Wieso spricht niemand über Asexualität?

Asexuelle stossen oft auf Unverständnis und müssen sich rechtfertigen. Bild: Raisa Durandi

Asexuelle stossen oft auf Unverständnis und müssen sich rechtfertigen. Bild: Raisa Durandi

Von Asexualität spricht niemand. Wie kommt das? Und wäre es nicht wichtig, Asexualität genauso zu etablieren, wie es auch mit der Homosexualität endlich geschieht?

Asexualität ist in der Tat ein grosses Tabu. Das hat viele Gründe. Einerseits ist es nach wie vor ein wenig erforschtes Phänomen, welches auch innerhalb der wissenschaftlichen Kommune erst in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit gefunden hat. Deswegen ist es schwierig, hier aufklärerische Arbeit zu leisten. Hinzu kommt, dass es dem hypersexualisierten Ethos unserer heutigen Gesellschaft widerspricht. In einer Sozialstruktur, in der Sex so glorifiziert wird, ist es vor allem für Betroffene schwierig, sich Gehör und Akzeptanz zu schaffen.

Die Definitionen dessen, was Asexualität genau beinhaltet, variieren. Grundsätzlich bezeichnet Asexualität die Abwesenheit sexueller Anziehung oder den Mangel an Verlangen nach Sex. Die Experten sind sich uneinig, ob es sich dabei um eine sexuelle Orientierung oder um eine Extremform der Lustlosigkeit handelt. Letzterem widerspricht jedoch, dass Betroffene nicht unter dem reduzierten sexuellen Verlangen leiden und es nicht als behandlungsbedürftiges Problem ansehen. Es ist eine distinkte Form der sexuellen Abstinenz, die im Unterschied zum bewussten Entscheid zur sexuellen Enthaltsamkeit ein intrinsischer Teil einer Person darstellt. Statistische Erhebungen zur Verbreitung sind sehr selten. In einer gross angelegten britischen Studie gaben jedoch rund 1 Prozent an, «sich noch nie von jemandem sexuell angezogen gefühlt zu haben». Ähnlich spärlich präsentieren sich Studien zu den möglichen Gründen. Dabei bedienen sich die zurzeit postulierten Theorien psychosozialer Erklärungsmodelle wie sexbezogene Scham oder Angst, früherer Missbrauch oder biologische Faktoren wie vorgeburtliche Hormonexposition. Meiner Meinung nach sind diese Hypothesen jedoch verfrüht und mit Vorsicht zu interpretieren.

Viele Asexuelle haben entgegen gängiger Meinung dennoch Sex; nicht aus Lustbefriedigung, sondern aus anderen Gründen. Aber mal ehrlich. Dies sieht bei Nicht-Asexuellen ja oft nicht anders aus. Sex, um Nähe und Intimität herzustellen, um dem Partner zu gefallen oder um sich fortzupflanzen, sind keine Seltenheit – so auch bei Asexuellen. Das Bedürfnis nach emotionaler Nähe und Bindung ist ebenso oft vorhanden, variiert aber auch innerhalb der asexuellen Kommune. Einige sind lieber alleine oder wollen nur daten, andere wiederum sehnen sich nach tiefen, dauerhaften Beziehungen – was leider oft nicht einfach zu finden ist, wenn der Sex fehlt. Nebst der Abklärung, dass es sich nicht doch um eine fehlinterpretierte Lustlosigkeit aufgrund einer Krankheit oder medikamentöser Nebenwirkungen handelt, steht für mich die Stärkung der Betroffenen im Vordergrund. Den Leidensdruck, welchen die Betroffenen aufgrund der Marginalisierung erleiden, schmälern und sie in ihrem Sein bestärken, denn Asexuelle stossen oft auf Unverständnis und müssen sich dafür rechtfertigen etwas «so Schönes und Natürliches» nicht zu wollen.

Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri beantwortet freitags eine Leserfrage zum Thema Sexualität und Liebe. Diese wird vertraulich behandelt und ohne Namensnennung publiziert. Schreiben Sie uns auf sexologisch@tages-anzeiger.ch.