Die Untersuchung der Zukunft

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Bonding funktioniert auch ohne Virtual Reality. Foto: Photohota (iStock)

Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als ich meinen Sohn zum ersten Mal in 3-D gesehen habe. Es war wenige Wochen vor der Geburt und ich hatte mein Baby die Schwangerschaft hindurch schon auf etlichen Ultraschallbildern bewundern dürfen. Aber als der Kleine da plötzlich dreidimensional auf dem Bildschirm auftauchte, mir sein süsses Gesicht zeigte und seine Fingerchen bewegte – das war überwältigend.

Ich bekam einige Bilder mit nach Hause und mailte sie gleich an die ganze Familie. Meine Mutter staunte, was heute schon alles möglich sei. Und ich staunte mit ihr, war doch während meiner ersten Schwangerschaft nur drei Jahre zuvor das Thema 3-D-Ultraschall noch nicht mal angesprochen worden.

Virtuell zum Baby in den Bauch schlüpfen

In ein paar Jahren dürften werdende Eltern über solche unscharfen 3-D-Bilder nur noch müde lächeln. Sie werden ihr Baby nicht nur auf einem Bildschirm sehen, sondern mittels Virtual-Reality-Brille sozusagen zu ihm in den Bauch schlüpfen und es von allen Seiten betrachten können.

Das klingt nach Science-Fiction? Es ist aber bereits Realität. Wissenschaftler haben eine neue Technik entwickelt, die Ultraschall mit Magnetresonanz-Tomografie (MRI) kombiniert. So kann das Ungeborene dreidimensional nachgebildet werden, mithilfe von Virtual Reality (VR) wird es dann sehr plastisch dargestellt.

«Die Erfahrungen mit dem VR-Headset waren wundervoll», sagt Studienautor Heron Werner Jr. gegenüber der englischen Zeitung «The Telegraph». Die Bilder seien schärfer und klarer als klassische MRI- und Ultraschallbilder. Zudem wurde auch der Herzschlag des Kindes auf das Headset übertragen, was das Ganze noch realer wirken liess.

Bisher wurde die neue Technik erst an einer einzigen Klinik in Rio de Janeiro angewandt. Das Team hofft laut «The Telegraph» allerdings, dass sich die virtuelle Baby-Beobachtung bald auf der ganzen Welt verbreiten wird.

Einfacher eine Diagnose stellen

Und es gibt durchaus Gründe, die dafür sprechen. So können sich Ärzte damit bei Problemen ein besseres, detaillierteres Bild des ungeborenen Kindes machen.  Denn auch die Organe sind dank der neuen Technik klar sichtbar. Zudem könne VR Eltern helfen, die bei Krankheiten oder Fehlbildungen Behandlungsentscheide treffen müssen. Mit der VR-Brille sehen und verstehen sie, wovon die Ärzte reden – auf dem normalen Ultraschall erkennt man als Laie ja oft gar nichts.

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Noch sind 3-D-Ultraschallbilder ziemlich unscharf. Fotos: Madcapslaugh, Rizome (Wikimedia)

Ich befürchte allerdings, dass sich die Technik schon bald vom Medizinischen weg hin zum Lifestyle-Ding entwickeln wird. Dass also nicht mehr in erster Linie Ärzte die Ungeborenen durch die VR-Brille beobachten werden, sondern Eltern, die einfach gerne mal ihr Baby sehen wollen. Die Entwickler indizieren das schon selber, indem sie im Artikel erzählen, dass die neue Technik Eltern auch helfe, früher eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen.

Ultraschall ist störend laut fürs Baby

Braucht es dafür wirklich virtuelle Realität? Sicher nicht. Bonding funktioniert auch, indem man den Bauch anfasst, mit dem Baby spricht, seine Bewegungen durch die Bauchdecke beobachtet. Wahrscheinlich sogar besser, weil man so direkten Kontakt mit seinem Kind aufnimmt und sich nicht mit einer virtuellen Variante von ihm beschäftigt. Zudem frage ich mich ernsthaft, wie sich das Kind bei all den Untersuchungen fühlt. Es gibt ja Ungeborene, die drehen sich sofort weg, wenn die Gynäkologin das Ultraschallgerät an den Bauch hält – als wollten sie dem lärmigen Schallkopf entkommen.

Tatsächlich weisen Studien darauf hin, dass sich der Ultraschall-Untersuch für das Baby ähnlich laut anhört wie eine vorbeifahrende U-Bahn. Ob das MRI vergleichbar störende Nebenwirkungen hat? Zumindest wird es während des ersten Trimesters «üblicherweise nicht durchgeführt».

Ist eine möglichst genaue Untersuchung des ungeborenen Babys aus medizinischen Gründen angezeigt, scheint mir als Laie die neue Technik grossartig. Sie einfach zum Spass anzuwenden, finde ich hingegen völlig unnötig. Wie sehen Sie das?

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