Der Spitzel im Kinderzimmer

Kindheit ohne Privatsphäre: Präsentation der Hello Barbie an einer Spielzeugmesse (Video in englischer Sprache, DadDoes/Youtube)

Viel mehr als gut (oder zumindest schlank und aufgetakelt) aussehen konnte sie bisher nicht, die Barbie. Doch das soll sich noch diesen Herbst ändern. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft will der Spielzeughersteller Mattel die neue Generation der Barbie lancieren, die sogenannte Hello Barbie. Der Name deutet es schon an: Die neue Barbie kann «Hallo» sagen – und noch viel mehr. Sie soll sich dank einer ausgeklügelten Spracherkennungs- und Konversationssoftware mit dem Kind unterhalten und auf seine Fragen eingehen können.

Damit sie das möglichst überzeugend macht, wird das kindliche Geplauder aufgenommen, an eine Cloud geschickt und dort abgespeichert und analysiert. Doch damit nicht genug: Die Eltern erhalten wöchentlich einen Link zugemailt, mit dem sie alle Audiofiles abhören können, die ihr Kind produziert hat. Egal also, ob die Türe des Kinderzimmers offen stand oder nicht, Mama und Papa wissen immer ganz genau, worüber ihr Kind mit seiner Puppe geredet hat.

Ich bin mir nicht sicher, was ich schlimmer finde: Dass eine Spielzeugfirma es völlig legitim findet, Kinder in ihrer privatesten Umgebung zu bespitzeln und diese Daten «nur zwei Jahre lang» abzuspeichern. Oder dass Eltern ihre Kinder abhorchen, bloss weil sie sich angeblich um sie sorgen. Denn auch wenn es das Produkt noch nicht gibt, wir also noch keine Verkaufszahlen kennen: Ich bin überzeugt, dass die Puppe ihre Käufer finden wird. Und dies nicht nur in den USA.

Denn die Hello Barbie ist bloss die Weiterführung der GPS-Sender, mit denen viele Eltern auch hierzulande ihre Kinder seit Jahren ausrüsten. Vom Kinder-Locator «Fröschli» etwa werden in der Schweiz zehn Stück pro Woche verkauft, wie Robert Signer, COO des Herstellers Tracker.ch sagt, «vornehmlich an Eltern von 4- bis 8-jährigen Kindern». Und wenn man schon so bequem wissen kann, wo sich das Kind jeweils aufhält, wieso sollte man dann nicht auch noch ein bisschen mitlauschen? Man meint es ja nicht böse, nein, man möchte nur, dass es dem Kind gut geht.

Mamablog

Foto: Roman Magician/Flickr

Wer sich das sagt, belügt sich indes selbst. Dem Nachwuchs geht es nicht besser dank solcher Geräte. Im Gegenteil: Wie muss sich ein Kind fühlen, das irgendwann merkt, dass es monate-, vielleicht jahrelang belauscht wurde? Das ist etwa so, wie wenn die Eltern früher regelmässig das Tagebuch des Kindes gelesen hätten. Doch von solchen Vergleichen wollen die Eltern nichts hören. Sie haben Angst und solche Gadgets helfen ihnen, sich ruhiger und sicherer zu fühlen. Weil sie sich einreden, dank der Dauerüberwachung stets über ihr Kind Bescheid zu wissen und es dadurch vor allem Bösen beschützen zu können.

Wir werden unsere Kinder aber nie vor jedem Übel dieser Welt beschützen können. Das ist auch gar nicht unsere Aufgabe. Vielmehr sollten wir Eltern sie dazu befähigen, möglichst gut auf sich selber aufpassen zu können. Und das tun wir ganz bestimmt nicht, indem wir sie Tag und Nacht bespitzeln. Sondern indem wir ihnen gewisse Werte und Regeln vermitteln und sie ihre eigenen Erfahrungen machen lassen. Und zu diesen Regeln gehört meiner Meinung nach mehr denn je auch das Thema Privatsphäre und wie man diese schützt.

Wir Eltern sollten unsere Kinder also nicht auch noch überwachen, sondern vielmehr dafür besorgt sein, dass sie auch in Zukunft eine Privatsphäre haben. Wie wir das anstellen sollen? Indem wir uns so gut wir können gegen fragwürdige Entwicklungen wehren. Nicht immer wird uns das so leicht gemacht wie bei der Hello Barbie, die wir problemlos boykottieren oder sogar mittels Petition bekämpfen können. Also tun wir es. Und setzen damit ein Zeichen, das von den Verantwortlichen hoffentlich gehört wird.