Wenn aus Freunden Co-Eltern werden

epa03137953 Parents accompanied with their babies attend a movie at the cinema 'The Movies' in Amsterdam, The Netherlands, 09 March 2012. From now on, the cinema offers an special program for parents who want to watch the movies with their babies.  EPA/ROBIN UTRECHT

Ein neues Familienmodell braucht neue Freizeitformen: Eine Frau und ein Mann mit ihrem Baby im Säuglingskino. Foto: Robin Utrecht (Keystone)

«Wir sind uns sympathisch, wir verstehen uns gut – lass uns ein Kind machen!» So ungefähr lautet die Kürzestzusammenfassung hinter dem Phänomen der Co-Elternschaft, das seit ein paar Wochen durch die deutschen Medien geistert. Dabei tun sich Männer und Frauen zusammen, um (oft mittels künstlicher Befruchtung) gemeinsam ein Kind zu zeugen. Nicht aus Liebe allerdings, sondern alleine aus dem tiefen Wunsch heraus, Nachwuchs zu bekommen. 

Ein solcher Co-Vater ist Jochen König. Der Autor schreibt regelmässig Beiträge in der «Zeit» über sein Leben als Vater von mittlerweile zwei Kindern. Seine erste Tochter hat er mit seiner damaligen Partnerin in einer klassischen Beziehung bekommen. Das zweite Töchterchen ist das Ergebnis einer Co-Elternschaft, die Jochen gemeinsam mit zwei Frauen eingegangen ist.

Das Co-Eltern-Trio zieht nach acht Monaten mit Baby eine positive Bilanz. Die Kleine habe in den letzten Monaten zu allen dreien eine enge Bindung aufgebaut. «Meistens ist ein Elternteil für sie da, der nicht schon seit Tagen unausgeschlafen und ohne Kontakt zur Welt ausserhalb des Babykosmos auf dem Zahnfleisch geht, sondern sich nach freien Tagen wieder riesig auf die Zeit mit ihr freut», beschreibt König die Vorteile.

Experten zeigen sich gegenüber «20 Minuten» nicht überrascht von dem neuen Familienmodell, sehen jedoch diverse Nachteile. Martina Zemp, Oberassistentin für Paar- und Familienpsychologie an der Universität Zürich sagt etwa, dass es für die Entwicklung des Kindes förderlich sei, wenn die Eltern dem Kind eine liebevolle und konstruktive Partnerschaft vorlebten. Das Kind könne dadurch verinnerlichen, wie sich Frau und Mann in einer Partnerschaft gegenseitig unterstützen. Bei Co-Eltern hingegen «sind keine Emotionen im Spiel. Womöglich streiten sie sich nie. Das Kind lernt so weniger, wie man sich bei Konflikten konstruktiv verhält.»

Die Kritik ist sicherlich begründet. Dennoch frage ich mich, ob man so generalisieren darf? So wie es Paare gibt, die ihre Emotionen offen ausleben, heftig streiten, sich aber danach auch wieder überschwänglich versöhnen, gibt es auch welche, die ihre Gefühle hinunterschlucken. Diese leben ihren Kindern auch nicht vor, wie man «sich konstruktiv verhält» bei Konflikten. Andere waren früher vielleicht sehr emotional, haben diese Gefühle innerhalb der Partnerschaft aber mit der Zeit verloren. «Meine Frau und ich leben auch nur noch wie eine platonische Gemeinschaft, seit das letzte Kind auf der Welt ist. Ist ja aber bei vielen Paaren so», schrieb etwa ein Kommentierender auf «20 Minuten».

Psychiater und Paartherapeut Matthias Neuenschwander sieht noch andere Probleme: «Es kann sein, dass sich ein Partner unvorgesehen in den anderen verliebt», sagt er gegenüber der Zeitung. Dieses Risiko besteht auf jeden Fall. Es scheint mir aber nicht grösser als die Gefahr, dass sich jemand in einer festen Partnerschaft in einen anderen verlieben oder vom Vater oder der Mutter des eigenen Kindes entlieben kann. Gefühle sind nun mal nicht berechen- und planbar.

So falsch finde ich die Idee der Co-Elternschaft deshalb gar nicht. Ich bin zwar der Meinung, dass man sich mehr als nur sympathisch finden sollte, um den Schritt zu wagen. Man sollte sich gern haben und mit den Meinungen und Einstellungen des anderen zumindest umgehen können. Also sowas wie besonders gute, vielleicht sogar beste Freunde sein. Schliesslich plant man keine gemeinsame Firma, die jederzeit wieder aufgelöst, weiterverkauft oder von einem Gründer ganz alleine und unabhängig weitergeführt werden soll. Es geht um einen kleinen Menschen. Und das bringt Verpflichtungen und Verantwortungen mit sich, die für den Rest des Lebens andauern.

Wie stehen Sie dem Thema gegenüber? Halten Sie Co-Elternschaft für eine valable Option für Singles, die gerne Eltern werden wollen? Oder gehören Ihrer Meinung nach zur Zeugung eines Kindes zwingend Liebe und Leidenschaft?