Die zu wenig vernachlässigten Kinder

Mamablog

Wie viel Zwang muss sein? Junge beim Flötenspielen. Foto: Dark Dwarf/Flickr

Was sollen Kinder dürfen? Und was sollen sie müssen? Soll man ein Kind sanft dazu zwingen, ein Musikinstrument zu erlernen, oder darf das Schulkind seine Freizeit vorwiegend selbst bestimmen? Wann mündet Förderung in Überforderung? In einem grossen Artikel im letzten «SonntagsBlick» erzählten ein Burn-out-Coach, ein Kinderpsychiater sowie die Mutter eines Kindes mit der Diagnose Burn-out vom Druck, unter dem viele Schüler heute stehen. «Wenn Kinder einfach nicht mehr können» lautete der Titel.

In einer Befragung im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab offenbar jeder dritte Schweizer Schüler an, unter Stresssymptomen zu leiden. Die Kinder und Teenager klagten über Bauchschmerzen und Schlafstörungen. Die Studie nannte als Gründe volle Terminkalender mit Sport-, Musik-, und Förderlektionen sowie Reizüberflutung und den konstanten Leistungs- und Erwartungsdruck von Schule und Eltern. Der im Artikel zitierte Kinderpsychiater schätzt, dass gar eines von 60 Kindern an einer Erschöpfungsdepression – auch Burn-out genannt – leidet.

Übereifrige Eltern, überforderte Kinder – offenbar leiden schon Schülerinnen und Schüler an der Managerkrankheit. Im Subtext heisst das auch: Es handelt sich um Kinder, die in ihrer schulfreien Zeit kaum einmal unbeaufsichtigt und frei von Verpflichtungen sind. Sie kennen Langeweile genauso wenig wie sie mit Freunden spontane Pläne schmieden. Dafür haben sie schlicht keine Zeit – und die Eltern ihren Kindern gegenüber zu wenig Vertrauen. Stattdessen erdrücken sie sie vor lauter (falsch gemeinter) Fürsorglichkeit und Ehrgeiz, nehmen ihnen so viel wie möglich ab – und erstellen für sie dicht gedrängte Terminpläne.

Das stresst die Kinder, macht sie im Extremfall krank und unselbstständig. Der Arzt und Psychotherapeut Samuel Widmer Nicolet nennt dies das «Syndrom des zu wenig vernachlässigten Kindes». Gegenüber dem «Stern» sagte er Mitte Januar: «Das sind Kinder, die aufgrund erdrückender Zuneigung und übermässiger Kontrolle der Eltern völlig unselbstständig sind und andererseits ein unglaubliches Anspruchsdenken entwickelt haben.» Er sieht die Ursache dafür im Leben in kleinen Gemeinschaften: Eltern mit nur einem oder zwei Kindern neigten zu übermässiger Bemutterung und Fürsorge, für die in Grossfamilien gar keine Zeit sei. Dort würde stattdessen die Eigenverantwortung des Einzelnen gefördert.

Was viele Eltern meiner Meinung nach häufig ausser Acht lassen, sind die wirklichen Interessen, Bedürfnisse und Fähigkeiten des Kindes. Weshalb ein Kind dazu zwingen, ein Musikinstrument zu erlernen, wenn es gar nicht will? Warum einen Jugendlichen mit Stützunterricht, riesigem Aufwand und konstant hohem Druck durchs Gymnasium würgen, statt eine Alternative in Betracht zu ziehen?

In kenne einige solcher Familien. Die Wünsche und Pläne von Teenagern punkto Ausbildung gelten nicht viel. Selbst wenn ein 15-Jähriger aufgrund schlechter Leistungen aus dem Gymnasium fliegt, wie in meinem Bekanntenkreis vor zwei Wochen geschehen, hinterfragen die Eltern den eingeschlagenen Weg nicht. Stattdessen schicken sie ihn in ein Internat, damit er die Matur hoffentlich doch noch schafft. Er habe schlicht keine andere Wahl, sagte mir dessen Mutter. Sie machte dabei deutlich, dass sie und ihr Mann den Lebensweg ihres Kindes vorgeben, ohne dabei auf ihr Kind einzugehen. Ohne Druck machten die Kinder nichts, sagt sie. Das kann ich bloss zur Hälfte unterschreiben. Ja, man braucht Kindern hin und wieder Druck aufzusetzen, doch nicht konstant und nicht aus Prinzip.

Video: Kinder unter konstantem Druck (Youtube)