Die Badi als kinderfreie Zone

Mamablog

Ach, diese Ruhe! Frauen im Seebad Enge in Zürich. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Es könnte so schön sein: Die Augen zu, Sonne auf der Haut, das Floss wiegt einen sachte hin und her und in den Ohren ein Gemurmel von sich unterhaltenden Menschen. Es wäre wunderbar in der lauschigen kleinen Seebadi am Zürichsee.

Doch da kommen sie wieder, die tobenden Kinder. Sie schwimmen zum Floss, entern es und platschen mit Getöse ins Wasser; immer und immer wieder. Die Arschbomben zeigen Wirkung, innert Kürze ist alles und jeder nass; in null Komma nichts leert sich die schwimmende Plattform. Die vier Kinder, deren Eltern und zwei aufblasbare Einhörner haben das Floss nun für sich allein.

«Echt nervig», sagt meine Kollegin beim Zurückschwimmen. Weshalb gingen Eltern mit ihren Kindern nicht in eines der anderen Seebäder, die doch nur ein paar Hundert Meter weiter und für Familien viel geeigneter seien: «Die haben Rutschbahn, Spielwiese, Pingpongtisch und einen Sprungturm, wo sich die Kids auch richtig austoben können.» Doch hier, im kleinen, schmucken Holzbad, das über hundertjährig ist, Ruhesuchende anzieht und lediglich über ein paar Quadratmeter Liegefläche verfügt, seien Familien einfach fehl am Platz. «Begreifen das all die Mamas und Papas denn nicht? Die Kinder hätten es an den anderen Orten erstens viel lustiger, und zweitens hätten wir hier eine kinderfreie Zone!»

Ich lache, und ich kann sie verstehen. Dennoch klingt eine kinderfreie Zone in einer Badi für mich ziemlich abwegig. In einer Badi – und sei sie noch so klein – besteht nun mal das Risiko, von Kinderlärm umgeben zu sein und ein paar Spritzer abzubekommen. Deswegen Familien mit Kindern auszuschliessen fände ich krass. Mir selbst ist allerdings genau das vor einigen Jahren passiert: Als ich damals mit meinem Baby im Kinderwagen in ein anderes altes Holzbad am See in der Stadt Zürich gehen wollte, um dort einen Kaffee zu trinken und eine Freundin zu treffen, liess man mich nicht rein. «Keine Kinder, sorry», beschied man mir beim Drehkreuz, auch wenn ich zuvor während Jahren dort Stammgast gewesen war und ganz in der Nähe wohnte. Das irritierte mich sehr. War ich durch ein Baby zu einer Persona non grata geworden? Sollten Babys und Kinder im Allgemeinen die Gesellschaft so sehr stören?

Das Problem sind die Eltern

Offenbar ist dem tatsächlich so. Viele Menschen fühlen sich durch Kinderlärm gestört und wünschen sich mehr kinderfreie Zonen in den Ferien, in Restaurants oder im öffentlichen Verkehr. In den USA breitet sich die «No Kids Allowed»-Bewegung seit etwa fünf Jahren immer mehr aus (Lesen Sie dazu auch das Posting «Sollten Kinder im Flugzeug verboten werden?») – und auch hier bieten immer häufiger Gastro- oder Tourismusbetriebe ihren Gästen Ruhe- oder kinderlose Zonen an. Die Zeitung 20 Minuten listete im Juli ein paar Orte auf, die Kindern den Zutritt verwehren. Eine Badi ist nicht darunter, allerdings gibt es Bäder, die Ruhezonen anbieten, was faktisch auf eine kinderlose Zone hinausläuft.

Umfragen dazu zeigen, dass es sich bei den allermeisten Ruhesuchenden keineswegs nur um Kinderlose und Nörgler handelt. Auf die Leserfrage von 20 Minuten «Sind kinderfreie Zonen begrüssenswert?» gaben 10 Prozent der über 12’000 Befragten zwar an, dass kinderlose Zonen auf jeden Fall nötig seien, «weil Kinder einfach ganz grundsätzlich nerven». 62 Prozent jedoch machten ihr Kreuz bei: «Ja. Nichts gegen Kinder, aber jeder will mal seine Ruhe haben.»

Die Mehrheit gab dabei zu verstehen, dass sie sich nicht eigentlich an den Kindern stören würden, «sondern vor allem an den Eltern, die die Kinder nicht im Griff haben». Wobei dies, wir wissen es nur zu gut, äusserst relativ ist: Was heisst schon «nicht im Griff haben»? Und: Stören fremde Kinder tendenziell nicht sowieso eher als die eigenen? Meiner (kinderlosen) Bekannten und mir erging es im Seebad vor ein paar Tagen jedenfalls ähnlich: Auf dem Floss nervten nicht so sehr die Kinder, sondern vielmehr deren Eltern. Kein Wort hatten sie zu ihren Kindern gesagt – und keinen Deut schienen sie sich um die anderen Menschen auf dem Floss zu scheren.

Was ist Ihre Meinung? Sind kinderfreie Orte sinnvoll? Braucht es mehr Toleranz gegenüber Kindern und Familien?