In der Schule ohne Lehrer

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Draussen spielen, auf einem Instrument üben oder eine Sprache lernen: In der Villa Monte entscheiden die Kinder selbst, was für sie gerade das Richtige ist. Foto: villamonte.ch

«Da will ich hin», sagte mein Sohn, als ich im erklärte, was ich gerade lese: Ein Buch über eine aussergewöhnliche Schule, die sich selbst als Schule der Kinder sieht. Die Rede ist von der Villa Monte, einer staatlich anerkannten Privatschule in Galgenen im Kanton Schwyz. Sie wurde 1983 von der Pädagogin Rosmarie Scheu gegründet, die sie mit ihrem Partner Hendrik Kool leitet.

Lehrer und einen Lehrplan im eigentlichen Sinn gibt es hier nicht. Die Kinder entscheiden selbst, was sie wann mit wem wo tun möchten. Sie können draussen Baumhäuser bauen, nähen, eine Sprache lernen oder rechnen. Es gibt weder Prüfungen noch Hausaufgaben. Die Schule geht davon aus, dass jeder für sich weiss, was gut ist für ihn.

Als ich meinem Sohn sagte, dass er leider nicht dort zu Schule gehen könne, weil sie zu weit weg sei, meinte er pragmatisch, dann würde er halt einfach später seine eigenen Kinder dahin schicken. Ich verstehe ihn. Auch wenn meine erste Reaktion auf das Schulkonzept reflexartige Ablehnung war. Zu viel Kuschelpädagogik, zu wenig Klarheit. Das kann doch nicht funktionieren.

Doch offenbar tut es das eben doch. Im neu erschienenen Buch «Villa Monte. Schule der Kinder» erklären die Gründer Scheu und Kool überzeugend ihr Konzept, das sich auf die italienische Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori beruft, von ihnen jedoch eigenständig weiterentwickelt und angepasst wurde. Wie diese gehen sie davon aus, dass Kinder und Jugendliche in Freiheit besser lernen und sich entfalten als unter Druck.

Das leuchtet ein. Aber ich blieb skeptisch. Ich war der Überzeugung, dass Kinder ohne einen gewissen Druck zu disziplinlosen Bälgern werden, die ausser einem übersteigerten Ego und einer Ich-hab-das-Recht-auf-alles-Haltung nichts auf dem Kasten haben. Doch die Statistiken der Schulen sprechen eine andere Sprache: Die Schulabgänger der Villa Monte entsprechen in ihrem weiteren Werdegang den Kindern aus der Volkschule. Und viele ehemalige Schüler finden, sie seien sehr gut auf die Aufgaben des Lebens vorbereitet worden und fühlten sich selbstsicher und sozial kompetent.

Besonders überzeugt hat mich Remo Largos Beitrag zu dem Buch – ein fundiertes Plädoyer für kindgerechtere Schulen. Er legt nachvollziehbar dar, warum sie so nötig sind und für alle zugänglich und erschwinglich sein sollten. In einem kurzen historischen Abriss zeigt er auf, dass die Volksschule und die Schulpflicht im 19. Jahrhundert unter anderem eingeführt wurden, um der Industrie die nötigen Arbeitskräfte zu liefern. Die einheitliche Bildung sollte das Gefühl für die eigene Kultur formen und somit eine Gesellschaft mit fixen Werten schaffen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde dieses autoritäre System zwar infrage gestellt, allerdings ohne dass sich die Schulen entscheidend mit entwickelt hätten.

Erst als die Pisa-Studie vor zwölf Jahren allen vor Augen geführt hat, dass unsere Schulen längst nicht so gut sind, wie wir meinen und möchten, brach die Reformwut aus. Laut Largo erfüllt diese Reformwut ihren Zweck jedoch nicht. Im Gegenteil: Der Druck auf die Kinder hat so stark zugenommen, dass mindestens zwanzig Prozent aller Schüler psychosomatische Symptome zeigen wie Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Kopf- und Bauchweh. Schulverweigerung und Suizide werden zu ernsten Problemen.

Das kann man nicht einfach ignorieren. Das Buch hat eine Seite in mir angerührt, die ich vielleicht zu wenig ernst genommen hatte. Es hat mich daran erinnert, wie sehr diese Art von Schule der Sehnsucht der Kinder entspricht. Ich verstehe meinen Sohn, obschon er das Glück hat, eine wirklich menschliche und innovative Volksschule zu besuchen.

Auch wenn die meisten von uns unsere Kinder nicht in die Villa Monte schicken können, würde es unseren Kindern guttun, wenn wir uns ihre Ideen mehr zu Herzen nähmen. Ich will versuchen, mich weniger einschüchtern zu lassen von der Sorge um die Zukunft meiner Kinder. Ihnen noch mehr zutrauen. Darauf vertrauen, dass sie sich entwickeln wollen und können, wenn ich ihnen den Rahmen biete.

Vor allem aber wäre es schön, wenn wenigstens unsere Enkel Schulen hätten, die wieder mehr für die Kinder da sind und weniger Energie darauf verwenden, über sich selbst nachzudenken.