Warum fühlt man sich zu jemandem hingezogen?

Hungrige Männer scheinen kräftigere Frauen zu bevorzugen. Foto: Raisa Durandi

Hungrige Männer scheinen kräftigere Frauen zu bevorzugen. Foto: Raisa Durandi

Liebe Frau Burri, wieso fühle ich mich gerade zu diesem bestimmten Menschen hingezogen und nicht zu jemand anderem?

Wer kennt es nicht, dieses vermaledeite Szenario. Frau lernt Mann kennen (oder umgekehrt), und alles wirkt geradezu perfekt. Er sieht gut aus, ist witzig, sprüht nur so vor Charme und Esprit, ist beruflich erfolgreich und trägt die Angebetete auf Händen. Und doch will der Funke nicht so richtig überspringen, stattdessen bringt der vermeintliche «Antityp» das Blut der Dame in Wallung.

Woran liegt es, dass wir uns zu manchen Menschen besonders stark hingezogen fühlen und zu anderen wiederum überhaupt nicht? Und wieso hat es gerade in diesen Situationen nur so selten Platz für Rationalität? Die Wissenschaft beisst sich an diesem Thema seit Jahren die Zähne aus, doch gibt es mittlerweile zahlreiche spannende Erkenntnisse aus ganz verschiedenen Disziplinen, welche ein wenig Licht ins Dunkel bringen.

Zwar neigen wir heutzutage dazu, Männlein und Weiblein gleichstellen zu wollen, doch gerade im Bereich der Liebe und Sexualität wäre dies nach heutigem Wissensstand faktisch falsch. So gibt es auch, was die Attraktion und sexuelle Anziehung angeht, klare Geschlechtsunterschiede. Nicht nur eine Vielzahl biologischer Faktoren wie zum Beispiel das Äussere diktieren, wen wir sexuell attraktiv finden, sondern ebenfalls eine Reihe psychosozialer Merkmale. Diese Einsichten und Befunde machen sich heutzutage nicht zuletzt auch Partnervermittlungsportale zunutze, um auf dem unüberschaubaren Singlemarkt die zwei passenden Parteien zu vereinen.

Vergessen Sie das Candle-Light-Dinner!

Um nur ein paar solcher Erkenntnisse zu nennen: Symmetrische Gesichter sowie Durchschnittlichkeit kommen besonders gut an. Studien zeigen, dass wenn mehrere Gesichter übereinander gelagert werden, das resultierende Bild als attraktiver bezeichnet wird als die Einzelfotos. Ein kindlich aussehendes Gesicht bei einer Frau sowie die Makellosigkeit der Haut sorgen ebenfalls für höhere Attraktivität. Laut einer britischen Studie suchen sich Menschen zudem oft Partner, die ihrem gegengeschlechtlichen Elternteil in Haar- und Augenfarbe ähneln. Sanduhrfiguren und spezifische Taille-Hüfte-Verhältnisse sind ebenfalls beliebt und ein Indikator für Fruchtbarkeit. Aus biochemischer Sicht bevorzugen Frauen den Geruch von Männern mit hohem Testosteronspiegel. Bei Schnüffelstudien an T-Shirts wählten die Frauen ausserdem Männer, die ein komplementäres Immunsystem zum eigenen aufwiesen. Dies soll dem gemeinsamen Kind die Überlebenschancen erhöhen.

Doch nicht nur auf die Nase ist Verlass, sondern auch die Stimme verrät uns. So bevorzugen Männer Frauen mit höheren Stimmen, da dies auf einen höheren Östrogenspiegel hinweist. Aus psychologischer Sicht ist vor allem das Gleichgewicht von Nähe und Distanz wichtig. Grob gesagt, fühlt man sich zu Menschen eher hingezogen, wenn diese auf Distanz gehen, während man eher auf Abstand zu denjenigen Menschen geht, die die Nähe suchen. Ebenfalls fühlen wir uns jemandem näher, wenn wir dessen Abneigungen teilen statt dessen Vorlieben.

Schliesslich gibt es auch noch ein paar ausgefallenere Befunde: Hungrige Männer scheinen kräftigere Frauen zu bevorzugen. Zudem finden sie Frauen in roter Kleidung im Vergleich zu blauer attraktiver und sexuell begehrenswerter. Kürzlich bin ich auch über eine Laienthese gestolpert, die mich ein wenig schmunzeln liess: Die Anziehung zwischen zwei Menschen sei magnetisch, da ja auch das Blut magnetisch (da eisenhaltig) sei, und wenn die Schwingungen passten, könne es somit schon mal zum «Andocken» kommen. Also immer schön reinhauen bei der Weizenkleie. Und noch ein Tipp für die Herren der Schöpfung: Männer wirken attraktiver, wenn sie beim ersten Date die Nerven der Angebeteten kitzeln. Also vergesst das romantische Candle-Light-Dinner und holt das Bungee-Seil raus.

Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri beantwortet einmal wöchentlich eine Leserfrage zum Thema Sexualität und Liebe. Diese wird vertraulich behandelt und ohne Namensnennung publiziert. Schreiben Sie uns auf sexologisch@tages-anzeiger.ch.

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