Wenn der Siebenjährige ein Sixpack will

(Flickr/Dennis Brekke)

Von gesundem Znüni bis «dickem Bauch»: Ernährung ist schon für die Kleinen ein grosses Thema. (Flickr/Dennis Brekke)

Der Wecker hat nicht geklingelt! Viel zu spät stürme ich ins Bad, knurre schlaftrunken, weil an eine morgendliche Meditation nicht mal zu denken ist und bin froh, unter dem Haarknäuel wenigstens ein (mein?) Gesicht zu erkennen. Und zack, springt auch schon die Türe auf und zwei Füsschen tapsen hinein. Ich stöhne innerlich. Ja, wenn mir am Morgen meine heiligen 30 Minuten abhandenkommen und sich meine energetischen Einzelteile noch nicht zusammengefügt haben, fällt es mir schwer, mich gleichzeitig auf andere Lebewesen einzulassen.

Natürlich ist es genau an einem solchen, seltenen Morgen, als die Kinderfüsse ein bereits plapperndes Mundwerk mitbringen: «Mami?» – (durchatmen) «Guten Morgen mein Schatz!» – «Ich möchte heute Cornflakes zum Frühstück.» – (Wasser ins Gesicht spritzen.) «Kein Problem!» – «Ohne Schokopulver.» – (Pyjama in die Ecke pfeffern) «In Ordnung.» – «Ohne Zucker.» – «Prima.» – «Und haben wir diese Milch, wo eine Null drauf steht?» – Stopp! Hä? Meine letzte Hirnzelle entscheidet, wach zu werden: «Du meinst die Null-Prozent-Fett-Milch?» – «Ja.» – «Die haben wir nicht. Sag mal, woher kennst du die überhaupt?»

Erst in diesem Moment sehe ich sie: Die hängenden Mundwinkel und traurigen Augen meines Siebenjährigen. «Hey, was ist denn mit dir los?», ich streiche ihm über die Wange. «Und woher kennst du diese Milch? Seit wann magst du Cornflakes? Erst recht ohne Zusätze?» Die Staumauer bricht und ein Meer aus Tränen ergiesst sich über meine noch nackte Schulter: «Ich will unbedingt ein Sixpack haben! Unbedingt! Und mein Freund sagt, mein Bauch sei viel zu dick dafür und ich müsse Cornflakes essen!» Schock. Mein Kopf ist leergefegt. Oder haben sich meine Hirnzellen wieder für den komatösen Schlaf entschieden? Die Pause und mein entsetztes Gesicht kommentiert meine Zehnjährige mit den Worten: «Aber Mami, du sagst ja auch, Müsli sei besser als ein Nutellabrot.» Bääm. Meine aufgrund der Hetze nicht vorhandene Mitte verabschiedet sich komplett.

Stattdessen melden sich – gestatten – Frau Schuldgefühle und Herr Panikmacher, die mich den ganzen Morgen munter zutexten: «DU hast deinen Kindern gesagt, dass ungesunde Ernährung krank und dick macht.» – «DU hast dieses Thema auf den Tisch gebracht.» – «DU förderst damit Essstörungen.» – «Auch DU kümmerst dich um deine Bikinifigur und lebst es vor.» – «DU…» «Ruhe jetzt!» Nach dem zweiten Kaffee übernimmt gottlob meine Seele wieder das Kommando: Ja, wir versuchen unseren Kindern eine gesunde Ernährung nahezubringen.

Unterstützend wirkte dabei das Realienthema unserer Grossen, als sie vor einem Jahr die Ernährungspyramide genaustens studiert und daheim besprochen hat. Seither wissen beide, welche Lebensmittel wichtig und welche überflüssig sind. Und auch, dass ich das wortwörtlich grösste Gewicht auf das individuelle Bauch- und Sättigungsgefühl lege und Sport (der Spass macht!) sowie stilles Wasser als Lebenselixier erachte. Dennoch: Seit ein paar Jahren hat das Thema Sixpack in unserem Bekanntenkreis deutlich zugenommen. Plötzlich reden Göttis, Onkel und Freunde über Ernährung, verzichten auf Dessert oder Bierchen und präsentieren am See ihre gestählten Oberkörper. Das ging an unserem Sohn definitiv nicht vorbei. Von den Frauen gar nicht zu reden: Dass wir Diät halten und über Mehrkilos reden, ist völlig normal. Selbstverständlich realisieren das unsere Töchter.

So erfahre ich an unserem langen Folgegespräch am Nachmittag auch, dass eine Schulkameradin unserer Tochter regelmässig das T-Shirt hochzieht und ihren Bauch mit den Worten «Schau mal, wie dünn ich bin» kommentiert. Hochkonjunktur hat im Freundeskreis unseres Sohnes derzeit der Kraftraum eines Vaters: Hier spielen die Jungs, sie seien erfolgreiche Muskelprotze. Gerade jetzt im Januar scheint das Figurthema omnipräsent.

Ich muss der Tatsache ins Auge schauen und gebe zu: Ich habe das Thema in diesem Alter total unterschätzt! Sicher braucht es die Ernährungsaufklärung. Doch viel wichtiger und kraftvoller sollte die Selbstwertstärkung sein. Und zwar aus vollem Herzen: Das Stärken und Wertschätzen der inneren Eigenschaften im Gegenzug zu den äusseren. Das Lernen beziehungsweise Vorleben, sich selber so anzunehmen, wie man ist. Eine wunderbare Übung dafür ist: Stellen Sie sich täglich mit Ihrem Kind vor den Spiegel, schauen Sie sich an und sagen: «Ich bin wunderschön, genau so, wie ich bin.» Das heilt nicht nur Kinder.

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* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.