Vom Babyblues zur Depression

Stressed mother and her baby.

Von Müttern wird erwartet, dass sie dauerlächelnd durch den Tag schweben. Foto: iStock, Getty Images

Nach der Geburt meines ersten Kindes hätte es gut sein können, dass ich an einer Wochenbettdepression erkranke: Ich bin eine Perfektionistin und stellte hohe Ansprüche an mich als Mutter. Glücklicherweise blieb ich psychisch gesund. Mein Sohn, alles andere als ein Anfängerbaby, und der Schlafmangel brachten mich aber regelmässig an meine Grenzen – und an einigen Tagen auch darüber hinaus. Als ich einmal meiner Hebamme mit verheulten Augen die Wohnungstür öffnete, drückte sie mir eine Broschüre über postpartale Depression in die Hand. Wir besprachen gemeinsam meine Symptome. Ich befand mich mitten im ganz normalen Wochenbett-Wahnsinn, ja. Aber depressiv, nein, das war ich nicht.

Man liest oft, dass 15 Prozent der Frauen nach der Geburt an einer Wochenbettdepression erkranken. «Leider wissen wir bisher nicht genau, wie häufig postpartale Depressionen tatsächlich auftreten», sagt die Wissenschaftlerin Martina Papmeyer, die an der Universitätsklinik in Bern eine Studie zum Thema koordiniert. Die Dunkelziffer könne durchaus weit höher liegen. «Wir wissen, dass Depressionen nach der Geburt eines Kindes mit einem hohen Stigma besetzt sind und ein Tabuthema darstellen», so Papmeyer.

Das Bild der glücklichen Mutter

Von einer jungen Mutter erwartet die Gesellschaft, dass sie vor lauter Glückseligkeit dauerlächelnd und mit wogenden Stillbrüsten durch den neuen Alltag mit Baby schwebt. Frust, Trauer oder Wut – das sind keine Gefühle, die man mit einer frisch gebackenen Mutter in Zusammenhang bringt. Aber als Mutter wird man auch nicht gebacken, man wird ins kalte Wasser geworfen. Also muss man losschwimmen und gleichzeitig das Neugeborene mit beiden Händen über Wasser halten. Und dabei gut aussehen und lächeln.

Doch eine postpartale Depression (auch postnatal genannt) entsteht nicht einfach wegen gesellschaftlicher Erwartungen. Die Forschenden gehen davon aus, dass die typischen Symptome einer Wochenbettdepression mit bestimmten Hirnveränderungen in Zusammenhang stehen. «Wir wissen aus vielen Studien zu Depressionen ausserhalb einer Schwangerschaft, dass es bei den Betroffenen zu einer veränderten Aktivität des Gehirns in bestimmten Regionen kommt. Dies sind zum Beispiel Hirnregionen, die unser Stress- und Glücksempfinden regulieren. Das Gehirn ist sozusagen aus dem Gleichgewicht gerissen», erklärt Papmeyer. Mit ihrem Team untersucht sie derzeit, ob es bei postpartalen Depressionen zu einer veränderten Aktivität des Gehirns kommt und wenn ja, in welchen Regionen.

Das Hirn gesund trainieren

Die Studie, für die übrigens noch Teilnehmerinnen gesucht werden, soll nicht nur neue Erkenntnisse zu den Ursachen von postpartalen Depressionen bringen. Sondern allenfalls auch neue Behandlungsmöglichkeiten aufzeigen. Bereits heute gibt es viele Wege aus einer Wochenbettdepression – nicht immer sind Medikamente nötig. Martina Papmeyer erklärt: «Zunächst ist es meist sehr entlastend für die Frauen, zu erfahren, dass sie keine ‹Rabenmütter› sind, sondern dass sie unter einer Krankheit leiden, von der viele Mütter betroffen sind. Und dass man diese Krankheit behandeln kann.»

Bei leichten bis mittelschweren Depressionen ist heute eine Psychotherapie die Behandlung der ersten Wahl. Vor allem, wenn die Mutter stillen möchte. Bei schweren Depressionen oder wenn die psychotherapeutische Behandlung nicht den gewünschten Erfolg bringt, empfehlen Ärzte eine Behandlung mit Antidepressiva. Im Grunde werden also Depressionen im Wochenbett ähnlich behandelt wie Depressionen ausserhalb einer Schwangerschaft und Geburt. Mit den Forschungserkenntnissen möchte Martina Papmeyers Team ein spezifisches Behandlungskonzept für Frauen mit postpartaler Depression entwickeln. Möglicherweise komme für erkrankte Frauen auch eine sogenannte Neurofeedback-Therapie infrage: Hier würden junge Mütter lernen, ihre Hirnaktivität zu beeinflussen, um das verlorene Gleichgewicht wiederherzustellen – ohne Medikamente.

Je schneller, desto besser

Das Gespräch mit Martina Papmeyer war sehr spannend und lehrreich. Und ich frage mich, warum ich nicht schon viel früher mehr über dieses Thema gewusst habe. Wahrscheinlich auch deshalb, weil man mit anderen jungen Müttern gern über Dammrisse spricht, über Schlupfwarzen und über den besten Nuggi. Aber weniger darüber, wie es einem gerade geht. Wie und ob man mit seinem neuen Leben als Mutter klarkommt. Oder wie es dem jungen Vater geht. Auch Männer können nämlich nach der Geburt eines Kindes depressive Symptome entwickeln.

Mein Babyblues – ich war ein rohes Ei mit der emotionalen Ausgeglichenheit eines Teenagers – klang nach dem Milcheinschuss rasch wieder ab. Auch danach gab es ab und zu Tage, an denen ich schon morgens heulte. Aber nie mehrere am Stück. Hört der Babyblues nicht auf, kann das der Anfang einer postpartalen Depression sein. «Wenn die Symptome länger als 10 bis 14 Tage andauern, sollte man professionelle Hilfe suchen. Je schneller man die Krankheit behandeln lässt, desto besser», so Martina Papmeyer.

Wenn Sie also eine junge Mutter sind und Ihr Babyblues schon länger dauert: Sprechen Sie Ihre Hebamme, die Gynäkologin oder den Hausarzt ungeniert darauf an. Sie sind eine gute Mutter und tun damit das Richtige für sich und Ihre Familie.

Viele Infos zur Wochenbettdepression sowie Listen mit Fachpersonen und Selbsthilfegruppen gibt es auf www.postnatale-depression.ch.