Wenn Kinder den Lebenslauf «ruinieren»

Für Arbeitsgeber ein Unsicherheitsfaktor: Kinder zu verheimlichen, darf keine Lösung sein. (iStock)

Für Arbeitgeber ein Unsicherheitsfaktor: Kinder zu verheimlichen, darf keine Lösung sein. (iStock)

Ein Gastbeitrag von Anonym*
Ich bin kein Thema. Arbeitslose Akademiker gibt es der Statistik nach kaum. Die wenigen Ausnahmen betreffen Absolventen ohne Berufserfahrung oder Personen, welche exotische Studienrichtungen gewählt haben und deren Markt daher verschwindend klein ist. Wer nicht in dieses Segment gehört und gleichwohl keinen Job hat, der hat einen Fehler: Er hat kein Suchtproblem, leidet an einer anderen Krankheit oder ist fachlich unbrauchbar. Nein – er ist eine Mutter.

Nach meinem zweiten Mutterschaftsurlaub wurde ich in eine ungeplante, aber freiwillige – nach einer Reorganisation habe ich das für mich gänzlich uninteressante Alternativangebot ausgeschlagen – Phase der beruflichen Neuorientierung katapultiert. Nicht, dass ich mit zwei Kita-Kindern, Haus und Garten unbedingt noch eine weitere Baustelle gebraucht hätte. Aber sei es drum, nach einer Phase der Konsternation machte ich mich guten Mutes auf, eine neue Herausforderung zu suchen.

Die ersten paar Male, als ich bei Bewerbungsverfahren zu der Betreuungssituation meiner Kinder ausgefragt wurde, musste ich noch schmunzeln. Ich konnte die zumeist älteren Herren am anderen Ende des Tisches scheinbar davon überzeugen, dass ich mich als berufstätige Mutter mit dieser Frage auch schon befasst habe, und sie beruhigen, dass ich meine Kinder während meiner Abwesenheit nicht in den Tiefkühler stecke, sondern in kompetente Hände übergebe. Mit der Zeit und mit der x-ten Absage wegen meines Wunsches, nur 80 Prozent zu arbeiten, ist mir das Schmunzeln aber vergangen. Ein befreundeter Personalfachmann hat mir daraufhin dringend abgeraten, die Kinder im Lebenslauf zu erwähnen. Bei Frauen sei dies ein Unsicherheitsfaktor.

Dass dieselben kleinen Menschen einen Mann zum zuverlässigen und sozialkompetenten Mitarbeiter machen und ihm so einen Vorteil im Bewerbungsprozess verschaffen, ist unbestritten. Ich habe den Rat der Negierung meiner Kinder dann bei einer Bewerbung befolgt, als ich dann aber nach Hause kam und mich meine Kinder mit einem strahlenden «MAMA!!!» fast über den Haufen gerannt haben, wusste ich, dass dies nicht der richtige Weg sein kann. Meine Kinder sind keine Charakterschwäche, die ich verstecken muss.

Nach mehr Bewerbungen, als ich sie bis jetzt in meinem ganzen Leben geschrieben habe, fingen sie an, die nächtlichen Panikattacken. Nicht, weil ich Existenzängste hätte. Die 3000 Franken im Monat für die externe Kinderbetreuung bezahlen zwar auch wir nicht einfach aus der Portokasse. Dies auch deswegen nicht, weil wir als Paar gerade zu viel verdienten, um eine finanzielle Unterstützung des Arbeitgebers zu erhalten. Ein ganz grosser Teil meines Lohnes ging so für die Betreuungskosten drauf, die alte Leier halt. Den Rest haben wir für die Amortisierung unserer Hypothek gebraucht. Auf die Seite legen konnte ich von meinem guten Gehalt nichts.

Die Kinder aus ihrem gewohnten Umfeld herauszureissen, ist keine attraktive Option, zudem tendierten mit der Aufgabe des Betreuungsplatzes meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt gegen null. Wie dem auch sei, um Existenzängste geht es hier nicht, daran leiden wir nicht. Es geht darum, dass ich für meine Kinder nun genau das bin, was ich nie sein wollte: Ein Beispiel dafür, dass es keine Rolle spielt, ob man sich durch eine solide Ausbildung gekämpft und eine überdurchschnittliche Leistung erbracht hat – das alles schützt nicht davor, ohne Job dazustehen.

Natürlich gibt es diese Überfrauen, die in dieser herausfordernden Lebenssituation noch einen Jobwechsel managen. Mein Lebenslauf kann sich auch sehen lassen. Auslandaufenthalte, drei Fremdsprachen, Zusatzprädikate und Ergänzungsstudium – alles brav erledigt. Die Referenzen im Berufsleben sind erstklassig. Nach meinem ersten Mutterschaftsurlaub habe ich tagsüber mein Team geleitet, meine Dissertation in der Nacht fertiggestellt und mein Kind gestillt, zum Amüsement der Professoren auch gleich im Anschluss an die Promotionsfeier. Nach dem zweiten Mutterschaftsurlaub musste ich in temporärer Abwesenheit meines Partners Kinder, Job und Haushalt alleine stemmen – natürlich waren die Kinder und ich die meiste Zeit krank, ohne dass ich aber im Büro gefehlt hätte. Eine Überfrau freilich hätte zu alledem noch die Energie gehabt, Cüpli an Apéros zu schlürfen und sich dabei das Auffangnetz zu erhalten für den Fall, dass eine berufliche Umorientierung notwendig sein sollte.

Zu meinem ersten Beratungsgespräch beim RAV bin ich nur mit dem grössten Widerwillen gegangen. Eine befreundete Anwältin ist rückwärts aus dem Beratungsbüro hinaus, nachdem sie zu einem Arbeitsrechtskurs verpflichtet hätte werden sollen. So schlimm war es bei mir nicht. Die Beraterin nahm meinen offenen Widerwillen stoisch zur Kenntnis. Gleichwohl kam sie nicht um eine gewisse Realsatire herum. So schlug sie mir vor, auf einer Website für hochqualifizierte Stellensuchende nach einem Stage Ausschau zu halten. Ich habe das höflich erledigt und dann doch entschieden, dass mir nach erfolgreichen Jahren in einer Führungsposition ein Praktikum eher nicht hilft, meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Und die Notwendigkeit eines Führerausweises für eine Akademikerin sehe ich auch nach langem Nachdenken nicht, weswegen ich immer noch nicht verstanden habe, dass das RAV diese Angabe braucht. Nach diesen Informationen war das Gespräch denn auch vorüber.

Ich mache dem RAV keinen Vorwurf. Für das RAV bin ich kein Thema, sollte es nicht sein, darf es nicht sein – * weswegen mein Name auch nicht in der Autorinnenzeile steht. Für die Volkswirtschaft jedoch schon, zusammen mit den 50’000 weiteren Akademikerinnen, die zu Hause bleiben und meist nicht in der Arbeitslosenstatistik auftauchen.