Männer, die abtreiben?

Es sind Sommerferien, auch für unsere Autorinnen, Autoren und ihre Familien. Deshalb publizieren wir während einer Woche Beiträge, die besonders viel zu reden gaben. Dieser Beitrag von Jeanette Kuster erschien erstmals am 21. Mai 2016.

Es kommt immer wieder vor, dass eine Frau das Kind gegen den Willen des Vaters behält. Foto: Frank de Kleine, Flickr.com

Es kommt immer wieder vor, dass eine Frau das Kind gegen den Willen des Vaters behält. Foto: Frank de Kleine, Flickr.com

Der Verband der schwedischen Jungliberalen hat letzte Woche weit über die Landesgrenzen hinaus für Aufregung gesorgt mit der Forderung, dass auch Männer das Recht haben müssten, ein Kind abzutreiben. Im übertragenen Sinne freilich: Wer nicht Vater werden will, kann dies bis zur 18. Schwangerschaftswoche mittels Verzichtserklärung festhalten. Legal entbindet das den Erzeuger vom Vatersein, also von jeglichen Vaterpflichten und -rechten.

Die Regelung würde die Gleichstellung zwischen Männern und Frauen fördern, so die Jungliberalen. Und sie sei durchaus auch für Frauen positiv, da diese von Anfang an Gewissheit hätten, ob ihr Partner sie bei der Erziehung des Kindes unterstützen werde oder nicht.

Dass das Thema die Männer beschäftigt, kann ich nachvollziehen. Dass sie nach Wegen suchen, mehr Mitspracherecht zu erhalten, ebenso. Die Idee der Verzichtserklärung scheint mir allerdings nicht zu Ende gedacht. Natürlich könnte man so als Mann ein deutliches Zeichen setzen: Ich will das Kind nicht, und selbst wenn du es zur Welt bringst, will ich nichts damit zu tun haben. Diejenigen Männer, die sich darüber beklagen, dass sie von den Frauen geschröpft werden, würden zweifellos jubeln über eine solche Lösung, die den Vater von jeglichen Unterhaltszahlungen entbindet.

Aber wie sieht es mit der emotionalen Komponente aus? Ist es wirklich so einfach? Kann man sich als Vater mit einer Unterschrift komplett von einem Kind, seinem Kind lösen? Die Tatsache schlicht ignorieren, dass da ein Mensch heranwächst, den man gezeugt hat? Und was ist mit dem Kind? Das wird irgendwann wissen wollen, wer sein Vater ist. Und die Mutter wird es ihm vermutlich verraten. Es könnte also sein, dass das «abgetriebene» Kind als Teenager plötzlich quicklebendig vor der Haustür steht. Wie reagiert man als biologischer Vater dann?

[EDITOR'S NOTE: POSED PICTURE.] The gynecologist prepares her instruments for the abortion, pictured on October 18, 2013, during a surgical abortion at the gynecological practice Frauenpraxis Runa in Solothurn, Switzerland. (KEYSTONE/Christian Beutler) [ACHTUNG REDAKTIONEN: GESTELLTE AUFNAHME - SYMBOLBILD.] Die Gynaekologin bereitet ihr Instrumente fuer den Abbruch vor, aufgenommen am 18. Oktober 2013 bei einem chirurgischen Schwangerschaftsabbruch in der Frauenpraxis Runa in Solothurn. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Vorbereitung der Instrumente für einen Schwangerschaftsabbruch. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Aus Männersicht muss die Tatsache frustrierend sein, dass bei dem Thema immer die Frau die Entscheidungshoheit hat, weil nun mal nur sie das Kind austragen kann. Will ein Mann aber auf gar keinen Fall ein Kind, gibt es bekanntlich auch für ihn Mittel und Wege, um sicherzustellen, dass kein Nachwuchs gezeugt wird. Die immer wieder gehörte Ausrede, man sei von der Frau hereingelegt worden, lasse ich deshalb nicht gelten.

Beim umgekehrten Fall, wenn also die Frau das gemeinsame Kind abtreiben will, der Mann es aber gerne behalten würde, verstehe ich die männlichen Ohnmachtsgefühle viel besser. Es muss unglaublich schmerzhaft sein, wenn man sich darauf freut, Vater zu werden, die Frau sich aber entscheidet, das Kind nicht zu bekommen. Leopold Brügger, der Betreiber von Gleichstellung.ch, fordert deshalb in der Zeitung «20 Minuten», dass «der Mann ein Vetorecht haben müsste, wenn der Sex einvernehmlich war und er sich verpflichtet, für das Kind zu sorgen».

Würde das Ungeborene in einem Brutkasten heranwachsen, könnte man darüber reden. Doch es wächst nun einmal im Bauch der Mutter heran. Sie alleine entscheidet, was mit ihrem Körper geschieht. Ein Vetorecht des Mannes würde nichts anderes bedeuten, als die Frau zur Schwangerschaft und Geburt zu zwingen, sie zu einem lebendigen Brutkasten zu degradieren – ihr das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit abzusprechen. Bei allem Verständnis für die männliche Verzweiflung: Solche Forderungen tragen ganz sicher nicht dazu bei, die Kommunikation zwischen den Geschlechtern zu verbessern.