«Mein kleiner Maximilian-Jason kriegt noch MuMi»

Ein Papablog von Markus Tschannen*

Mamablog

Sehr, sehr besorgt und lieber auf der sicheren Seite: Das Forenmutti. Foto: Steve Debenport

Im Internet treffen Welten aufeinander und bieten dabei mehr Unterhaltung als das Privatfernsehen beim Niveaulimbo. Manch ein Forenbeitrag hat mich schon an den Rand eines Psychologiestudiums getrieben. (Den Rand, an dem das Studium beginnt.) Haustierforen seien besonders schlimm, hört man. Aber auch Babyforen bieten viel Komik.

Hätte ich eine Frage, würde ich die im Babyforum ungefähr so formulieren:
markus1234 (Neuling, 1 Beitrag) schreibt: «Mein Baby (10 Monate) kratzt sich seit 5 Tagen oft am Ohr. Ansonsten ist alles normal. Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht und weiss, woran das liegen könnte?»

Viel eher liest man in Babyforen aber das hier:
Biggylein78 (Profimutti, 39’518 Beiträge) schreibt: «Meine kleine süsse Maus (41W+4, korrigiert 39W+2) hat gestern den ganzen Tag normal gespilt (mit ihrer Rassel und den Holzbauklözzen, die mag sie am liebsten) am Nachmittag war sie etwas quengelig aber ich habe mir noch nichts dabei gedacht. Dan kamen meine Eltern zu Besuch (sie waren zufällig in der Gegend ) und meiner Mutter ist aufgefallen das sich Mia ( sie hat keinen ZN, wir finden das schöner) mehrmals am Ohr gekratzt hat . Ich habe es dann auch gesehen und war ziemmlich besorgt. Kann es eine Mittelohrenzündung sein? Oder etwas schlimmeres? Neurodermitis oder ein Krebsgeschwühr am Ohr? Wir sind natürlich sofort in den Kindernotfall vom KH gefahren und heute morgen gleich zum KiA. Beide sagten ich soll mir keine Sorgen machen wenn das Kind normal isst und zufrieden wirkt. Gelegentliches Kratzen am Ohr sei ganz normal !!! Dazu muss ich sagen, das Mia in der Nacht noch MuMi kriegt und tagsüber Brei. Sie hat gestern den MiB (Biokarotten und Pastinacken) nicht ganz aufgegessen (ca 130ml) den NaB (Mango-Apfel, Mia verträgt keine Bananen) und AB (Dinkelfloken mit MuMi) aber schon. Was soll ich tun? Ich konnte letzte nacht vor Sorgen kaum Schlafen. Mein ältester hatte das auch mal, als er 2Jahre alt war. Jack hat sich in der Nacht am rechten Ohr gekratzt und am Morgen ist es plötzlich abgefallen…»

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Selbst ist das Baby: Der Nachwuchs googelt schon einmal selbst.

Gut, am Ende gingen die Pferde mit mir durch, aber ansonsten entspricht das fiktive Beispiel durchaus der Realität. Beantwortet wird so ein Beitrag typischerweise von sieben weiteren Müttern, die ausnahmslos empfehlen, eine Dritt-, Viert- und Fünftmeinung einzuholen. Mit den Ohren sei bekanntlich nicht zu spassen, das wisse man ja. Ausserdem solle man einen Naturheilpraktiker beiziehen und zur Sicherheit schon mal Globuli geben. Die Stimmung kippt, als ein Vater schreibt, dass mit dem Kind bestimmt alles in Ordnung sei. Ihm wird umgehend Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Eine Mutter droht mit der KESB.

Ich will keinen Geschlechterkrieg heraufbeschwören. Aber wer Babyforen liest, stellt fest, dass darin fast ausschliesslich Mütter aktiv sind. Auch nicht jede Art Mutter, sondern nur der Typus «Forenmutti»:

  • Sie ist stets sehr, sehr besorgt. («SOFORT zum KiA!!! »)
  • Ihr Mitteilungsbedürfnis ist bemerkenswert. («Thorben LIEBT Schwarzwurzeln»)
  • Sie mag Abkürzungen. («Dustin war schon während der SS sehr aktiv»)
  • Abgesehen vom Namen ihres Kindes schreibt sie kein Wort richtig. (Beim Namen weiss man es ja nicht: Entweder heisst das Kind tatsächlich Bényamïnn, oder die Familienkatze jagte den Goldhamster über die Tastatur.)

Die Forenmuttis stören mich übrigens nicht. Ich habe sie gar ins Herz geschlossen, denn sie unterhalten mich, und ihre Beiträge sind durchaus nützlich. Immerhin verbringen Forenmuttis ihre Freizeit beim Kinderarzt und schreiben dessen Diagnose zu jedem erdenklichen Babyproblem nieder. Ich wundere mich allerdings über die komplette Abwesenheit aller anderen Elterntypen. Weshalb sind Väter und sachlich schreibende Mütter in Foren nicht vertreten? Ich habe zwei Theorien:

  1. Sie lesen nur passiv mit, weil die Forenmuttis schon alles geschrieben haben, was man nur schreiben kann. Das Baby bieselt nach der Erkältung in einem leicht dunkleren Gelbton? Irgendeine Forenmutti war damit bestimmt bei fünf Ärzten.
  2. Die Forenmuttis schrecken andere mit ihrem Schreibstil ab und ziehen Gleichgesinnte an. Es findet eine virtuelle Ghettoisierung statt (oder Gentrifizierung, je nach Blickwinkel).

An mir selber kann ich beides beobachten: Ich lese gern Babyforen, aber selber aktiv bin ich in diesem Umfeld nicht. Die Welt der «süssen Mäuse», «kleinen Motten» und «mein Kurzer» ist nicht meine Welt. Oder wie es die geschätzte Twitterkollegin @MmeDisaster kürzlich formuliert hat:

Vielleicht erzähle ich in meinem nächsten Papablog davon, wie das Baby vom Sofa fiel, während ich daneben sass. Es soll ja niemand denken, ich würde mich für etwas Besseres halten.

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.