Ist eine Beziehung ohne Sex möglich?

Sex ist nicht entscheidend: Sparsamer Sex spricht für eine feste Bindung und wenig Verlustängste. (Bild: Raisa Durandi)

Sex ist nicht entscheidend: Sparsamer Sex spricht für eine feste Bindung und wenig Verlustängste. (Bild: Raisa Durandi)

Ist die «nur gute Freunde»-Konstellation zwischen Mann und Frau ohne Sex möglich – auch im hohen Alter?

Liebe X,
Für die meisten Menschen – und das «meiste» erwähne ich hier mit Absicht – sind Sex, Beziehung und Liebe eng miteinander verbunden und essenziell für eine glückliche Partnerschaft. Leider hält die anfängliche Begierde und Lust nicht ewig an und die sexuelle Gewöhnung führt nach einigen Jahren, ja manchmal bereits nach Monaten zu einer Bettflaute. Studienberichten zufolge sind komplett sexlose Beziehungen und Ehen zwar selten (ca. 2 Prozent), sexarme Beziehungen (weniger als 10-mal im Jahr) jedoch mit einer Häufigkeit von 15 bis 20 Prozent relativ verbreitet. Die Gründe, welche zu dieser Abnahme führen, sind vielfältig. Unterschiedliche Tagesabläufe, Stress, negative oder mangelnde Kommunikation, Vertrauensprobleme, Missverständnisse, Kinder, chronische Erkrankungen etc.

Seltenere Intimkontakte führen jedoch nicht notwendigerweise zu einer Abnahme der Partnerschaftszufriedenheit oder sind ein Indikator für die Beziehungsqualität. Im Gegenteil. Einige Experten gehen sogar so weit und behaupten, dass sparsamer Sex für eine feste Bindung und wenig Verlustängste spricht, und Erotik demzufolge in solchen Beziehungen nicht als Instrument zur «Vergewisserung» oder als «Liebesbeweis» missbraucht wird. Im Laufe der Zeit kommen nämlich neue Bindungsfaktoren dazu, wie beispielsweise ein gemeinsamer Freundeskreis, Kinder oder geteilte Erfahrungen, und die anfängliche Funktion von Sex verändert sich. Sowieso zeigt sich Sex und dessen Häufigkeit als schlechter Prädiktor für das längerfristige Gelingen einer Partnerschaft. So machen laut einer 10-Jahres-Längsschnittstudie von Sullivan und Kollegen positive Partnerkommunikation wie auch Verständnis für die Partnerprobleme einen beträchtlichen Prozentsatz des beständigen Liebesglücks aus. Andere Untersuchungen fügen der Glücksformel zudem eine gewisse psychische Stabilität, Vertrauen und ähnliche Interessen hinzu.

Aus der Praxis kenne ich jedoch auch andere Fälle. So gibt es eine nicht unbeträchtliche Zahl an Paaren, welche sich von Anfang an einvernehmlich auf eine sexlose Beziehung einigen. Und ich spreche hier nicht von vorehelicher Abstinenz. Antagonistisch zum Motto «Gegessen wird zu Hause» führen diese Paare eine glückliche und stabile Partnerschaft, holen sich den Sex jedoch exklusiv ausserhalb der Beziehung. Dies führe zu weniger Eifersuchtsszenarien und Enttäuschungen. Denn die Angst vor Untreue und der damit einhergehende Vertrauensabbruch – schliesslich einer der Hauptgründe für das Scheitern von Beziehungen – falle somit weg. Zudem profitiere die Beziehung enorm von der Tatsache, dass sich kein sexueller Frust einstellt und der Selbstwert dadurch nicht angeknackst wird.

Tatsache ist: Partnerschaft, Sex und Liebe sind nicht in jedem Fall eng miteinander verbunden. Wie viel Sex braucht eine Partnerschaft also wirklich? So viel wie beide mögen. Und das kann auch gar keiner sein. Deshalb der Rat für dauerhafte Partnerschaft: lieber wenig als schlechten und lustlosen Sex.