Eine Hebamme für alles!

Ärzte, Hebamme, Stillberatung: Schwangeren fehlt oft eine feste Bezugsperson. (iStock)

Ärzte, Hebamme, Stillberatung: Schwangeren fehlt oft eine feste Bezugsperson. (iStock)

Hebammen sollen in Zürich wieder vermehrt die Möglichkeit bekommen, werdende Mütter eigenständig zu betreuen. Dies forderte der Zürcher Kantonsrat vor kurzem in einem Postulat, das von der SP, AL und EVP eingereicht wurde. Die Forderung basiert darauf, dass die hebammengeleitete Geburt laut Studien die Frauen zufriedener zurücklässt und weniger medizinische Interventionen verzeichnet. Also auch weniger Kaiserschnitte. Ein Argument, das auch die SVP überzeugte. Die BDP hingegen störte sich an genau diesem Punkt, dürfe man den Frauen doch nicht vorschreiben, wie sie zu gebären hätten.

Dabei geht es bei der hebammengeleiteten Geburt um viel mehr als nur ums Gebären. Die werdenden Eltern suchen sich eine Beleghebamme in einem Spital oder Geburtshaus aus, die sie schon während der Schwangerschaft betreut, also auch die Vorsorgeuntersuchungen durchführt. Geht die Geburt los, wird die Hebamme aufgeboten. Und sie bleibt bei der Gebärenden, bis das Baby auf der Welt ist – Schichtwechsel kennt dieses System nicht. Auch die Betreuung im Wochenbett wird in der Regel von derselben Hebamme durchgeführt.

Bisher gibt es in der Schweiz erst wenige Spitäler, die mit diesem System arbeiten. «Leider halten es nicht alle Klinikleitungen für nötig, ein Beleghebammensystem zu implementieren», sagt Barbara Stocker Kalberer, Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbands. Und wenn doch, gibt man sich bisweilen mit nur einer Beleghebamme zufrieden. «Die meisten dieser Hebammen sind deshalb über Wochen ausgebucht, und man muss sich als Schwangere sehr früh darum kümmern, wenn man diesen Weg gehen will», so Stocker Kalberer. Manchmal liegt es jedoch nicht am fehlenden Willen des Spitals, dass nicht mehr Beleghebammen angestellt werden. Stocker Kalberer selber weiss von zwei Spitälern, die ihr Personal aufstocken möchten, aber die Jobs nicht besetzen können. Denn als Beleghebamme zu arbeiten ist anstrengend. «Man ist von der 38. bis zur 42. Schwangerschaftswoche auf Pikett für die Gebärende, das schränkt das Privatleben stark ein.»

Das Zürcher Triemli arbeitet bereits erfolgreich mit Beleghebammen, das Kantonsspital Nidwalden und das Kantonsspital Genf ebenso. «Die Erfahrungen nach den ersten zwei Jahren zeigen eine deutlich grössere Zufriedenheit der betreuten Frauen und der darin arbeitenden Hebammen», schreibt der Hebammenverband 2013 in einem Positionspapier über das Genfer Modell.

Dass Frauen die hebammengeleitete Geburt als entspannter erleben, ist nicht weiter verwunderlich. Man hat seine Hebamme während der Schwangerschaft regelmässig gesehen und ein Vertrauensverhältnis zu ihr aufgebaut. Die Hebamme wiederum kennt einen ebenfalls, weiss um die Ängste und Sorgen der Eltern und spürt, worauf die werdende Mutter anspricht.

Genau an diesem Vertrauensverhältnis mangelt es oft, wie Stocker Kalberer erklärt: «Die Geburtshilfe in der Schweiz ist heutzutage sehr stark fragmentiert: Eine Schwangere kommt im Laufe ihrer Schwangerschaft, Geburt, Wochenbettzeit und während der Stillperiode mit sehr vielen verschiedenen Fachpersonen aus unterschiedlichen Fachrichtungen in Kontakt.» Das führe manchmal zu sehr starken Verunsicherungen. «Es fehlt der Lead», sagt Stocker Kalberer, «die Frauen vermissen eine kontinuierlich anwesende Ansprechperson.»

Auch die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Hebammen müsste gemäss Stocker Kalberer verbessert werden, «im Interesse der Frau und des Kindes». Oft würden Ärzte auch gesunden Schwangeren davon abraten, in einem von Hebammen geleiteten Geburtshaus zu gebären, weil das zu riskant sei. «Viele internationale Studien konnten jedoch das Gegenteil beweisen», so Stocker Kalberer, «und das britische Gesundheitsministerium hat deswegen sogar seine Richtlinien geändert: Gesunden Schwangeren mit einem physiologischen Schwangerschaftsverlauf soll eine Hausgeburt oder eine Geburt in einer von Hebammen geleiteten Institution angeboten werden, weil dort das Ergebnis für Mutter und Kind besser ist als bei einer Geburt im Spital.»

Dass die Stärkung der Position der Hebammen wie von manchem Politiker erhofft die Kaiserschnittrate senken würde, möchte die Präsidentin des Hebammenverbands jedoch so nicht unterschreiben. «Wir Hebammen können diese Rate nicht senken, schliesslich liegt die Entscheidung bei der Frau. Aber wir können die Schwangere beraten und sie im Bewusstsein stärken, dass eine Schwangerschaft ein natürliches Ereignis ist und der weibliche Körper dazu fähig, ein Kind auszutragen und zu gebären.» Wichtig sei ihr, dass das werdende Elternpaar über alle Möglichkeiten gut aufgeklärt sei. «So können sie selber entscheiden, welcher Weg für sie und ihr Baby der richtige ist.»