Die grosse Karrierelüge

Ein anonymer* Gastbeitrag

Starbereit:

Startbereit: Viele ambitionierte Frauen warten auf eine Karrierechance. Foto: Marius Boatca/Flickr

Ja, ich habe es getan. Ich habe bereits ein Kind grossgezogen. Als «bestes Mami der Welt» auf verstaubten Muttertagskarten und krakeligem Krippen-Weihnachtsgebastel, «mehr schlecht als recht» in meiner aktuellen Selbstwahrnehmung und unter der Tochter unerbittlichem Kritikerinnenblick (sie ist 15, ich 39).

Schwierig. Sehr. Aber auch ein guter Moment, Bilanz zu ziehen und über das eine oder andere Thema nachzudenken. Sich vielleicht die Frage zu stellen, die sich Frauen meines Alters – zumindest in meinem Umfeld – noch stellen: Will ich (noch) ein Kind? Oder, die gängigere Formulierung: Was darfs denn sein: Kind oder Karriere?

Was für eine blöde Frage. Und was für eine verdammte Lüge. Um diese Frage beantworten zu können, ist nämlich eine Voraussetzung absolut zwingend: dass es überhaupt eine Karriere gibt, für die ich mich entscheiden kann.

Eigentlich bin ja ich diesbezüglich besser aufgestellt als meine gleichaltrigen Genossinnen. Ich bin bald 39 Jahre alt, mit zwei abgeschlossenen Studien gut ausgebildet und seit fast 20 Jahren berufstätig. Ich habe grosse nationale und internationale Projekte geleitet, mit Termin- und Budgetverantwortung, internationale Teams von Mitarbeitern geführt, unter widrigsten Umständen, unter Zeitdruck. Mit Erfolg. Und doch arbeite ich jetzt als «normale» Angestellte, Teilzeit wider Willen, ohne Aussicht auf Beförderung.

Was mich aber von den meisten gleichaltrigen Frauen vor allem unterscheidet: Die Kinderfrage ist bereits geklärt, die Betreuungsfrage auch. Ist meine Tochter krank, kann sie sich selber eine Suppe kochen. Sie bringt sich mittlerweile sogar ganz gut selbst ins Bett.

Flexible Arbeitseinsätze und Überstunden sind also kein Problem. Ich arbeite engagiert und zuverlässig, auch in hektischen Momenten selbstständig, strukturiert, exakt und wirtschaftlich. Ich bin es gewohnt, Prioritäten zu setzen und auf Änderungen angemessen zu reagieren. Ich pflege einen kooperativen Führungsstil. Überhaupt fast alles, was in den Inseraten so gefragt ist. Und, das Wichtigste: Ja, ich will! Ich will Verantwortung übernehmen! Ich will entscheiden! Ich will führen!

Ideale Voraussetzungen. Eine perfekte Karrierekandidatin. Ein HR-Glücksfall. Eine zu Fördernde. Könnte man meinen. Vor allem, da sich ja angeblich so wenig Frauen für eine Karriere begeistern lassen. Oder eignen. Oder sich getrauen. Oder was weiss ich. Bloss: Eine Karriere ist weit und breit nicht in Sicht. Während viele gleichaltrige Männer in meinem Umfeld Führungspositionen angeboten bekommen und ihre Löhne sprunghaft steigen, kann ich froh sein, dass ich überhaupt einen Job habe.

Nun gut – könnte ja sein, dass es an mir liegt. Vielleicht fehlt es mir am einen oder anderen. Vielleicht bin ich nicht so gut, wie ich denke. Oder ich trete falsch auf (zu wenig selbstbewusst oder zu selbstbewusst?). Oder ich äussere mich unangebracht (zu fordernd vielleicht oder zu wenig fordernd?). Oder bin ich schlicht: zu ungeduldig? Zu unklar? Undankbar gar? Irgendetwas mache ich jedenfalls falsch. Offensichtlich.

Bereits eine Umfrage unter meinen gleichaltrigen Freundinnen – die vielleicht nicht repräsentativ, dafür verdammt gut gebildet sind – zeigt: Mein Problem scheint nicht nur meins zu sein. Nach endlosen Praktika und zahllosen Jobs als unterbezahlte Hilfskraft können die meisten Frauen froh sein, wenn sie sich endlich eine unbefristete Festanstellung ergattern. Ein Branchenproblem? Eher nicht: Die Freundinnen stammen aus der Architektur, der Kultur, aus den Medien. Aber auch aus der Werbung, dem Kaufmännischen, der Forschung, der Werbung, der Wirtschaft.

Unter diesen Umständen wird frau sich hüten, mehr Lohn zu fordern, geschweige denn, nach Weiterbildung oder gar Aufstiegsmöglichkeiten zu fragen. Tut frau es doch, wird schnell genug darauf hingewiesen, dass frau sich eine solche Förderung erst verdienen müsse, ein Aufstieg noch kein Thema sein könne – und überhaupt (in meinem Fall), ob denn das Kind derweilen gut betreut sei. (Nochmals: Sie ist 15. Und hat auch einen Vater. Und eigentlich geht es sowieso niemanden etwas an.)

Ernsthaft: Ich bin keine Praktikantin mehr. Ich bin eine gestandene Berufsfrau, mit Studium, jahrzehntelanger Erfahrung, Führungserfahrung gar. Kind oder Karriere? Ich habe mich schon längst entschieden. Bloss: Wen interessierts?

*Name der Redaktion bekannt