ihren Kindern aufzutreten: Der animierte Superheld Mr. Incredible und seine Familie. Foto: Pixar, Disney

Wir erleben heutzutage eine auf breitem gesellschaftlichen Konsens beruhende Ablehnung autoritärer Erziehungsstrukturen. Dies ist natürlich zu befürworten, wenn mit «autoritär» gemeint ist, dass die Bedürfnisse der Kinder keine Rolle spielen und sie sich unter ein körperliches oder seelisches Gewaltdiktat unterzuordnen haben. Aber diese Ablehnung schlägt zumeist in das Gegenteil um: mit dem Autoritären geht die Autorität verloren. Oder wie sonst ist eine so alltägliche Frage wie «Willst du nicht mal aufräumen?» von Mutter oder Vater zu verstehen?

Diese und die zahllosen ähnlichen Fragen sind keine offene Gewaltanwendung, aber sie stiften Verwirrung bis hin zur Manipulation, die aus der Angst der Eltern erwächst, klar und eindeutig aufzutreten. Das bedeutet, dass die Eltern schon erwarten, dass das Kind tut, was sie wollen. Aber es soll es «freiwillig» tun.

Mit offenen Aussagen überfordert

Einem Kind, das in einem Klima solcher alltäglichen, harmlos erscheinenden, ja kaum auffallenden Unklarheiten aufwächst, geht die Eindeutigkeit verloren, es wird unsicher. Und in unserer heutigen Zeit gehören die elterlichen Unklarheiten zum Normalfall. Eltern scheuen sich oft, eindeutig gegenüber ihren Kindern aufzutreten. Das wirkt zunächst liebevoll, jedenfalls liebevoller als eindeutige Ansagen, weil sie ihre Kinder in Entscheidungsprozesse einbeziehen. Aber bei genauerem Hinsehen fällt die Manipulation auf, die solch ein «partnerschaftlicher Umgang» mit den Kindern zumeist bedeutet. Zudem sind die Kinder mit solch offenen Aussagen meist überfordert. Letzteres hat Michael Winterhoff in seinen Büchern (z.B. «Warum unsere Kinder Tyrannen werden») fundiert dargelegt. Und er zeigt deutlich, in welcher Unsicherheit wir unsere Kinder damit lassen. Ihnen fehlt die Halt und Orientierung gebende Kraft der Eltern.

Nun spreche ich von der Verantwortung der «Eltern», die Frage ist aber, ob es eine spezifische «Väterlichkeit» gibt, was Nils Pickert in seiner Polemik «Väterlichkeit umständehalber abzugeben» gegen mein Buch «Väterlos. Eine Gesellschaft in der Krise» bezweifelt. Und es ist auch wirklich nicht einfach, die allgemeinen Elternaufgaben von den spezifischen des Vaters zu unterscheiden. Denn natürlich müssen beide Eltern, ebenso wie Stiefmütter und Stiefväter, Grossmütter und Grossväter, Lehrerinnen und Lehrer den Kindern gleichermassen Fürsorge wie Orientierung und Strukturierung geben. Wir wissen auch, dass es Väter gibt, die nachgiebiger und verständnisvoller sind als die Mütter, und Mütter, die begrenzender, strenger sind als die Väter.

Die ambivalente Rolle des Vaters

Und doch sollten wir die Begriffe «Mütterlichkeit» und «Väterlichkeit» nicht so einfach negieren. Sie verweisen neben der Variabilität der Geschlechterrollen auf die ebenso gegebene biologische Fundierung unseres sozialen Miteinanders. Diese ist insbesondere in der ersten Lebenszeit eines Kindes wirksam und prägt sein weiteres Leben – auch im Sinne entfremdender Bedingungen. Die spezifische Aufgabe des Vaters, die das Prinzip «Väterlichkeit» begründet, wird in der Psychologie als «Triadifizierung» bezeichnet. Damit ist gemeint, dass der Vater zu der ursprünglichen Mutter-Kind-Beziehung hinzukommt. Er ist der Dritte, der Nicht-Selbstverständliche, derjenige, der die traute Zweisamkeit «aufbricht», der Beziehungsvielfalt ermöglicht, der ebenso aus der Enge befreit wie er die Behaglichkeit stört.

Die Rolle des Vaters ist von Beginn an ambivalent: Er entlastet Mutter und Kind vom ausschliesslichen Zugriff von Kind bzw. Mutter. Doch er irritiert die Beziehung auch, er stört sie. Ich warne davor, diese Konstellation als gering oder gar unbedeutend abzutun. Für ein Kleinstkind spiegelt sich hier die Gesamtheit der Welt wider. Die Erfahrungen, die es macht, werden das gesamte Leben weiterwirken. Und wir erkennen an dem Kontrollverhalten, das Mütter gegenüber ihren Partnern bei der Kinderbetreuung oft an den Tag legen, und an den Rückzügen der Männer, wie schwer es ist, die triadifizierende Funktion des Vaters in einer Partnerschaft anzuerkennen und umzusetzen.

Das Gegenstück zum Prinzip «Mütterlichkeit»

Das Prinzip «Väterlichkeit», das seinen Ursprung in der frühen Sozialisation eines Kindes findet, lässt sich als herausfordernd, störend, befreiend, vorantreibend, begrenzend beschreiben. Es ist damit das Gegenstück zum Prinzip «Mütterlichkeit», das fürsorglich, bewahrend, versorgend ausgerichtet ist. Doch auch wenn es sich um gegensätzliche Prinzipien handelt, sind sie doch aufeinander bezogen. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen beiden ist erforderlich. Wenn also Nils Pickert das väterliche Prinzip der Liebe gegenüberstellt, dann hat er vermutlich noch zu wenig von der manipulativen Macht vermeintlicher Liebe verstanden. Oft genug geht es bei scheinbarer «liebevoller Zugewandtheit» mehr darum, vom Kind gut gefunden zu werden, als wirklich dem Kind das zu geben, was es braucht.

Ich spreche natürlich von «Prinzipien», die sich in der weiteren Entwicklung des Kindes von der Person der Mutter und des Vaters lösen. Eine Mutter muss auch väterlich, ein Vater auch mütterlich sein. Und trotzdem sollten wir vorsichtig sein, wenn wir die Unterschiede in den Rollen von Mutter und Vater einfach aufheben wollen. Die frühe Beziehungskonstellation wirkt nicht nur im Kind, sondern ebenso in Mutter und Vater fort.

Das Aushalten von Konflikten, die Standhaftigkeit, auch gegen Widerstände das für richtig Erkannte zu tun, bezeichne ich als «Vaterkraft». Diese Kraft fehlt in der heutigen Zeit vielen Vätern, egal ob es sich um neue oder traditionelle Väter handelt. Die Vaterkraft fehlt damit aber auch den Kindern, denen es in unserer heutigen Zeit so oft an Halt, Struktur und Orientierung mangelt. Das ist der eigentlich dramatische Befund, da dies – wie gesagt, bei aller individuellen Unterschiedlichkeit – ein Merkmal unserer heutigen Gesellschaft ist.