«Viele Paare machen sich was vor»


Sexualpädagogin Barbara Balldini gibt Tipps für eine gute Beziehung. (Lea Koch)

Elternpaare, die kein gemeinsames Liebesleben mehr haben, dafür umso wildere Affären. Beziehungen, die wegen des Familienalltags, des vielen Arbeitens oder der Eifersucht in ihren Grundfesten erschüttert werden. In zwei Mamablog-Postings der letzten beiden Wochen ging es um die Frage, wie viel Freiräume sich Paare in einer Beziehung gewähren und wie sie mit Beziehungskrisen umgehen sollen.

Es gab reichlich Kommentare dazu: Man definierte Leidenschaft, diskutierte über Ansprüche und die Wichtigkeit von Freiräumen als auch Treue. Ich nahm dies zum Anlass, mit einer Frau zu reden, die Expertin auf dem Gebiet ist: Barbara Balldini (51), diplomierte Sexualpädagogin, Kabarettistin und Mutter dreier Kinder.

Frau Balldini, Sie plädieren für Freiräume in einer Beziehung. Was genau meinen Sie damit?
Einander Freiräume zu geben, ist elementar in einer Paarbeziehung, genauso wie gegenseitiges Vertrauen. Nur wer loslässt, kann behalten. Mein Lebenspartner und ich haben es so geregelt, dass jeder einmal die Woche einen freien Abend zur Verfügung hat, in jedem Quartal ein freies Wochenende und jährlich eine ganze Woche für sich.

Sie selbst leben eine offene Beziehung: Nebst Ihrem Lebenspartner, mit welchem Sie seit 20 Jahren zusammen sind, haben Sie auch Liebhaber. Wie geht das?
Wir haben definiert, dass wir zusammengehören, aber gleichzeitig frei sind. Das hat mich meinem Liebsten eigentlich noch näher gebracht. Wir können uns in die Augen schauen und sind unglaublich erleichtert. Da hinzukommen, war allerdings ein langer Prozess und nicht einfach. Doch daran kommt man meiner Meinung nach nicht vorbei, wenn man die Beziehung ernst nimmt.

Woran kommt man nicht vorbei? Offen miteinander zu reden, auch was mögliche Affären angeht?
Absolut. Sich damit auseinanderzusetzen, kann letztlich die Beziehung vertiefen. Und es ist nun mal Tatsache, dass mehr als die Hälfte aller Männer und Frauen ihre Partnerinnen und Partner betrügen. Ich bin überzeugt, es sind sehr viele Menschen polyamor veranlagt. Doch das auch wirklich zu leben, braucht ein Riesenpotenzial an Reife.

Sie glauben also, viele Paare machen sich was vor.
Ja. Ich will nicht bewerten, was richtig oder falsch ist. Jeder muss für sich herausfinden, was seine eigene persönliche Wahrheit ist und sein ganz persönlicher Stil. Es gibt Paare, die einen Deal haben, dass man über allfällige Affären nicht spricht, weil man sich nicht verletzen will. Kann ich verstehen, denn nirgendwo ist es so heikel, darüber zu reden, wie beim Seitensprung. Weil es so verletzt! Es tut dem anderen weh, so unendlich weh. Dennoch hat jeder Einzelne eine Verantwortung zu tragen. Man muss sich fragen, ob man mit Seitensprüngen dem Lebenspartner schadet. Glaube ich das, so muss ich mich damit auseinandersetzen und mit ihm darüber reden.

Wird Treue in Beziehungen überschätzt?
Kommt darauf an, welche Treue Sie meinen. Die soziale und die emotionale Treue sind elementar in einer Beziehung: Damit meine ich, das Paar steht zueinander und hat einen liebevollen Umgang miteinander. Zudem unterstützen sie sich gegenseitig: im Alltag, in der Kindererziehung. Mit der körperlichen Treue allerdings ist es schwieriger, zumal nach spätestens zwei Jahren Beziehung die gegenseitige körperliche Anziehung nachlässt. Das ist Fakt. Genauso, wie nach 4 Jahren der Körper keine Glückshormone ausschüttet, wenn der andere den Raum betritt. Hinzu kommt, dass wir von Natur aus nicht monogam veranlagt sind – und dass die Angebote gross sind, in Zeiten von Internet sowieso. Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, körperliche Treue wird überschätzt.

Nach zwei Jahren lässt die sexuelle Anziehung ja aber nicht zwingend nach.
Nicht, wenn man für die gemeinsame Sexualität etwas tut. Man sich also nicht nur sexuell abregt, sondern sich auf den anderen einlässt. Daraus entsteht im Idealfall Intimität. Andernfalls umhüllt einen die Normalität, und das ist der Tod für jede Beziehung.

Sie sprechen von Sex als bindendes Element.
Absolut. Das ist für die Paarbeziehung elementar. Und vergessen wir dabei nicht die Männer.

Wie meinen Sie das?
In einer Familie fühlen sich Männer oft an den Rand gedrängt, wenn Kinder da sind. Es sollte deshalb noch so etwas wie eine Paarbeziehung bestehen. Wir Frauen müssen die Männer mit ihren Bedürfnissen auch ernst nehmen. Was glauben wir denn, was passiert, wenn Männer lange keinen Sex mehr haben? Dass sie ihre Erektionen rausschwitzen? Nein. Er schaut Pornos und onaniert und sucht sich vielleicht eine Geliebte. Er lebt es irgendwie. Und dann sind wir schockiert, wenn wir davon erfahren.