Und wenn es plötzlich doch ein Kaiserschnitt wird?

Stolz sein auf die eigene Leistung – egal wie man geboren hat: Eine Frau und ihr Neugeborenes kurz nach einem Kaiserschnitt in Portugal. Foto: Paulo cunha (EPA, Keystone)

Stolz sein auf die eigene Leistung – egal wie man geboren hat: Eine Frau und ihr Neugeborenes kurz nach einem Kaiserschnitt in Portugal. Foto: Paulo Cunha (EPA, Keystone)

Mit kugelrundem Bauch spaziert meine Kollegin zurzeit durch die Gegend, die Geburt ihres ersten Kindes steht kurz bevor. Als ich vor wenigen Tagen «Das Geburtsbuch» in der Post hatte, musste ich es ihr deshalb gleich zeigen. Die ideale Lektüre für die werdende Mama, dachte ich. Sie winkte jedoch lachend ab: Sie denke lieber gar nicht erst zu intensiv darüber nach, was da noch auf sie zukomme.

Mir ging es damals ganz ähnlich. Ich war unglaublich gespannt auf die Geburt, hatte aber auch einen Heidenrespekt davor und wollte mir deshalb nicht zu detailliert ausmalen, wie das Ganze vonstattengehen würde. Gleichzeitig hatte ich aber ganz klare Vorstellungen davon, wie ich mein Kind zur Welt bringen wollte: möglichst natürlich nämlich, trotz Spitalumgebung.

Nach acht Stunden war dann der Moment da, in dem ich mir trotzdem eine PDA legen liess. Und noch mal sechs Stunden später blieb mir nichts anderes übrig, als zum plötzlich nötig gewordenen Kaiserschnitt einzuwilligen.

Das Gefühl, versagt zu haben, plagte mich zum Glück nie. Dennoch brauchte es seine Zeit, bis ich die Geburt, die so anders als gewünscht verlaufen war, verarbeitet hatte. Nora Imlau, die Autorin des «Geburtsbuchs», rät werdenden Müttern deshalb, ihre Geburt zwar zu visualisieren, aber dabei immer offen zu bleiben. «Bei der inneren Vorbereitung ist es zwar legitim, sich mit aller Kraft eine natürliche Geburt zu wünschen. Doch dabei passiert es schnell, dass der Kaiserschnitt zu einer Art Feindbild wird, zu dem, was unbedingt vermieden werden muss. Doch genau dieses Wegschieben lässt den Kaiserschnitt zu einem beängstigenden Tabu werden – und für viele Frauen zur Katastrophe, wenn er tatsächlich eintritt.»

Damit man sich als Schwangere über die diversen Gebärmöglichkeiten informieren und die zu einem passende Variante aussuchen kann, beschreibt Imlau in ihrem Buch «10 Wege, ein Kind zur Welt zu bringen». Sie listet die Vor- und Nachteile der Wassergeburt, der Hausgeburt, des Wunschkaiserschnitts auf, beschreibt den jeweiligen Geburtsablauf und gibt einem so einen guten Überblick, ohne zu moralisieren oder zu werten.

Das Buch endet aber nicht mit dem Moment, in dem das Kind das Licht der Welt erblickt: Im dritten Teil widmet sich die Autorin dem Verarbeiten der Geburt. «Jede Geburt ist eine Grenzerfahrung, die Spuren in der Seele hinterlässt», schreibt Imlau, «doch für die ambivalenten Gefühle, mit denen Frauen sich häufig an die Geburt zurückerinnern, ist in unserer Gesellschaft wenig Platz.» Wer ein Baby geboren hat, hat glücklich zu sein, so die landläufige Meinung. Oft fühlen sich neugeborene Mütter aber erst einmal überwältigt, dünnhäutig, womöglich auch traurig. Um das Erlebte zu verarbeiten, rät Imlau, die Erinnerungen aufzuschreiben. Ein Tipp, den mir meine Hebamme damals auch gegeben hat und der bei mir gut funktioniert hat. Während ich meine Geschichte damals aber nur für mich aufgeschrieben habe, veröffentlichen andere Frauen ihre Geburtsberichte für jeden einsehbar in Mütterforen. «Rückmeldungen anderer User zu erhalten, kann Frauen sehr bestärken», erklärt Imlau deren Motivation.

Neben der psychischen geht das Buch auch auf die körperliche Geburtsverarbeitung ein. Denn viele Frauen haben Mühe, ihren veränderten Körper zu akzeptieren. Darüber reden tut allerdings kaum eine, schliesslich will man nicht als oberflächlich gelten und die eigenen Makel lieber totschweigen, als sie ins Zentrum zu rücken. Da hilft es laut Imlau, bewusst die Perspektive zu wechseln und nicht mehr auf die neu entstandenen Problemzonen zu fokussieren, sondern auf die Gründe, die dazu geführt haben: «Mein Körper mag zwar nicht mehr so aussehen wie vor der Geburt, aber er hat mir gezeigt, was ich Unglaubliches schaffen kann – und die wenigen sichtbaren Spuren, die von dieser Erfahrung zurückbleiben, werden mich ein Leben lang daran erinnern.»