Du sollst nach 45 nicht mehr schwanger werden


Simone Jäggi* war ziemlich überrascht, als sie letzten Mai mit 44 Jahren nochmals schwanger wurde. Der Arzt riet ihr, aufgrund ihres Alters einen sogenannten Panoramatest vornehmen zu lassen (nicht-invasives Screening mit dem Blut der Mutter auf vier häufige Chromosomenstörungen) worauf sie bei ihrer Krankenkasse Atupri nachfragte, ob die Zusatzversicherung die Kosten dafür  – immerhin 950 Franken – übernehmen würde. Die Telefonberaterin bejahte. So liess Jäggi den Test durchführen und schickte die Rechnung anschliessend an ihre Versicherung.

Doch diese wies die Arztrechnung zurück. Ab 45 seien keine Leistungen für genetische Untersuchungen mehr vorgesehen, lautete die Begründung gemäss der Radiosendung «Espresso», die über den Fall berichtete.

Mivita, die Zusatzversicherung der Atupri, teilt ihre Versicherten in Lebensphasen ein. Eine Lebensphase dauert von 26-44 Jahre, die nächste von 45-59. Und es ist tatsächlich so, dass ab 45 keine Leistungen für Mutterschaft mehr bezahlt werden. «Diese Lebensphase beginnt in dem Jahr, in dem man 45 wird», erklärt Sprecher Jürg Inäbnit gegenüber Radio SRF.

Dass die telefonische Auskunft falsch gewesen ist und die Versicherung sich nun weigert, aufgrund ihres Fehlers die Kosten zu übernehmen, ist unschön. Dass sie ihre Mutterschaftsleistungen überhaupt ans Alter knüpft, finde ich jedoch weitaus fragwürdiger. Wieso bezahlt man einer Frau, die mit Mitte 40 auf natürlichem Weg schwanger wird, die Zusatzleistungen nicht, einer zwei Jahre jüngeren hingegen schon? Wie um alles in der Welt kommt man auf die Idee, eine so beliebige Grenze festzulegen? Und wie muss sich eine Frau fühlen, die mit 45 Mutter wird und zu hören bekommt, dass in ihrem Alter die Kosten nicht mehr übernommen werden? Von wegen: Wer in diesem hohen Alter noch ein Kind in die Welt setzt, muss halt selber bezahlen.

Inäbnit argumentierte gegenüber dem SRF, dass die Frauen hierzulande im Durchschnitt mit 33 Jahren schwanger würden, spätestens aber mit 40. Aber wenn es doch so wenige Frauen sind, die nach 45 noch ein Kind zur Welt bringen, wieso werden denen diese Mutterschaftsleistungen nicht bezahlt? Allzu hohe Kosten dürften die paar Schwangeren ja nicht verursachen.

Auf Nachfrage sagt Jürg Inäbnit, dass die ganze Tarifkalkulation nun einmal auf diesen Bedingungen beruhe und es müssig sei, über Einzelfälle ausserhalb der definierten Leistungen zu diskutieren. Zudem habe er die Statistik nur beigezogen, «um aufzuzeigen, dass die Altersbegrenzung bei 44 durchaus berechtigt ist».

Doch wie sieht es denn am anderen Ende der Altersskala aus? Müssten gemäss dieser Denkweise konsequenterweise nicht auch Frauen unter 25 von den Mutterschaftsleistungen ausgeschlossen werden? Denn mit 20 Jahren schwanger zu werden, entspricht schliesslich auch nicht der Norm. Doch das sieht die Atupri anders: «Die erweiterten Mutterschaftsleistungen werden den Lebensphasen 13–25 und 26–44 zugerechnet», so ihr Sprecher.

Womit die Krankenkasse gleich selber beweist, wie absurd die Verteilung der Mutterschaftsleistungen auf die einzelnen Lebensphasen ist. Denn übersetzt sagt sie damit nichts anderes, als dass sie Schwangerschaften bei 13-Jährigen völlig in Ordnung findet, schwangere 45-Jährige hingegen nicht.

Zu spitzfindig, sagen Sie? Mag sein. Aber es kann nicht angehen, dass ein Versicherer den Frauen mittels fragwürdiger Bedingungen vorzuschreiben versucht, bis zu welchem Alter es sich gehört, Kinder zu haben. Oder sehen Sie das anders?

*Name der Redaktion bekannt