Was kann ich tun, wenn meine Frau keinen Sex mehr will?

BILD: RAISA DURANDI, ZÜRICH, 18.08.2016 / RESSORT: WIS / ONLINE STORY / Sex-Kolumne / Sex Kolumne / Sexologisch / Andrea Burri / 14. Was kann ich tun, wenn meine Frau kein Sex mehr will?

Laut Studien leidet jede fünfte Frau unter Unlust. Bild: Raisa Durandi

Vor kurzer Zeit hat meine Frau (65) verkündet, dass sie nicht mehr mit mir schlafen wolle. Sie habe keine Lust mehr und weigere sich, Hormonpräparate einzunehmen. Ich bin erschüttert. Was kann ich tun?

Mit einer solchen Ansage sind Sie mit Sicherheit nicht als Einziger konfrontiert. Meiner Meinung nach sollte man zuerst einmal der Ursache genauer auf den Grund gehen. Denn die sexuelle Lustlosigkeit hat sich mittlerweile bereits zu einer Volkskrankheit entwickelt, und laut jüngsten Umfragen leidet gemäss der amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie im Schnitt jede fünfte Frau unter Unlust. Definiert wird diese wie folgt: «Vermindertes sexuelles Interesse oder Verlangen, fehlende sexuelle Gedanken oder Fantasien bzw. vermindertes Verlangen nach sexueller Aktivität».

Lustlosigkeit gilt dann als keine Störung, wenn die Betroffenen und deren Partner kein Problem damit haben. Sexuelle Unlust bei Frauen ist ein sehr komplexes Thema, dem oft eine Kombination von körperlichen, psychischen und partnerschaftlichen Faktoren zugrunde liegt. Körperliche Ursachen sind hormonell (etwa aufgrund der Wechseljahre), organisch (nach einer Gebärmutterentfernung) oder krankheitsbedingt (Diabetes, Krebs) oder treten infolge Nebenwirkungen bestimmter Medikamente auf. Stress und psychische Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen können ebenfalls zu Lustlosigkeit führen.

Vielleicht muss der Therapeut Strategien erarbeiten

Nicht selten sind die Probleme jedoch in der Partnerschaft begründet. Unausgesprochene Konflikte, Unzufriedenheit mit der Beziehung oder gewissen Aspekten davon (etwa den Fähigkeiten als Liebhaber) können eine wesentliche Ursache sexueller Lustlosigkeit bei Frauen sein. Sexualität ist auch in sehr harmonischen Beziehungen fragil und leicht zu zerstören, sie bedarf deshalb besonderer Fürsorge und Aufmerksamkeit. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass Lustlosigkeit meist nicht von selbst verschwindet, sondern man aktiv was dagegen tun muss.

So unterschiedlich die Ursachen für Lustlosigkeit sind, so divers sind auch deren Lösungsansätze. Deswegen ist es für den Behandlungserfolg besonders wichtig, dass die Gründe im Einzelfall genau untersucht und erkannt werden. In Ihrem Fall würde ich Ihnen raten, zuerst einmal das Gespräch mit Ihrer Frau zu suchen. Finden Sie heraus, ob sie etwas belastet, sie generell mit der Beziehung unzufrieden ist oder gewisse sexuelle Vorstellungen und Wünsche nicht erfüllt werden und so zu sexuellem Frust führen. Stossen Sie dabei auf Zurückweisung, dann schlagen Sie den gemeinsamen oder alleinigen Gang zu einem Sexualtherapeuten vor. Stellt sich nach der körperlichen Untersuchung heraus, dass die Lustlosigkeit bei Ihrer Frau nicht körperlich begründet ist, dann kann der Therapeut Strategien erarbeiten, wie Sie beide Ihr Sexualleben wieder zu neuer Blüte führen können. Dazu brauchen Sie allerdings Geduld, Engagement und Zeit. Sexuelle Unlust entsteht über lange Zeit – und sie kann nicht in wenigen Stunden behoben werden.

Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri beantwortet freitags eine Leserfrage zum Thema Sexualität und Liebe. Diese wird vertraulich behandelt und ohne Namensnennung publiziert. Schreiben Sie uns auf sexologisch@tages-anzeiger.ch.