Reizwort Muttermilch

Mamablog

Frauensache: Stillen will gelernt sein. Foto: Leigh Blackall/Flickr

Breast is best! «Längeres Stillen hilft gegen Kindstod und Krebs», titelten die Medien vor rund einer Woche weltweit. Sie berichteten von einer Meta-Analyse zu stillenden Müttern, welche die medizinische Fachzeitschrift «The Lancet» veröffentlicht hatte. Ihr Fazit lautet: Stillen sei nicht nur gut für das Baby, sondern auch für die Gesundheit der Mutter. So könnte eine längere Stillzeit nicht nur den Tod von jährlich mehr als 800’000 Babys weltweit, sondern auch rund 20’000 Todesfälle infolge Brustkrebses verhindern.

Wir erfahren einmal mehr: Muttermilch ist ein wundersamer Saft und enthält gesunde Stoffe à gogo. Fürwahr eine Positivmeldung. Doch statt sich darüber zu freuen, regen sich unzählige Frauen fast schon reflexartig darüber auf. «Schon wieder will man uns ein schlechtes Gewissen machen!», schreiben etliche Leserinnen in Kommentaren zur neusten Meldung. Andere hinterfragen die Quelle. Dahinter stecke sicherlich die WHO mit ihrer unsäglichen Empfehlung, Mütter sollten dem Baby während eines halben Jahres ausschliesslich die Brust geben.

Weshalb nur so misstrauisch und wütend, liebe Mütter? Die Quelle ist seriös, und Tatsache ist doch: Meldung und Thema sind als solche höchst interessant. Die Forschung versucht schon seit Jahrzehnten die Muttermilch zu ergründen, um zu verstehen, was ihre Inhaltsstoffe so wertvoll für Babys macht.

Ich hatte vor kurzem die Gelegenheit, mich mit Bernd Stahl, einem der führenden Forscher auf dem Gebiet, zu unterhalten. Stahl ist wissenschaftlicher Leiter der Nutricia-Muttermilchforschung in Utrecht. Sein Team hat sich zur Aufgabe gesetzt, die Muttermilch zu entschlüsseln. Ihr Ziel ist, künstlich hergestellte Babynahrung ähnlicher zu machen wie Muttermilch. Wobei Bernd Stahl sogleich relativiert: Die Muttermilch komplett zu entschlüsseln, werde nie möglich sein: «Es handelt sich um die komplexeste biologische Struktur. Je mehr wir dazu herausfinden, desto mehr wissen wir, wie wenig wir eigentlich wissen.» Die Muttermilch sei ein wahres Wunder und als Babynahrung das Mass aller Dinge.

Der Wissenschaftler bezeichnet die Milch von der Brust als den wichtigsten «Programmierer in der frühkindlichen Entwicklung». Denn Fakt ist zum Beispiel:

Muttermilch …

  • ist für das Baby wie eine natürliche Impfung. Sie enthält Antikörper, die es vor Kinderkrankheiten wie Durchfall und Infektionen schützen.
  • stärkt das kindliche Immunsystem und schützt es vor Allergien.
  • enthält lebende Zellen: In einer Säuglingsnahrung werden weisse Blutkörperchen niemals enthalten sein.
  • passt sich in ihrer Konsistenz den Bedürfnissen des Babys im jeweiligen Moment an: Es erhält so quasi eine durststillende Vorspeise, eine nahrhafte Haupt- und eine sättigende Nachspeise.
  • ist in ihrer Zusammensetzung bei jeder Frau unterschiedlich und auf ihr Baby massgeschneidert: Weil Buben schneller wachsen, ist der Fett- und damit der Kaloriengehalt in der Milch höher als bei Mädchen. Man spricht vom «Fingerabdruck der menschlichen Milch».
  • verändert sich je nach Saison und je nachdem, ob die Mutter Antikörper abgibt.
  • hat nach 12 Monaten keine Bedeutung mehr, was die Ernährung angeht.

Das alles und vieles mehr ist wissenschaftlich erwiesen. Es geht nicht darum, Still- und Flaschenmütter gegeneinander auszuspielen. Es gibt weder eine moralische Verpflichtung, dem Kind die Brust zu geben, noch einen Stillzwang. Auch Flaschenbabys werden erwiesenermassen gross, stark und gesund. Mein Sohn ist eines von ihnen, wie auch ich – und ich gehöre weder der Still- noch der Flaschenlobby an. Mütter entscheiden sich aus unterschiedlichen Gründen für die Flaschennahrung. Aber es sind immer private Gründe – und sie sind immer berechtigt. Und: Auch beim Füttern mit der Flasche können Eltern ihrem Baby Liebe, Geborgenheit und Nestwärme geben.

Doch weil die Debatten um die perfekte Mutterschaft – und dazu gehört meist auch das Stillen – überaus dogmatisch und emotional geführt werden, fühlen sich viele Mütter angegriffen, wenn sie gestehen, dass sie ihrem Kind nicht die Brust geben. Oder sie halten es für nötig, sich vorsorglich erklären zu müssen – so wie ich jetzt hier. Dabei geht es mir lediglich ums Teilen interessanter Infos punkto Muttermilch. Nicht weniger und nicht mehr.