Das richtige Alter zum Kinderkriegen

Ein Gastbeitrag von Karin Hofmann*

Mamablog

Jedes Alter hat seine Vorteile. Das gilt auch für das Kinderkriegen. Foto: David Salafia (Flickr)

«Schön, wenn das Grosi Zeit hat, mit dir ins Babyschwimmen zu kommen!», sagte die Leiterin des Schwimmkurses zu meiner einjährigen Tochter. Um ein Haar fällt mir der Kiefer ins seichtwarme Wasser. Hat sie das wirklich gerade gesagt? Und wenn ja, hat sie es ernst gemeint oder war das ein schlechter Witz? Doch es lacht niemand, ich schon gar nicht.

«Ich bin nicht die Grossmutter, sondern die Mutter», sage ich kleinlaut. Etwas Besseres fällt mir nicht ein, mein Hirn und mein gesamtes Ich befinden sich gerade in Schockstarre.

Ich bin 43, jung geblieben, energiegeladen und sehe genauso aus wie all die anderen Mamas in der Runde. Finde zumindest ich. Doch vielleicht irre ich mich da. Natürlich bin ich theoretisch bereits in einem Alter, in dem meine Tochter meine Enkelin sein könnte. Doch in unseren Breitengraden kenne ich keine 40-jährigen Grossmütter, Mütter dagegen zuhauf.

Obwohl ich mir einrede, dass die Dame einfach daneben ist, beschäftigt mich die Frage nach dem «richtigen» Alter zum Kinderkriegen trotzdem. Von der biologischen Grenze einmal abgesehen: Ist man wirklich irgendwann zu alt zum Kinderkriegen? Und wenn ja, wann ist denn eigentlich das beste Alter, Mutter zu werden?

Ich bin mir sicher, ich wäre mit 20 oder 30 eine fürchterliche Mutter gewesen. Ich war jung und unabhängig, freiheitsliebend und abenteuerlustig. Ich wollte reisen und die Welt entdecken und mich für Menschen einsetzen, die nicht wie ich auf der Sonnenseite des Lebens standen. Ich war nicht primär gegen Kinder, aber jeder Zeitpunkt, schwanger zu werden, war denkbar ungünstig, bis es fast zu spät war. Und so bekam ich meine Tochter mit 42 und war glücklich darüber. Ich hatte alles erledigt in meinem Leben, was ich bis zu diesem Zeitpunkt unbedingt hatte erledigen wollen, war finanziell unabhängig, erfahren und endlich reif genug, die Mutterrolle zu übernehmen, ja, sie mit Freuden zu übernehmen.

Habe ich wegen meines «hohen Alters» dafür weniger Energie und Geduld? Im Gegenteil. Ich bin heute geduldiger und besonnener als früher. Wieso nur hält sich dieses irrationale Argument der abnehmenden Energie selbst in den Reihen der Frauen so hartnäckig?

Interessanterweise hat mich nie jemand gefragt, ob ich mit 42 die nötige Energie hatte, ein Unternehmen mit über 100 Mitarbeitenden zu leiten. Und ich bin sicher, auch ein 50-jähriger Manager eines Grosskonzerns wurde noch nie gefragt, ob er denn verglichen mit einem 20-Jährigen die nötige Energie für seinen Job noch aufbringen könne.

Und um noch eines dieser fadenscheinigen Argumente aufzugreifen: Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 87,4 Jahren für meinen Jahrgang wird meine Tochter bei meinem Ableben 44,4 Jahre alt sein, sofern sich mein Leben an den Durchschnitt halten wird.

Fazit meiner Überlegungen: Jedes Alter innerhalb der biologischen Zeitspanne ist das richtige, um Kinder zu kriegen. Den Entscheid, wann der Zeitpunkt «richtig» ist, sollte man einzig und allein den betroffenen Müttern und Vätern überlassen. Für die einen ist es zwanzig, für die anderen vierzig. Daran ist weder irgendetwas richtig, noch irgendetwas falsch.

Und beim Verabschieden der Schwimmlehrerin sagte ich: «Sie sind ja auch schon etwas älter, sollten Sie nicht eigentlich schon längst im Ruhestand sein?» Oder zumindest hätte ich das gerne gesagt, aber dazu bin ich viel zu wohlerzogen. Und zu feige auch.

karin_hofmann*Karin Hofmann ist im humanitären Bereich tätig und Mutter einer dreijährigen Tochter.