Schluss mit der Dauerkritik

Mamablog

Mütter lästern gerne über andere Mütter. Dabei will jede bloss das Beste für ihr Kind. Foto: Keystone

Ich erinnere mich noch gut an die ersten Male, als ich mit meinem Baby unterwegs war. Wie irritiert ich anfangs war, dass wildfremde Menschen mir ungefragt ihre Babytipps aufdrängten, gerne begleitet von einem vorwurfsvollen Unterton. «Das Baby ist doch noch viel zu klein, um in einen Supermarkt zu gehen, all die Lichter und Geräusche!», zeterte eine ältere Frau, als wir mit dem zwei Wochen alten Kind das erste Mal einkaufen gingen und es genau dann aufwachte und zu weinen begann. Und das war erst der Anfang. Mal hatte meine Tochter angeblich Hunger, dann wieder war ihr zu heiss («Das eng geschnürte Tragetuch!») oder zu kalt («Die fehlende Mütze!)», wenn sie jammerte. Später wurden die direkt geäusserten Ratschläge seltener, lieber murmelten die selbst ernannten Erziehungsexperten ihre Weisheiten vor sich hin – natürlich immer laut genug, dass die zu belehrende Mutter sie auch sicher hören konnte.

Ich kann nachvollziehen, dass jemand sich seine Gedanken macht, wenn ein Baby schreit oder ein Kind tobt. Das tue ich selber auch. Und manchmal denkt man sich in solchen Momenten, dass man selber die Situation ganz anders bewältigen und – klar! – es viel besser machen würde. Solange man das alles nur still vor sich hin denkt, ist das auch kein grösseres Problem. Die Mutter, die sich sowieso schon in einer Stresssituation befindet, aber noch mit Vorwürfen oder tollen Tipps einzudecken, hilft gar nichts.

Manchmal scheint es mir fast zu einer Art Volkssport geworden zu sein, Mütter und ihre Lebensweise oder Erziehungsmethoden zu kritisieren. Langzeitstillerinnen? Krank! Fläschchenfütterinnen? Verantwortungslos! Die Mütter-Kritik ist so allgegenwärtig, dass es auf Englisch bereits einen eigenen Begriff dafür gibt: Mom-Shaming.

In den USA hat dieses Mom-Shaming die letzten Wochen eine weitere Stufe erreicht. Zwei Mütter wurden nämlich nicht bloss direkt kritisiert, sondern via Social Media vor der ganzen Welt blossgestellt. Die eine Mutter war in einem Restaurant beim Stillen fotografiert worden. Das Foto machte danach im Internet die Runde mit der Bemerkung, dass sie ihre Brüste gefälligst anständig zudecken solle. Der andere Fall betraf eine Mutter, die ihr fünfjähriges Kind in einer Rückentrage durch einen Laden trug. Die Geschäftsführerin selber schoss ein Foto und veröffentlichte es auf ihrem Facebook-Profil. Total empört darüber, dass man ein so grosses Kind noch herumtrage.

Beide Mütter erfuhren erst in dem Moment von der Kritik, als sie sich im Internet auf den Bildern wiedererkannten. Sie waren an den virtuellen Pranger gestellt worden, bloss weil jemand eine andere Meinung hatte und diese nicht für sich behalten konnte. Weder hatten  sie einen Fehler gemacht, noch jemandem etwas zuleide getan. Nur versucht, eine möglichst gute Mutter zu sein.

Diese krasse Variante des Mom-Shaming zeigt, wie schnell und unbedacht oft Kritik geäussert wird. Wie sehr gerade auch wir Mütter unsere eigenen Ansichten als die einzig richtigen ansehen, obwohl sie jeweils nur eine Möglichkeit von vielen darstellen. Erinnern Sie sich, wie weh es tut, wenn Sie Ihr Bestes geben, und dafür angegriffen werden? Ich will mir jedenfalls angewöhnen, ganz bewusst noch häufiger Komplimente und aufmunternde Worte zu verteilen. So wie die Frau, die mir an der Kasse einmal gesagt hat, dass ich es ganz toll mache mit meinen Kindern – obwohl (oder gerade weil) die Grosse gerade getobt hat. Da habe ich mich mit der unangenehmen Situation gleich nicht mehr so alleine gefühlt. Und bin trotz grossem Drama ziemlich glücklich nach Hause spaziert.