Willensstärke kann man lernen

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Ob es durchhält? Ein Mädchen versucht, der Verlockung zu widerstehen und dafür ein zweites Marshmallow zu ergattern. Foto: Screenshot Youtube/Abasa Bank

Angefangen hat alles vor mehr als vierzig Jahren – mit einer kleinen Versuchsreihe, die längst weltberühmt ist: dem sogenannten Marshmallow-Test. Der heute hochrenommierte Psychologe Walter Mischel wollte damals herausfinden, wie vier- bis sechsjährige Kinder auf Versuchungen reagieren und wie sie ihnen widerstehen. Dazu liess er Kinder einer Kita der Stanford University wählen, ob sie ein Marshmallow gleich essen oder lieber warten und dafür die doppelte Ration kriegen wollten. Es ging Mischel darum zu sehen, ob und wie Kinder mit einem Belohnungsaufschub umgehen. Was damals keiner geahnt hätte: Der kleine Test wurde zum Auftakt für unzählige Studien rund um unsere Fähigkeit, Versuchungen zu widerstehen. Denn die Forscher fanden schon bald heraus, dass Kinder, welche den selbst auferlegten Aufschub zugunsten einer grösseren Belohnung wählten, später im Leben signifikant bessere Leistungen erbrachten und sozialkompetenter waren.

Das verlockt zur simplen Schussfolgerung: Willenskraft gleich Erfolg im Leben, der man im Zusammenhang mit dem Marshmallow-Test tatsächlich immer wieder begegnet. (Zum Beispiel in Form von T-Shirts mit dem Aufdruck «Don’t eat the marshmallow», in etwa so sinnig wie Jogginghosen, auf denen steht «Rauchen Sie nicht».)

Doch Mischel hat sich anders entschieden. Als Krönung seiner langjährigen Arbeit hat der mehrfach ausgezeichnete Psychologieprofessor ein Buch geschrieben, «Der Marshmallow-Test», in welchem er sehr persönlich, differenziert und wertfrei zusammenfasst, was in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Gebiet der Selbstdisziplin im weiteren Sinn geforscht wurde, darüber, welche neurologischen Hintergründe mittlerweile bekannt sind und wie wir all diese Erkenntnisse für uns und die Erziehung unserer Kinder nutzen können.

Funktioniert noch immer: Ein aktueller Marshmallow-Test. Quelle: Youtube

Wer einen einfachen und kochbuchrezeptartigen Ratgeber sucht, braucht ein anderes Buch und sicher ein dünneres. Wer jedoch spannende und erhellende Erkenntnisse aus der Psychologie und Neurologie verständlich aufbereitet lesen will und sich und seine Kinder besser verstehen und unterstützen will, der soll noch heute in die Buchhandlung oder in die Bibliothek pilgern und sich den Mischel holen.

Allein schon die liebevollen Passagen, in denen der Autor über die inneren Kämpfe und Triumphe der Kinder schreibt, sind es wert, das Buch zu lesen. Aber auch die Ausführungen darüber, warum es uns oft so schwerfällt, auf etwas zu verzichten, auch wenn wir eigentlich wissen, dass wir später davon profitieren, sind sehr hilfreich. Mischel legt breit dar, welche Faktoren solche Entscheidungen beeinflussen. Dazu bedient er sich bildlicher Beschreibungen unserer zwei Grundsysteme: des «heissen» und des «kühlen», wie er sie nennt. Das heisse System umfasst unser Urhirn, das für alles Überlebenswichtige zuständig ist, also für Sex, Essen, Flucht und Konsorten; das kühle System das Denkhirn, das rational und analytisch funktioniert. Und im Fall von Stress leider meist ausser Betrieb ist.

Ab Minute 2:00: Mischel spricht über sein Marshmallow-Experiment.

Mischel zeigt auf, wie wir uns antrainieren können, Verlockungen möglichst mit dem kühlen System zu meistern, oft schon mit einfachen Kniffen. Zum Beispiel, indem wir uns das Marshmallow als weisse Wolke vorstellen und eben nicht als saftig-weiche, duftende Süssigkeit. Dabei verspricht er keinesfalls, dass das einfach sei, aber immerhin belegtermassen machbar und nützlich. Es ermöglicht uns, härter zu arbeiten, um in Zukunft etwas Bestimmtes zu erreichen. Es hilft jetzt, auf die Zigarette zu verzichten, um für später gesund zu bleiben, oder zu sparen, um uns später etwas Grosses leisten zu können.

Durchgefallen: Auch für Eltern ist der Test kein Kinderspiel. Quelle: Youtube

Dabei verzichtet der Autor darauf, Selbstdisziplin zur allein selig machenden Kardinaltugend per se hochzustilisieren. Zudem widerlegt er die uralte These, dass Willensstärke einfach vererbt sei oder eben nicht und damit basta. Wie man heute weiss, haben wir sehr wohl Möglichkeiten, uns zu ändern. Selbst wenn Gene und sogar schwierige Beziehungen und Erlebnisse in der frühen Kindheit uns massiv prägen. Mischel schreibt ermutigend – aber frei von aufgesetztem «You can do it»-Optimismus. Apropos prägende Kindheit. Eine Erkenntnis ist mir besonders geblieben: Mischel stellte fest, dass Kinder von Eltern, die ihre Versprechen halten, besser mit einem Belohnungsaufschub umgehen können als solche, die nie wissen, ob Abmachungen auch wirklich gelten. Letztere leben eher nach dem Motto «Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach». Macht Sinn.

Der Marshmallow-Test ist also ein Buch für alle, die mehr über den inneren Sauhund lernen wollen. Darüber, wie er bellt und wie wir ihn besser erziehen können. Denn dass wir das tatsächlich können, ist das erfreuliche Fazit des Buchs. Im Zeitalter der mangelnden Frustrationstoleranz hat Mischel damit eine wahrlich edle Tat vollbracht.