Mein Papa, der Grinch

Geschenkestress und quäkende Kinderchöre: Bisher waren sich unser Papablogger und «der Grinch» bezüglich Weihnachten einig. (Bilder: Instagram/Universal Pictures)

Bevor die Jahresrückblicke um Ihre Aufmerksamkeit eifern, drücke ich Ihnen noch rasch einen Adventsrückblick rein. Und zwar meinen persönlichen.

Kennen Sie den Grinch? Die amerikanische Comicfigur, die Weihnachten nicht mag und deshalb in der ganzen Stadt die Weihnachtsdekoration verschwinden lässt? Nun – ich bin der Grinch. Ausser, dass ich keine Dekoration klaue. Ein gesetzestreuer Grinch.

Bitte keine Kinderchöre!

Mit Weihnachten konnte ich nie viel anfangen: Geschenkestress, sentimentale Menschen und alberne Lieder, gesungen von quäkenden Kinderchören – wie hält man so was aus? Und dass der ganze Karsumpel dann auch noch «besinnlich» sein soll, schlägt dem Baum ja wohl die Kugeln weg.

Wie jedes Jahr spielte ich diesen November kurz mit dem Gedanken, zum Islam zu konvertieren, um mich der Angelegenheit elegant zu entziehen. Als ich erfuhr, dass es zu Ramadan keine Ausnahmen für Süssigkeiten gibt, verwarf ich die Idee wieder und blickte resigniert der Adventszeit entgegen.

Hinter jedem Türchen ein kleiner Konflikt

Der Dezember begann mit Differenzen: Meine Frau und ich waren uns nicht nur in Sachen Dekoration uneinig, sondern auch darin, wie viele Adventskalender ein Kind braucht, um glücklich zu sein. Ich finde, einer ist obere Grenze. Sie bezeichnet alles unter zehn Kalendern als «schwere Kindheit».

Punkt für mich, ich konnte mich durchsetzen. Es würde einen Kalender geben. Etwas pädagogisch Wertvolles schwebte mir vor: hinter jedem Türchen eine Chinesisch-Vokabel oder ein kleines Spielzeug aus heimischer Fichte. Aber nein, meine Mutter durfte den Kalender schenken und entschied sich – natürlich – für ein Produkt der Zuckerrüben-Lobby. So stopft sich der Brecht nun jeden Tag ein Snickers, ein Mars, ein Bounty oder eine Handvoll M&M in den Kopf. Wenn es leise ist, kann ich seine Backenzähne faulen hören.

Aus Protest verweigere ich ihm meine Mithilfe bei der Suche nach dem richtigen Türchen. Positiver pädagogischer Nebeneffekt: Er kann schon selber bis 21 zählen.

Der Brecht weihnachtet sehr

Aber trotz anfänglichem Ärger ist in diesem Jahr einiges anders: Der Brecht ist kein strampelndes, sabberndes Baby mehr, sondern ein strampelndes, sabberndes Kleinkind. Er begreift seine Umgebung und macht allerhand Blödsinn mit – auch Weihnachten. So geniesst er zusammen mit meiner weihnachtsverrückten Frau die Adventszeit. Die beiden essen Mandarinen und Nüsse, putzen Stiefel für den Samichlaus und schmücken zusammen den Weihnachtsbaum. Das fällt auch dem Grinch auf. Und natürlich erwärmt es mein kaltes Weihnachtsherz, die Familie so glücklich zu sehen.

Als ich letzthin nach Hause kam, tanzten die beiden zu Weihnachtsliedern. Ich liess mich sogar selber zu einem kurzen Tänzchen hinreissen, als entschiedener Nichttänzer. Mein innerer Zwingli war für einmal machtlos.

Nur langsam ändert sich meine Einstellung zu Weihnachten. Aber sie tut es. Auf dem Weihnachtsmarkt war ich auch dieses Jahr schlecht gelaunt, dafür zimmerte ich zwei Tage später schon einen Ständer (hihi) für den Weihnachtsbaum. Nicht etwa halbherzig, nein – ich erschuf den Mercedes unter den Weihnachtsbaumständern.

In den Fängen der Familienromantik

Jetzt, wo ich Weihnachten als Fest der Familie begreife, jingeln die Bells auch für mich. Schon die Zusammenkünfte mit meinen Eltern und den Schwiegereltern sind schön. Aber vor allem geniesse ich die Adventszeit mit meiner eigenen kleinen Familie, und mir wird bewusst, was ich an ihr habe.

Oh Gott, ich klinge wie dieser Film mit Hugh Grant.

Nun, ich will Ihnen kein romantisches Märchen auftischen. Natürlich bin ich noch nicht komplett von den drei weihnächtlichen Geistern besessen, und sie werden mich auch nicht ganz kriegen. So bin ich unter anderem nicht bereit, den Brecht bezüglich Samichlaus, Christkind und anderer Fabeltiere anzulügen. Aber vielleicht sage ich ihm die Wahrheit erst, wenn er mich fragt. Ach, mal gucken, wie ich im Advent 2017 draufbin.

Frohe Weihnachten, liebe Leserinnen und Leser! Denken Sie an Ihren Mamablog-Grinch, wenn Sie irgendwo einen Kinderchor hören.

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