Wie viel Strafe darf sein?

Theoretisch klingt alles schlüssig und einfach: Frau rügt Mädchen. Foto: Andrew Taylor (Flickr)

Theoretisch klingt alles schlüssig und einfach: Frau rügt Mädchen. Foto: Andrew Taylor (Flickr)

Schläge mit einem Gürtel, tagelanges Anschweigen, Fernsehverbot, ohne Znacht ins Bett und immer wieder Hausarrest: Frage ich in meinem Bekanntenkreis nach Strafen aus ihren Kindertagen, sind die Geschichten harmlos bis grauenvoll.

Heute, vier, fünf Jahrzehnte später, kann man sich Strafe als Erziehungsmittel allgemein nur noch schwer vorstellen. Hausarrest kennen viele Kinder nur vom Hörensagen, und gerade diese Massnahme stellen sie sich himmlisch vor: Sie würden dauernd online sein, ohne jemals rauszumüssen. Wo bitte ist das Problem?

Nein, heute ist Strafe mehrheitlich verpönt oder vielmehr subtiler geworden. Das schlägt sich auch in den Ausdrücken nieder: Statt von Strafe sprechen Eltern und Lehrer von Konsequenzen, und Regeln heissen Abmachungen. Nach wie vor geht es aber darum, einem Kind zu zeigen, dass es in den Augen der Erwachsenen etwas falsch gemacht hat. Oder sein Handeln Folgen hat, und zwar unter Umständen unangenehme. Wenn es sich etwa nicht an Regeln hält, wie jene, dass man nicht mutwillig etwas zerstört, klaut und lügt.

Darum ging es wohl auch jenen japanischen Eltern, die gemäss einer Meldung von «Spiegel online» ihren siebenjährigen Jungen dazu aufgefordert haben, mitten im Wald das Auto zu verlassen. Es sollte die Konsequenz oder Strafe dafür sein, dass er zuvor während eines Ausflugs mit Steinen nach Autos geworfen hatte. Die Eltern fuhren nach eigenen Angaben ohne ihr Kind weiter – und kehrten nach kurzer Zeit zurück. Sie hofften, diese Aktion würde dem Jungen eine Lehre sein, stattdessen kam es zur Tragödie: Der Sohn ist seither nicht mehr auffindbar, und die Eltern sind seit Tagen in grösster Sorge. Von einer möglichen Bärenattacke ist die Rede, auch von Erfrieren. Die Empörung in der japanischen Öffentlichkeit ist gross: «Das ist keine Bestrafung, das ist Missbrauch!», schrieb ein Nutzer auf Twitter.

Ohne die Hintergründe zu kennen, scheint es, die Eltern hätten zusammenhangslos reagiert; ihre Konsequenzen wirken übertrieben, unangemessen. Gerade deshalb aber zeigt diese tragische Geschichte geradezu exemplarisch, wie sinnlos Strafen von Eltern eben häufig sind: Sie sind meist nichts anderes als Ausdruck von Ohnmacht und Verzweiflung. Erwachsene verhängen sie, wenn sie nicht mehr weiterwissen, überfordert sind. Oft besteht deshalb zwischen Ursache und Folge keinerlei Zusammenhang. Es ist vielmehr eine elterliche Machtdemonstration.

Darüber, ob man Kinder überhaupt bestrafen soll, gehen die Meinungen auseinander. Erziehungswissenschaftler Jesper Juul sagt in Interviews immer wieder, wie sehr er gegen Strafen (aber auch Belohnungen) sei.

Andere Experten sprechen sich wiederum für Strafen aus, die sinnvoll sind: Je logischer eine Strafe, desto wirksamer sei sie. So sollen gemäss Erziehungswissenschaftlern die Strafen oder Konsequenzen in möglichst engem Zusammenhang mit der Handlung stehen und zeitlich nahe darauf erfolgen. Sie haben meist nur dann den gewünschten Effekt, wenn die Kinder auch nachvollziehen können, was sie falsch gemacht haben. Wenn der Primarschüler etwa entgegen den vereinbarten Regeln zum wiederholten Male im Internet surft, ohne zuvor die Hausaufgaben erledigt zu haben, kann es legitim sein, für eine gewisse Zeit ein Onlineverbot auszusprechen.

Bei alldem soll man als Eltern gegenüber den Kindern klar bleiben und konsequent – auch wenn es um die Umsetzung einer Strafe geht. Idealerweise bleibt man dabei schön ruhig und behält die Nerven; bei jedem Kind, in verschiedensten Situationen und Gemütsverfassungen. Immer wieder.

Theoretisch klingt das alles schlüssig und einfach. Im oft hektischen Familienleben jedoch sind solche Situationen etwas vom Anspruchsvollsten und Anstrengendsten überhaupt.

Wie verhalten Sie sich in Konfliktsituationen? Und zu welchen Konsequenzen greifen Sie?