Schlagen gehört verboten

Ein Gastbeitrag von Ulrich Lips*

GEWALT, KIND, VATER, OHRFEIGE, SCHLAGEN, PRUEGEL, ELTERN, ELTERLICHE, GEWALT

Ein ausdrückliches Verbot von Körperstrafen fehlt bisher in der Schweiz. Steffen Schmidt, Keystone.

Leider gibt es nur zehn Gebote. Und die Bibel ist geschrieben, da wird nichts mehr geändert. Ein elftes Gebot könnte heissen: «Du sollst deine Kinder nicht schlagen.» Allerdings: Eingehalten werden die zehn Gebote ja nicht wirklich, und es spricht wenig dafür anzunehmen, dass dies beim elften Gebot anders wäre. Aber es wäre zumindest ausgesprochen und an prominenter Stelle festgehalten, dass das Schlagen von Kindern nicht gut ist. Kinder schauen uns Erwachsenen bekanntlich alles ab und lernen schnell. Auch das Schlagen.

Der No Hitting Day heute erinnert daran, dass Gewalt keinen Platz in der Erziehung hat. Kinder erleiden dabei Schmerzen und fühlen sich gedemütigt, entwürdigt, herabgesetzt. Und obwohl sie darunter leiden, lernen sie, dass die Ausübung von Gewalt eine Form der Kommunikation zwischen Menschen sein kann, eine Möglichkeit, Konflikte zu lösen. Einmal gelernt, werden sie diese Kommunikationsform auch selber anwenden – und so dreht sich die Spirale über Generationen weiter und wird zum gesellschaftlichen Problemfaktor.

Deshalb gehört das Verbot von Körperstrafen in der Erziehung in unser Gesetz, am besten in die Bundesverfassung, in Ergänzung des Artikels 11, in dem «Kindern und Jugendlichen ein besonderer Schutz der Unversehrtheit» garantiert wird. Dieses ausdrückliche Verbot fehlt bis jetzt in der Schweiz, im Gegensatz zu 26 anderen europäischen Staaten, wo solche Verbote Wirkung zeigen: Im Laufe der Jahre verändert sich die gesellschaftliche Werthaltung, und damit sinkt die Bereitschaft von Eltern, in der Erziehung Körperstrafen einzusetzen – das ist nachgewiesen. Deshalb macht ein ausdrückliches Verbot unbedingt Sinn.

Das ist alles leicht gesagt: Auch ich halte alle zehn Gebote nicht immer ein, und auch das elfte habe ich einmal verletzt. Kinder können enorm nerven, und einmal, als ich selber erledigt war, ist es mir auch passiert, ohne Vorsatz, aber es ist passiert. Das machte mich unendlich traurig, ich fühlte mich als Versager. Ich nahm den erschrockenen und weinenden Liam in den Arm, entschuldigte mich bei ihm, sagte ihm, wie sehr ich ihn liebe, weinte selber. Dann war es schnell vorbei, und Liam ging sofort wieder zur Tagesordnung über. Viel schneller als ich. Ich spürte zutiefst, wie sehr ich in der Ausnahmesituation von unkontrollierten Emotionen überfahren worden war und wie sehr ich das nicht möchte. Wie sehr ich eben auch nur ein Mensch bin, bei allen Idealen. Und es wurde mir noch klarer: Das soll nie mehr passieren, Gewalt hat keinen Platz in der Erziehung.

1Porträt2013* Ulrich Lips ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Vizepräsident der Stiftung Kinderschutz Schweiz.