«Mama, ich bin schwul»

«Prayers for Bobby». (Daniel Sladek Entertainment)

Coming-out ohne Happy End: Szene aus «Prayers for Bobby». (Daniel Sladek Entertainment)

Haben Sie ein Problem mit Homosexuellen? Vermutlich verneinen Sie vehement. Was aber, wenn das eigene Kind Ihnen offenbaren würde, dass es schwul beziehungsweise lesbisch ist? Hier zögern Sie vielleicht schon mit der Antwort. «Betrifft es die eigene Familie, haben viele Leute immer noch ein Problem mit der Homosexualität», sagt Patrick Weber, Berater bei Du-bist-Du.ch. Das bestätigt auch die Studie «Coming out – und dann…?!», die das deutsche Jugendinstitut gerade veröffentlicht hat.

Mehr als 5000 Jugendliche zwischen 14 und 27 Jahren wurden via Onlinefragebogen befragt. Dabei kam heraus, dass das Coming-out in der Familie als schwieriger bewertet wird als dasjenige im Freundeskreis, in der Schule oder am Arbeitsort. Sieben von zehn befragten Jugendlichen sagten ausserdem, dass die Ablehnung durch die eigene Familie ihre zweitgrösste Sorge sei. Und diese Sorge ist nicht unbegründet: Ganze 45 Prozent der Befragten gaben an, innerhalb der Familie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert worden zu sein. Konkret ist die Rede davon, dass das Ganze nicht ernst genommen oder bewusst ignoriert wurde, die Betroffenen beschimpft und ausgegrenzt oder in seltenen Fällen sogar körperlich angegriffen wurden.

Die meisten Eltern sind schlicht überfordert, wenn ihr Kind ihnen mitteilt, dass es schwul, lesbisch oder bisexuell ist. Das mag damit zusammenhängen, dass der Grossteil sein Coming-out mit 16 oder 17 Jahren hat. «Viele Eltern haben während der Pubertät sowieso das Gefühl, die vermeintliche Kontrolle über ihre Kinder zu verlieren», sagt Eveline Männel Fretz, Elternberaterin bei Pro Juventute, «da kann so eine Mitteilung zusätzlich verunsichern.» Häufig tun Mutter und Vater die Homosexualität erst einmal als Phase ab. Der völlig falsche Weg, wie Weber findet: «Es ist enorm wichtig, dass Eltern ihr Kind in so einem Moment ernst nehmen.» Seine Zweifel könne man durchaus formulieren, aber dann müssten die Worte sorgfältig gewählt sein. «Ist das Kind selber unsicher, was genau mit ihm los ist, kann man ihm zum Beispiel sagen, dass es sich noch nicht festlegen muss», so Weber.

Auch Männel Fretz ist es ein Anliegen, dass die Eltern authentisch reagieren: «Es kann im ersten Moment verletzend für den betroffenen Jugendlichen sein, wenn die Eltern geschockt sind. Spricht man aber nachher ruhig über seine Ängste und Gefühle, stärkt das den betroffenen Jugendlichen für weitere Coming-out-Situationen.»

Ist es denn nicht so, dass die Eltern die Wahrheit oft sowieso schon lange kennen, sie einfach nicht wahrhaben wollten? «Das ist offenbar tatsächlich so, gerade die Mütter vermuten es meist schon länger», bestätigt Weber. Das Kind aktiv darauf anzusprechen, empfiehlt er Eltern trotzdem nicht, «es soll selber damit kommen, wenn es bereit dazu ist». Allerdings können Eltern dem Sohn oder der Tochter helfen, indem sie immer wieder ihre Offenheit und Gesprächsbereitschaft signalisieren. «Man kann zum Beispiel einen passenden Zeitungsartikel als Aufhänger nehmen, um ganz unverkrampft über gleichgeschlechtliche Beziehungen zu reden.»

Ginge es nach Patrick Weber, sollten Eltern schon ab frühester Kindheit viel bedachter mit dem Thema umgehen. «Warum sagen wir zu kleinen Jungs Sätze wie ‹Wenn du später einmal eine Frau hast…›, anstatt ‹Wenn du später einmal eine Frau oder einen Mann hast…›?», fragt Weber. «Würden wir bewusst alles offenlassen, hätten homosexuelle Jugendliche später weniger Mühe, sich ihren Eltern gegenüber zu öffnen.» Die Realität sieht indes anders aus. So rufen bei der Pro-Juventute-Elternberatung sogar schon Eltern von Kleinkindern an, weil der Nachwuchs sich nicht gender-konform verhält: «Wenn kleine Jungs gerne in Röcken herumrennen oder Mädchen sich wie Buben geben, machen sich Eltern oft grosse Sorgen, dass ihr Kind deswegen ausgegrenzt wird», sagt Männel Fretz.

Sorgen, die auch Patrick Webers Mutter bei seinem Coming-out überkommen haben. «Sie hatte Tränen in den Augen, als ich ihr gesagt habe, dass ich schwul bin», sagt Weber, «aber nicht etwa, weil sie sich geschämt hätte, sondern aus Sorge um mich: Sie hatte Angst, dass ich in meinem künftigen Leben stets diskriminiert würde.»

Um Eltern diese Sorgen zu nehmen, ist laut Weber und Männel Fretz vor allem eines nötig: Information. Und die bekommt man heute auch ganz anonym dank dem Internet und diversen Beratungsstellen.

Du-bist-Du.ch: Jugendberatung, die Berater selber sind auch jung und schwul, lesbisch, bi oder trans. Antwort innert 72 Stunden.
Feel-ok.ch: Gesundheitsberatung für Jugendliche mit Foren, Fachartikeln zu Körper und Psyche und der Möglichkeit, mit Beratern zu chatten.
Pinkcross.ch: Seite des Schweizerischen Dachverbandes für Schwule. Infos, Rechtliches und Beratung zu allen Themen rund um Homosexualität.
Pro-Juventute-Elternberatung: 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag erreichbar unter Telefon 058 261 61 61 oder online.