Schluss mit Job-Klischees!

Ein Gastbeitrag von Helena Trachsel*

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Kommt Ihnen dieses Foto ungewohnt vor? Eine Schreinerin bei der Arbeit. Foto: Michael Courtney

Die Schweiz ist eins der wettbewerbsfähigsten und innovativsten Länder der Welt. In der Rangliste des «Global Competitiveness Report», erstellt vom Weltwirtschaftsforum, belegte sie den internationalen Spitzenplatz. Warum aber sind wir Schweizer nicht ganz so erfolgreich, wenn es um die Gleichstellung von Mann und Frau geht? Im «Gender Gap Report» des Forums sind wir nicht etwa die Nummer eins, sondern landen auf Platz elf. Zahlen und Fakten aus dem Schweizer Alltag bestätigen diesen Kontrast. So verdienen Frauen im Kanton Zürich zum Beispiel im Schnitt 24 Prozent weniger als Männer. Im Finanzsektor, einem der Aushängeschilder der Schweiz, beträgt die Lohndifferenz sogar 32 Prozent. Unter anderem deswegen haben Frauen in der Schweiz auch ein grösseres Armutsrisiko als Männer.

Der Grund für diese Entwicklung ist vielschichtig. Zum einen fehlt der Schweiz ein konsequent verfolgtes Gleichstellungsleitbild. Bis 1985 benötigten Frauen die Erlaubnis des Ehemanns, um ein Bankkonto zu eröffnen oder einen Beruf auszuüben. Das heisst, dass die jungen Frauen von heute teils noch mitbekommen haben, wie ihre Mütter um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie arbeiten wollten, und die Väter dazu ihre Unterschrift gaben.

Dieses überholte Bild beeinflusst noch heute unsere Gesellschaft. Es ist noch immer nicht selbstverständlich, dass Männer und Frauen gleichwertig Verantwortung für Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung übernehmen. Selbst im jungen Alter steuert diese Tendenz schon die Berufsträume. So berücksichtigen 75 Prozent aller Frauen bei der Lehrstellensuche nur die elf beliebtesten Berufe. Zudem entsprechen diese oft einer eher traditionellen Frauenrolle, wie zum Beispiel Fachfrau Betreuung, Dentalassistentin oder auch Coiffeuse. Bei Männern hingegen erweitert sich das Spektrum auf 26 Berufe, vom Informatiker bis zum Automobilfachmann. Diese bieten oft auch mehr Aufstiegsmöglichkeiten.

Gerade deshalb ist es wichtig, schon in der Schule mit Jungen und Mädchen über Lebensplanung, Karrierewünsche und Gleichstellung zu sprechen. Wie gestalte ich meinen Beruf und mein Privatleben? Was bedeutet Gleichberechtigung für Jungen und Mädchen in der Schweiz? Für Mädchen muss es ganz selbstverständlich werden, sich selbst als zukünftige Ernährerinnen zu sehen. Wir müssen Mädchen wie auch Jungen beibringen, sich von ihren individuellen Talenten, Wünschen und Stärken leiten zu lassen, Löhne mit gesundem Selbstbewusstsein zu verhandeln und ihre Karriere unabhängig von Geschlechterrollen zu planen. «Ich bin ein Mädchen und möchte Schreinerin werden – ich bin ein Junge und möchte Krankenpfleger werden.» Solche Wünsche sollten ganz natürlich sein.

Für Unternehmen gibt es wiederum sechs konkrete Schritte, um die Gleichstellung zu fördern:

1. Im Bewerbungsstadium. «Was möchten Sie verdienen?» – diese Frage sollte gestrichen werden, da Frauen bei ihr schlechter abschneiden und sich nicht gut genug bewerten. Stattdessen sollte im Bewerbungsgespräch ein transparentes und klares Lohnband angegeben werden, in dem sich die Bewerber positionieren können.

2. In der Ausbildung. Hier gilt es, Erfolgsfaktoren geschlechtsneutral zu analysieren. Welche Berufe sind zukunftsträchtig? Wie stelle ich mir mein Leben vor und was muss ich tun, um es zu verwirklichen?

3. Bei der Karriereerwartung. Hier sollten Unternehmen proaktiv vorgehen und klar vermitteln, dass sie mehr Frauen einstellen und fördern möchten. Sie müssen bereit sein, Transparenz bei Lohn und Beförderung zu schaffen und das konkrete Ziel der Gleichstellung regelmässig zu überprüfen.

4. In der Unternehmenskultur. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist hier das grosse Thema. Unternehmen sollten von sich aus Flexibilität anbieten. Zu oft muss nach Angeboten wie Teilzeit erst gefragt werden, was unangenehm sein kann.

5. Bei der Förderung. Unternehmen brauchen gemischte Teams bis in die Geschäftsleitung. Um die offensichtliche Lücke von Frauen in Führungspositionen zu schliessen, benötigt es verbindliche, Beurteilungs- oder Bonus-relevante und – je nach Branche – realisierbare Zielvorgaben von mindestens 30 Prozent Frauen auf jeder Hierarchiestufe. Neben der Unterstützung bei der Kinderbetreuung und Angehörigenpflege heisst dies auch, dass es für Männer kein Karrierekiller sein darf, wenn sie eine Zeit lang zu Hause bleiben, um sich um die Familie zu kümmern.

6. Durch Networking. Durch Netzwerke, Mentoring und Coaching können Frauen in ihrer Karriere sinnvoll begleitet und ermutigt werden.

Junge Menschen haben heute ein anderes Verständnis von Erfolg und Karriere. Viele von ihnen wünschen sich mehr Ausgewogenheit im Berufs- und Privatleben. Dieser Umbruch bedeutet eine riesige Chance für unsere Gesellschaft. Wir müssen die nächste Generation dabei unterstützen, Geschlechterrollen zu hinterfragen und neu zu definieren. Um das aber zu verwirklichen, reicht unsere bisherige Herangehensweise nicht aus.

Eine wirkliche Gleichstellung werden wir nur erreichen, wenn wir in allen Bereichen zusammenarbeiten: Politik, Forschung, Industrie, Bildung. Nur dann schaffen wir es, unseren jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, ihren eigenen Lebensweg positiv zu gestalten und sich für den zukünftigen Erfolg der Schweiz einzusetzen – befreit von Geschlechterrollen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA*Helena Trachsel leitet die Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann im Kanton Zürich. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.