Vertrauen Sie Kinderarzt Dr. Google?

Ein Papablog von Markus Tschannen*

Dank Internetrecherche kann man die richtigen Fragen stellen: Eine Kinderärztin untersucht ein Ohr. Foto: Eden, Janine and Jim (Flickr)

Im Internet findet man die richtigen Fragen dazu: Ohrenuntersuchung bei der Kinderärztin. Foto: Eden, Janine and Jim (Flickr)

Erst hohes Fieber, dann Ausschlag am Zahnfleisch und Mundgeruch auf Niveau eines Kühlschranks nach zwei Monaten Stromausfall. «Möglicherweise krank», denken die aufmerksamen Eltern. Es folgt ein unsicheres Hin und Her: «Vielleicht was gaaanz Schlimmes» versus «wir können doch nicht wegen jedem verfärbten Bisi zum Arzt rennen». Zum Glück leben wir im Jahr 2015, und so konsultieren wir als Erstes einmal Dr. Google. Und siehe da: Der Brecht hat Mundfäule, ausgelöst durch das Herpes-Virus. Unangenehm, aber ungefährlich und für uns Erwachsene sowieso nicht mehr bedrohlich. Wir sind spätestens seit dem ersten Knutschen hinter der Turnhalle des Sekschulhauses infiziert. Jä guet. Düresüüche, den Brecht: von A wie Ablenken bis Z wie Zäpfli.

Nun ist Dr. Google nicht unumstritten. Sein Ruf sagt, das Internet mache aus jedem Unwohlsein innert Sekunden Krebs im Endstadium. Oder ist es noch schlimmer? Verleitet es uns dazu, schlimme Erkrankungen zu lange selber zu behandeln?

Irgendwann können sie ja selber googeln: Der Brecht am PC.

Irgendwann können sie ja selber googeln: Der Brecht am PC.

Ich gehöre zu den Befürwortern von Dr. Google. Das Internet kann helfen, Symptome einzuordnen und Krankheitsbilder zu erkennen. Farbige Bildli unterstützen uns bei der Unterscheidung von Hand-Fuss-Mund-Krankheit und spitzen Blattern. Mit etwas Glück gelingt sogar eine saubere Laiendiagnose und man findet die geeignete Therapie. Die Menge an verfügbaren Informationen über Kinderkrankheiten ist schlicht gigantisch.

Doch da liegt auch das Problem: Jeder kann Blödsinn ins Internet schreiben – meine Mutter sogar versehentlich. Daher sollte man stets kritisch sein und penibel auf die Quelle der angebotenen Informationen achten. Es hilft wie immer der gesunde Menschenverstand. Wenn ich nach medizinischen Informationen suche, halte ich mich an eine Art Quellenhierarchie. Das sieht dann etwa so aus, sortiert nach absteigender Vertrauenswürdigkeit:

1. Patientenratgeber: Informationen von Ärzten für Patienten oder Eltern. Dabei vertraue ich Institutionen wie Krankenhäusern oder Ärzteverbänden eher als einzelnen Ärzten.

2. Informationen aus dem Apothekenumfeld: Apotheker sind zwar sachverständige Leute, aber ihre Heftchen und Webseiten werden von PR-Menschen wie mir geschrieben. Das Gute: Sie orientieren sich dabei an etabliertem medizinischem Wissen.

3. Elternforen. Sie wissen, ich pflege da eine besondere Hassliebe. Forenmuttis schreiben zu 90 Prozent wirres Zeug. Sie sind aber ein umfangreiches Archiv für erfolgreich behandelte Krankheitsfälle. Irgendein Maximilian-Jason hatte bestimmt schon mal denselben Ausschlag wie mein Brecht. Im Forum lese ich dann, was seine Mutti gemacht hat, was der Arzt dazu meinte und wie es ausging.

— Stellen Sie sich hier eine rote Linie vor! —

4. Webseiten mit unklarer Quelle: Da heisst es: «Finger weg!» Wenn ich nicht weiss, wer einen Text mit welcher Absicht geschrieben hat, ist die Information im besten Fall wertlos.

Wenig hilfreich sind auch medizinische Fachtexte, geschrieben von Ärzten für Ärzte. Selbst wenn man sie entziffern kann, sind sie meist zu spezifisch und enthalten kaum diejenigen Informationen, die man als Eltern sucht.

Wikipedia wiederum hilft beim Verstehen von Fachbegriffen, reicht für eine Diagnose und Behandlung aber meist nicht aus. Vor allem würde ich mich nie auf einen einzigen Text verlassen.

Sicher fühle ich mich erst, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

• Die vermutete Diagnose ist hinreichend eindeutig und von anderen, insbesondere schlimmeren Krankheiten abgrenzbar. Es hilft mir wenig, wenn mein Kind mit 80 Prozent Wahrscheinlichkeit trockene Haut hat, aber möglicherweise eben doch die Pest.

• Aus mehreren verlässlichen Quellen lässt sich eine Art herrschende Lehre zur empfohlenen Therapie ableiten. Es handelt sich also nicht um eine umstrittene oder allzu komplexe Krankheit.

• Alle infrage kommenden Diagnosen sind relativ harmlos. Es ist keine anspruchsvolle Behandlung nötig. Mögliche Komplikationen sind nicht zeitkritisch.

Selbstverständlich gilt: Sobald ich die Diagnose nicht auf harmlose Erkrankungen eingrenzen kann, bringe ich mein Kind zum Arzt.

Dennoch empfehle ich eine intensive Internetrecherche, auch bei komplizierten Fällen. Der Brecht hat seit Geburt ein Augenzittern und ist deswegen in regelmässiger Behandlung. Dr. Google hat mir geholfen, die Diagnose besser zu verstehen, den Spezialisten die richtigen Fragen zu stellen, und er gibt mir Sicherheit im Umgang mit den Leiden des jungen Brechtel.

Der eingangs erwähnte Ausschlag im Mund breitete sich übrigens weiter aus, und wir gingen dann doch zum Kinderarzt. Diagnose: Nicht Herpes, sondern Coxsackie-Virus. Manchmal ist Dr. Google so nahe dran und doch daneben. So pflegten wir den Brecht weiter, mit beruhigender Gewissheit und einer neuen Packung Zäpfli.

markus tschannen brecht *Markus Tschannen lebt mit seiner Frau und dem kleinen Brecht wochenweise in Bern und Bochum. Als @souslik nötigt er auf Twitter rund 9000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.