Eine Schule, die auch glücklich machen soll

Ein Gastbeitrag von Daniel Hess*

A first grader captured during class as he learns reading and writing at Feld school in Suhr, Switzerland, on September 25, 2014. (KEYSTONE/Christian Beutler) Ein Erstklaessler lernt Schreiben und Lesen waehrend dem Unterricht im Schulhaus Feld in Suhr, am 25. September 2014. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Macht dieser Unterricht glücklich? Ein Erstklässler in der Schule. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Noch immer glauben viele Eltern und auch Lehrpersonen, dass ein Kind nur einfach die Schulzeit möglichst erfolgreich durchstehen muss, damit etwas «Rechtes» aus ihm werden kann. Wir gehen weitgehend davon aus, dass die Allgemeinbildung der Schule und die dort erlernte Anpassung an die Gesellschaft sehr wichtig für das spätere Leben und somit auch für das spätere Glück im Leben eines Kindes sind. Aber stimmt das wirklich? Werden erfolgreiche Schüler später zu glücklichen Erwachsenen? Und was passiert mit den nicht erfolgreichen Schülern? Ist die Situation für sie schon hoffnungslos? Werden angepasste und brave Schüler wirklich zu sozialen und mitfühlenden Erwachsenen? Warum waren so viele derjenigen, die als grosse Genies der Menschengeschichte gelten, wie Einstein, Edison, Cézanne oder Picasso, oft sehr schlechte Schüler?

Als Berufsschullehrer konnte ich über mehrere Jahre beobachten, wie verunsichert und ängstlich viele Schulabgänger sind. Diese Ängste, Minderwertigkeitskomplexe und Unsicherheiten zeigten sich zwar oft in Form von Trägheit, Ausweichverhalten, Minimalismus oder auch in scheinbarer Gleichgültigkeit. Aber bei genauerem Erforschen wurde immer wieder deutlich, dass hinter dieser Fassade unzählige Misserfolgserfahrungen, Schultraumata oder auch leidvolle soziale Erlebnisse aus der früheren Schulzeit steckten.

Aus meiner Sicht ist die beste Voraussetzung für glückliche Erwachsene eine glückliche Kindheit und Schulzeit. Viele Lernende und Lehrpersonen aber sind im momentanen System nicht glücklich. Wenn über die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler eine Therapie besuchen muss, dann ist das sicher kein Zeichen für sehr viel Glück und auch keine gute Basis für ihr späteres Leben. In meiner Vision einer Glücksschule ist Lernen nicht mit Anstrengung, Büffeln oder mit Müssen verknüpft, sondern vielmehr mit Wollen, innerer Motivation und Spiel.

Die Schule wird dann zu einer Art «Bildothek», in der eine grosse Auswahl an verschiedenen Materialien, Büchern und allenfalls auch Projekten angeboten wird, wobei die Lernenden selbstbestimmt wählen können, wann sie sich womit und wie lange beschäftigen. Lernen steht so immer im direkten Bezug zum eigenen Leben und wird nie abstrakt, aufgesetzt oder zu einer reinen Informationsaufnahme. Denn aktuell werden die Lernziele, wenn überhaupt, nur sehr kurzfristig für die Prüfung erreicht. Langfristig geht das Gelernte sehr rasch wieder vergessen, wenn das Lernen nicht von innen heraus motiviert ist.

Wenn aus der öffentlichen Schule eine Glücksschule mit idealen Lernprozessen werden soll, dann brauchen die Kinder liebevolle, respektvolle und mitfühlende Bezugspersonen, die sie nicht bewerten oder vergleichen, sondern ihnen wirklich vertrauen. Die Glücksschule ist eine Haltung, eine andere, achtsamere Art, den Lernenden zu begegnen, auf sie einzugehen und ihnen den Raum für ihre individuellen Lernprozesse zu geben.

Der neu gegründete Verein Glücksschule hat sich zum Ziel gesetzt, den im Buch «Glücksschule» erläuterten Ansatz an möglichst vielen öffentlichen Schulen zunächst als Pilotprojekt, parallel zum bestehenden Schulsystem, einzuführen. Sodass die Eltern möglichst frei wählen können, welches System sie sich für ihr Kind wünschen. Sind wir bereit für ein Leben, in dem das Glück im Zentrum steht? Die Kinder sind es schon längst.

SONY DSC*Daniel Hess ist Erwachsenenbildner, Prüfungsexperte und Berufsschullehrer für Psychologie, Pädagogik und Soziologie und Autor des Buches «Glücksschule».