Kommt ein Mann zum Arzt . . .

Ein Papablog von Nils Pickert*

Mann Arzt 640

Und immer wieder diese Frage: «Na, wo ist denn die Mutter?» – Hallo? Die arbeitet! Foto: Duncan (Flickr)

Eigentlich gibt es schon genug Witze von der «Kommt ein Mann zum Arzt . . .»-Sorte. Etwa den mit dem Mann, der einen Frosch auf dem Kopf hat, beziehungsweise von dem Frosch, der einen Mann am Hintern hat. Oder jenen, in dem der Arzt seinem Patienten erklärt, er leide unter Blödsinnigkeit und dass die Friedhöfe voll von solchen Leuten seien. Trotzdem hätte ich da noch einen. Mein Witz beginnt damit, dass mein 10 Wochen altes Söhnchen einen Hüftschiefstand hat, der mit einer Spreizschiene korrigiert werden muss, und ist auch sonst nicht besonders lustig. Stattdessen erzählt er davon, dass Väter mit Babys anscheinend auch 2015 befremdlich wirken und jederzeit mit Ratschlägen und Kommentaren eingedeckt werden müssen.

Ein Mann kommt also mit seinem kleinen Sohn zum Arzt. Noch bevor er der Sprechstundenhilfe sagen kann, warum er hier ist, raunt jemand aus dem offenen Wartezimmer: «Wo ist denn die Mutter?!»

Der Mann hat jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder konzentriert er sich auf die Untersuchung (Hüftultraschall mit anschliessendem Verdikt darüber, wie viele Wochen sein Kleiner noch 23 Stunden am Tag diese verdammte Spreizschiene erdulden muss) – oder er raunt zurück. Grundsätzlich ist er zwar eher der Typ fürs Dagegenhalten, aber angesichts der Übellaunigkeit seines Babys (müde plus Verdauungskram) entschliesst er sich dazu, sich dieses eine Mal seinen Teil nur zu denken: Tja, gute Frau, es ist unfassbar, die Mutter ist tatsächlich arbeiten. Aber herzlichen Glückwunsch, Ihr Kommentar ist mal wieder ein Beleg dafür, dass ein Begriff wie «Rabenmutter» nur in der deutschen Sprache existiert.

Es ist warm, die Praxis brechend voll. Hinter ihm nölt jemand, er solle gefälligst ein bisschen schneller machen. Das Baby schreit, weil es jetzt sofort den Schneeanzug ausgezogen haben will. Routiniert macht der Mann alles gleichzeitig: Schneeanzug ausziehen, Mütze mit den Zähnen aufbinden, sich der Wickeltasche entledigen, Versichertenkarte auspacken, die Leute hinter ihm böse anfunkeln. Er «darf dann schon mal im Wartezimmer Platz nehmen». Uii, er darf. Wenn er kein Baby in den Händen hätte, würde er sich vor Begeisterung Luft zufächeln. So verdreht er nur die Augen. Das hilft ein bisschen. Dann setzt er sich in das angepriesene Wartezimmer. Das heisst, er versucht es. Eine Frau zeigt anklagend auf die Spreizschiene des Babys und ruft laut: «Was ist DAS denn?!»

Spitzenfrage von jemandem, der mit Kniemanschette und Krücken im Wartezimmer einer orthopädischen Praxis sitzt. Aber der Kleine schreit, und unser Mann beim Arzt hat anderes zu tun, als darauf einzugehen. Schuckeln, wippen, trösten. Auf und ab laufen. «Kriegt das Baby kein Fläschchen?! Wo ist denn die Mutter?! Können Sie das Kind nicht mal beruhigen?!»

Ein älterer Herr kratzt sich nachdenklich den Bart und schaut fast so ungläubig wie der Mann beim Arzt. Der wird nun glücklicherweise aufgefordert, diese Vorhölle zu verlassen und ein Behandlungszimmer aufzusuchen. 20 Minuten und ein paar Nerven später weiss der Mann, dass die Hüfte seines Kleinen «viel besser geworden ist» und «wir uns in 6 Wochen wiedersehen».

Der Vater ist sich zum ersten Mal im Leben seines Kindes sicher, dass es das Gleiche denkt wie er: Echt jetzt?! Muss das sein? Wenig später hat der Mann den Arzt verlassen und zwängt sein protestierendes Kind im Hausflur vor der Praxis in Spreizschiene und Schneeanzug. Die wartenden Patienten haben sich irgendwie belästigt gefühlt, und der Toilettenraum ist so klein, dass man sich darin nicht einmal drehen kann. Eine Frau informiert ihn im Vorbeigehen noch darüber, dass das Baby schreit. Na, da weiss ich ja jetzt Bescheid, denkt er und malt sich aus, was die Frau wohl für Geräusche von sich gäbe, wenn man sie in ein Ganzkörperspreizschienenkorsett zwängen würde. Anschliessend schnallt er das Baby in der Autoschale an, schwingt es ein paarmal hin und her, bis es sich beruhigt hat und ihm die Augen zufallen. War ja auch alles sehr anstrengend. Der ältere Herr mit dem Bart beobachtet ihn dabei schmunzelnd und sagt schliesslich: «Sie machen das ganz toll!»

Und wenn es nicht schon Januar gewesen wäre, hätte unser Mann auf der Stelle wieder angefangen, an den Weihnachtsmann zu glauben. Immerhin ist dieser Moment der Grund dafür, dass der Mann das nächste Mal, wenn ihm jemand einen «Kommt ein Mann zum Arzt . . .»-Witz erzählt, keinen Affentanz aufführt und wie wahnsinnig «Wo ist denn die Mutter?!» brüllt.

Hoffe ich jedenfalls.

pickert150x150* Nils Pickert lebt mit seiner Familie in Süddeutschland. Er hat eine monatliche Kolumne auf Standard.at, in der er sich mit den männlichen Seiten der weiblichen Emanzipation beschäftigt.