Mehr Mut zum Homeoffice!

Lockere Stimmung: Im Homeoffice werden Arbeit und Privatleben nicht scharf getrennt. (iStock)

Wenn Papa telefoniert, muss das Kind leise sein. Der Brecht begreift das ganz gut. Zumindest während der ersten paar Minuten. Dann brüllt er plötzlich «Papa, Pipi machen» oder «Aua, Popo». Spätestens jetzt erkläre ich dem Kunden, dass ich im Homeoffice arbeite. Gestört hat das in über zwei Jahren noch keinen Gesprächspartner. Im Gegenteil: Man redet plötzlich auch über private Themen, die Stimmung wird lockerer.

Mit bis zu drei Wochen am Stück bin ich ein Heavy Homeofficer. Trotz vereinzelter technischer Hürden funktioniert aber nicht nur die Kommunikation mit den Kunden, sondern auch die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen im Hauptquartier.

Mein Nutzen aus dem Homeoffice ist offensichtlich: Ich bin da, wenn die Frau oder das Kind mich brauchen. Ich kriege jeden Entwicklungsschritt mit und muss mir später nicht vorwerfen, des Brechtes Kindheit verpasst zu haben.

Natürlich muss man sich etwas organisieren. In den meisten Fällen ist meine Frau für den Brecht zuständig, während ich konzentriert arbeite. Trotzdem bleibe ich zeitlich flexibel und trenne die Arbeit nicht scharf vom Privatleben. Das bringt auch meinem Arbeitgeber Vorteile: Dringende Mails beantworte ich rasch, und wenn der Brecht lieb spielt, sein Mittagsschläfchen hält oder den Haushalt erledigt, arbeite ich auch mal ein Stündchen ausserhalb der geplanten Arbeitszeit. Trotz körperlicher Abwesenheit bleibe ich für meine Kunden, die Kollegen und die Chefin greifbar.

Umgekehrt kann ich auch mal Hausarbeit einschieben, wenn mich der Job gerade nicht motiviert. So ergeben sich über den Tag verteilt oft mehrere private und berufliche Zeitblöcke. Vereinfacht gesagt: Ich mache öfter das, worauf ich gerade Lust verspüre. Das motiviert zu Höchstleistungen: Meine Fenster sind jetzt sauberer, die Konzepte ausgefeilter.

Ebenfalls ein offensichtlicher Vorteil des Homeoffice ist der eingesparte Arbeitsweg. Die gewonnene Stunde ist viel wert, denn ich kann sie frei für Sinnvolleres nutzen. Das kommt in erster Linie mir und meiner Familie zugute. Aber nicht nur: Wenn ich viel zu tun habe, setze ich die Stunde gerne zum Arbeiten ein und baue Pendenzen ab.

Zahlreiche Familien könnten von flexibleren Arbeitsmodellen, wie eben dem Homeoffice, profitieren – und die Arbeitgeber mit ihnen. Trotzdem sind viele Unternehmen zurückhaltend, selbst wenn die Tätigkeit so was problemlos erlauben würde. Vorgesetzte argumentieren mit Nachteilen der räumlichen Distanz oder fürchten gar, die Mitarbeitenden könnten ihre Freiheiten ausnutzen. Zugegeben, im Homeoffice können Chefs ihre Schäfchen schlechter kontrollieren. Aber Vertrauen wird in der Regel honoriert.

Manchmal sind kleinere, grundsätzlich konservative Arbeitgeber plötzlich doch zu individuellen Lösungen bereit. Dann nämlich, wenn es nicht mehr anders geht. Ich zum Beispiel hätte ohne Homeoffice meine Stelle kündigen müssen.

Schön wäre es, wenn Unternehmen nicht im letzten Moment reagierten, sondern progressiv Experimente wagten. Mein Arbeitgeber und ich haben von Anfang an vereinbart, dass beide Seiten vom geplanten Homeoffice profitieren müssen. Wäre jemand nicht zufrieden, würden wir es abbrechen. So lässt sich das Risiko klein halten.

Unter dem Dach des Experiments könnten Arbeitgeber und Arbeitnehmer nämlich richtig kreativ werden. Konzeptionell ist das Homeoffice ja längst keine Innovation mehr. Warum nicht an einem Tag die Kinder zur Arbeit mitnehmen? Vielleicht spielen sie ja eine Weile zufrieden in der improvisierten Spielecke. Wenn nicht, können die Eltern abwechslungsweise betreuen. Oder der junge Praktikant, der noch nicht sicher ist, ob er auch mal Kinder will. Im Team wird das Modell dann situativ weiterentwickelt oder – falls nicht alle zufrieden sind – nach ein paar Wochen begraben. Was hätte der Arbeitgeber schon zu verlieren?

Und hier noch mal schön zusammengefasst, was ich mir wünsche:

  • dass mehr Unternehmen offen sind fürs Homeoffice und andere flexible Arbeitsmodelle. Experimente vor Reglementen!
  • manchmal (aber wirklich nur manchmal) ein Büro mit Tür statt des Esstischs als Arbeitsplatz.
  • Homeoffice und flexible Modelle in all meinen künftigen Jobs. Ich möchte es nicht mehr missen.
  • etwas weniger Homeoffice als heute. Die Mischung bringt den Spass.

Und für die Schweizer Familienpolitik hätte ich einen Konsensvorschlag parat: Väter kriegen nach der Geburt ihres Kindes entweder zwei Wochen Vaterschaftsurlaub oder dürfen zwei Monate ausnahmslos im Homeoffice arbeiten. Auswählen darf der Arbeitgeber.