Ein bisschen mehr Rock and Roll!

Ein Gastbeitrag von Monika Zech*

Als meine Kinder noch Kinder waren, interessierte sich ausser Eltern und Menschen mit pädagogischem Beruf kaum jemand für Familien- und Erziehungsthemen. Jedenfalls nicht die Politiker und folglich auch nicht die Medienschaffenden. Was gab das kleine Leben der Kleinfamilie mit ihren kleinen Sorgen schon her? So wurstelte halt jede vor sich hin, organisierte den Alltag, so gut es ging. Man erzog die Kinder nach eigenem Gutdünken – die einen hielten sich an die Vorgaben ihrer Eltern, andere waren darauf bedacht, alles anders zu machen.

Doch irgendwann, ich weiss gar nicht mehr, wann und wie das begann, änderte sich das. Schule und Familie wurden zur politischen Kampfzone. Und wo gekämpft wird, braucht es Opfer und Täter, braucht es Sieger und Verlierer. Zeitungen, Magazine, Radio und Fernsehen entdeckten Pisa-Schock, Horrorklassen, ausgebrannte Lehrer, unzufriedene Lehrmeister, überforderte Eltern, gestörte Kinder, ständig besoffene und bekiffte Jugendliche. Probleme überall, gemäss dem Motto «Bad news are good news». Was nicht aufregt, ist langweilig.

Irrtum. Denn nach der 100. Story über den katastrophalen Zustand unseres Nachwuchses mag man die 101. nicht mehr lesen. Es ist immer das gleiche Lamento, es langweilt nur noch. Oder, noch schlimmer, es lähmt, macht hilflos, verunsichert. Vor allem diejenigen, die es betrifft: die Mütter und Väter. Ständige Schuldgefühle und immer verbisseneres Streben nach Perfektion sind die Folge. Grässlich für sie, grässlich für ihre Kinder.

Nehmts locker, verliert nicht den Humor, möchte man den Eltern zurufen. Es kommt schon alles gut. Ha, würden die wohl zurückgeben – jemand, der alles schon hinter sich hat, kann gut reden! Die Welt ist aber viel komplizierter geworden, die Gefahren viel grösser usw. Deshalb sei ihnen ein Zeitungsartikel wärmstens empfohlen. Einer, der sich wirklich abhebt von den Schreckensmeldungen der letzten paar Jahre.

Ein Journalist der deutschen Wochenzeitung «Zeit», selber Vater, hat sich die Mühe gemacht, der Frage nachzugehen, wie schlimm es denn nun wirklich um unsere Kinder stehe. Er kam zum Schluss, dass es den allermeisten Kindern noch nie so gut ging wie heute. Dass sie Freude am Leben haben, dass sie zu Empathie fähig sind, dass sie ihre Eltern mögen. Und dort erfährt man auch, dass der Psychologe und Soziologe Martin Dornes nach umfangreicher Recherche ein Buch herausgegeben hat, das sich «wie ein spiegelbildlicher Gegenbefund zur Katastrophenberichterstattung» lese. Leider wurde das Buch mit dem Titel «Die Modernisierung der Seele» kein Bestseller. Ganz im Gegensatz zu jenen des Kinderpsychiaters Michael Winterhoff, der in seinen Buchtiteln mit Vorliebe das Kind als einen Tyrannen aufführt.

Deshalb nochmals der Appell an die Eltern: Nur Mut, vergesst die Winterhoffs und andere Horrorvisionäre, es kommt schon gut mit euren Kindern! Und liegen die Nerven hin und wieder blank, lasst die Grosseltern ran. Denn wie sagte unlängst Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards in einem «Spiegel»-Interview: «Grosseltern können für die schönen Dinge des Lebens zuständig sein und Blödsinn machen.» Anders gesagt: Ein bisschen mehr Rock ’n‘ Roll, das kann Müttern, Vätern und Kindern nur guttun.

Quelle: Youtube

Monika*Monika Zech war von 2005 bis 2010 Chefredaktorin bei «Wir Eltern». Heute arbeitet sie als freie Journalistin sowie als Redaktorin bei der «Tierwelt». Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern, Grossmutter von drei Enkelkindern und aufgewachsen mit neun Geschwistern.

67 Kommentare zu «Ein bisschen mehr Rock and Roll!»

  • Markus Schneider sagt:

    Alles schön und gut mit Empathie und so. Aber stehen sie auch zu unserem Land, sind sie fähig die anstehenden Probleme zu lösen, wovor sich meine Generation drückt. Und wäre die heutige Jugend ebenfalls für einen sechsjährigen Aktivdienst zu gebrauchen, wenn es nötig wäre? Dass es der Jugend gut geht mag ich ihr gönnen, aber ihre tauglichkeit zeigt sich nicht in den guten zeiten. Die schlechten zeigen den wahren Charakter des Menschen und was er wirklich taugt.

    • Anh Toan sagt:

      Ich denke, die „heutige Jugend“ wird Sie enttäuschen, und ich finde das gut, die machen irgendwann eine Welt, wo sich keiner mehr an eine Grenze legen muss, weil es keine Grenzen mehr gibt.

      Frei nach John Lennon frage ich Sie:

      Können Sie sich vorstellen, es gäbe keine Länder mehr?
      So schwer?
      Dann gäbe es nichts mehr um dafür zu töten oder zu sterben
      Auch keine Religion

      Auch Sie suchen die Zukunft im Rückspiegel Ihres Lebens, aber die Jugend blickt vorwärts: Maxi Jazz: Du brauchts keine Augen zum sehen, Du brauchst Vision.

  • Katharina sagt:

    ‚Schule und Familie wurden zur politischen Kampfzone‘ – besagt es eigentlich. Sachlich können Ratgeber helfen, so sie sachlich gehalten sind.

    Die Verschiebung erfolgte, weil nicht mehr auf sachlicher Ebene ge- und beraten wird, sondern auf ideologischer Ebene, und dabei Familien und besonders Kinder als Gesinnungsrohmaterial betrachtet werden, das es im Sinne einer politischen Richtung zu formen gelte.

    Aber: Wer es zulässt, sich verunsichern und formen zu lassen, ist selber schuld, Teil einer willfährigen Manövriermasse zu werden.

    • Muttis Liebling sagt:

      Klare Worte, Katharina, sehe ich genauso und ‚Gesinnungsrohmaterial‘ erweitert meinen Wortschatz. Wie ich oben auch schrieb, die Technik der Ratgeber (nicht nur zu Erziehung) ist die Verunsicherung. Wie der Dealer beim Anfixen schafft man sich eine ‚willfährigen Manövriermasse‘.
      Nicht das alles, was in Ratgebern steht Unsinn ist, nur der Zweck des Schreibens und Vertreibens von Ratgebern ist nicht Wissens- sondern Wirkungserweiterung. Nicht nur bezüglich Ideologie.
      Wir leben in einer übernormalisierten Kultur und da rät man nicht zu mehr Stringenz, sondern zu mehr Leichtfertigkeit.

    • Muttis Liebling sagt:

      2/ Ratgeber folgen immer dem Zeitgeist, weil sie verkauft werden wollen. Oder gehen auf klaren Konfrontationskurs, weil auch das verkaufbar ist. Aber nie gehen sie auf Problem.

  • Sportpapi sagt:

    @Susi: Bei diesen vielen Ratgebern brauche ich direkt einen Ratgeber, der mir den richtigen Ratgeber empfiehlt… Ist es nicht so, dass die meisten gerade das lesen, was ihrer Grundhaltung schon entspricht? Und ja, es geht mehr um Grundhaltungen, als im konkrete Handlungen, oder?

    • Carolina sagt:

      Mein Verdacht ist eben auch, dass viele Erziehungsratgeber dazu dienen, eine bereits zementierte Haltung noch weiter zu untermauern. Dass Erziehungsratgeber mit Handbüchern verwechselt werden, die sozusagen Gebrauchsanleitungen für jedes Kind zu sein haben. (Das hat jetzt aber, Susi, mit Ihnen nichts zu tun, ich glaube kaum, dass Sie dazu neigen!).

      Ich finde, es ist nichts gegen ERG zu sagen, wenn sie immer wieder auf Praxistauglichkeit abgeglichen werden und ein gesundes Misstrauen gegenüber angeblichen Idealnormen bestehen bleibt.

    • Susi sagt:

      @SP: Ich hab häufig Ratgeber zu einem bestimmten Thema bestellt, ohne genau zu wissen, was darin steht, manchmal bekam ich auch welche empfohlen. Irgendwie sehe ich nicht soooo riesige Unterschiede in der Grundhaltung der meisten Ratgeber. Aber ja, sicherlich liest man das, was einem entspricht, was aber aus meiner Sicht nicht heisst, dass man dann daraus nichts mehr lernen kann.

    • Felix Stern sagt:

      Ich halte Ratgeber für gefährlich. Die meisten Ratgeber bauen auf irgendwelchen Studien auf, die die Vererbbarkeit unberücksichtigt lassen. Man kann mit der Erziehung im eignen Haus die Kinder gar nicht so arg beeinflussen, wie diese Ratgeber unterstellen. Dafür vermitteln einem diese Ratgeber oft den Eindruck, dass man etwas falsch macht, weil man dieses tut oder jenes unterlässt. Das halte ich für gefährlich. Das erzeugt Stress und hilft niemandem.

      • Susi sagt:

        für gefährlich? Also ehrlich, Felix, Sie sind sonst doch so reflektiert.

        Wo ich Ihnen aber zustimme, ist, dass die Erziehung bei weitem nicht der Hauptfaktor ist bei der Prägung von Kindern. Da kommt, wie Sie sagen, noch die individuelle Veranlagung hinzu, und was man vor allem nicht unterschätzen darf, ist eben das festgefahrene Beziehungsverhalten der Eltern. Ist dieses gestört, nützen wohl auch Ratgeber nicht viel.

      • Felix Stern sagt:

        Wichtige Faktoren sind die Veranlagung, wie Sie selber sagen und die Umwelt – vor allem die anderen Kinder, mit denen ein Kind um die Häuser zieht. Es sind nicht alle Ratgeber gefährlich. Es gibt aber Ratgeber, die unterstellen, dass man ein Kind formen kann, wie ein Stück Knete. Man spielt mit dem Gefühl der Eltern, das Beste für das Kind zu wollen und man übertreibt, was man dazu in der Erziehung beitragen kann. Diese Übertreibungen werden gemacht, um das Buch wichtig erscheinen zu lassen. Dann ist das Buch gefährlich, weil es in die Irre führt.

  • Felix Stern sagt:

    Ein sehr guter Artikel. Es geht uns – und unseren Kindern – so gut wie noch nie. Mehr noch: wir leben in einer Welt, in der die Empathie zunimmt. Wir sind rücksichtsvoller als unsere Vorgängergeneration und unsere Kinder werden es noch besser können als wir. Das mag vor dem Hintergrund der Berichterstattung paradox wirken. Das Problem ist dann aber nicht, wie sich die Dinge entwickeln sondern wie darüber berichtet wird. Dazu muss man den notwendigen Abstand gewinnen.

  • Sportpapi sagt:

    Kraut und Rüben. Katastrophaler Zustand unseres Nachwuchses? Habe ich so noch nie gelesen. Katastrophaler Zustand unserer Schulen? Ebensowenig. Aber natürlich PISA. Wobei man dort vor allem gesehen hat, dass eine der teuersten Schulen der Welt nicht das absolut beste Resultat erzielt. Aber auch kein schlechtes.
    Richtig ist aber: Erziehung, Schule, Bildung, usw. erhalten mehr Aufmerksamkeit als früher. Das „Wir eltern“ ist aber schon bei meinen Eltern in der Stube gelegen.

    • Sportpapi sagt:

      Und persönlich hätte ich gerne in den Schulen noch ein bisschen mehr klare Daten, ein bisschen mehr Outputmessung (im Verhältnis zum Aufwand), etwas mehr Qualitätssicherung und Transparenz. Und etwas weniger Ideologie, wie es jetzt gerade beim Sprachenstreit sichtbar wird. Aber das sind ein paar heisse Eisen, an denen niemand sich so gerne die Finger verbrennen möchte.

      • Hermann sagt:

        also standardisierte Tests, die zeigen, wie gut die Schüler rechnen und buchstabieren gelernt haben. Das haben wir hier in den USA und da wird nur noch gebüffelt, damit genau das hohe Bewertungen gibt. Da ist es dann egal, ob eine Lehrerin Kinder wirklich gefördert hat, was ja eine sehr individuelle Aufgabe ist. Fehlt nur noch, dass die Schule mehr Geld bekommt, wenn sie höhere Bewertungen erreichen, dann sind die Schulen mit vielen Immigrantenkindern bald im Ghetto.

    • Katharina sagt:

      Mich würde eigentlich interessieren, wie ältere LehereInnen das sehen, Also solche, die einige Schülergenerationen durch das Klassenzimmer begleitet hatten, ob und inwieweit sich das von Generation zu Generation änderte – oder vielleicht nicht.

      Mich interessiert es, weil ich betreffend der heutigen jungen Generation (ca. 20 – 30 jahre alt) eher pessimistisch eingestellt bin.

  • Francesca sagt:

    Absolut richtig. Ein etwas schräges Elternhaus stärkt die Kinder. Selbstbewusstsein vorleben, dann lernen es auch die Kinder. Wichtig einfach: die Kinder spüren, merken, wenn sie etwas drückt. Dazu braucht es keine Ratgeber, keine Politiker und nichts dergleichen, sondern den Willen, hinzuschauen und zuzuhören. Gerade wenn man „Rock n Roll“ ist, muss man spüren, wann es ihnen peinlich ist, und wann sie stolz sind. Und im ersten Fall rockt man dann halt für einmal etwas weniger.

  • roy sagt:

    Lernt gesund zu kommunizieren. Dann kommt alles gut.

  • dres sagt:

    Sehr erfrischender Beitrag. Ich habe noch keinen einzigen Ratgeber gelesen und vertraue mit meiner Frau auf das, was wir für richtig halten.
    Und @Susi: Ich habe durchaus auch Vertrauen ins Ausbildungswesen. Diesbezüglich mache ich mir keine allzu grossen Sorgen. Die wirklich entscheidende Phase kommt mit der Berufslehre / Studium und vor allem danach. Und da wiederum dürfte der Einfluss der Eltern dann mässig sein, ausser man hatt Mutter-/Vater-Sohnchen/-Töchter grossgezogen.

  • Manni Mann sagt:

    Ich sehe das genauso – es wird alles immer besser.
    Die meisten Leute leiden an Nostalgie – sie glorifizieren die Vergangenheit, sehen sie in einem goldenen Rückspiegel und dann sehen sie nur die „verschlechterungen“. Völlig subjektiv. Laaangweilig, und ja armselig. Leute, die sich partout nicht freuen können und mit wenig Liebe in die Welt hinausschauen. Darum sehen sie all das Gute nicht.

    • Felix Stern sagt:

      @Mann. Einverstanden. Man muss den Leuten aber auch zu Gute halten, dass es nicht so leicht ist, all das Gute zu sehen, wenn man nur all das Schlechte in den Nachrichten serviert bekommt.

  • Franz Vontobel sagt:

    Legende Bild 5: „50% der „Beatles“: Alexandra und Theodora Richards rahmen Lea, die Tochter von Ron Wood ein.

    Echt jetzt? Muss man eigentlich grad mal gar nichts mehr wissen, um sich sich Schurnalist zu schimpfen?

    • ta-admin sagt:

      Oops. Das ist/war in der Tat ein dicker Hund… Danke für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. die Journalistin kann rein gar nichts dafür, das muss an dieser Stelle gesagt sein.

    • Widerspenstige sagt:

      Ist mir auch aufgefallen beim Durchlesen heute morgen, aber ich hatte keine Zeit zum korrigierend eingreifen. Dank Franz…..der einfach ALLES analysiert und mit Röntgenblick seziert wie zu alten Gabi-Zeiten. 😀

      • Franz Vontobel sagt:

        Hab in meinem Arbeitsumfeld auch so jemanden, der alles bereits vorher wusste und auch jede Idee bereits vorher hatte – das aber leider immer erst mitteilt, nachdem er’s von jemand anderem gehört hat… 😉

        Und wegen Gabi: glauben Sie mir: Sie zählen 2 und 2 zusammen und erhalten 7 – da das ihnen aber andauernd passiert, spielt das für mich nicht wirklich eine Rolle… 😀

      • Widerspenstige sagt:

        Fragen Sie die Redi, wieviele Male ich denen schon auf den Wecker ging, weil ich intervenierte. Aber diese Antwort passt ausgezeichnet zu Ihnen, Franz, denn sie bestärkt meinen Eindruck. Es sollte übrigens heissen ‚da das Ihnen‘ (gross geschrieben das Ihnen, weil es sonst verwirrend sein kann und gilt immer noch als Höflichkeitsform, gellen Sie, Sie Besserwisser).

      • Carolina sagt:

        😉 (musste jetzt einfach sein!

      • Franz Vontobel sagt:

        Mittlerweilen sollten sie doch selbst bemerkt haben, WS, dass, wenn etwas „ihren Eindruck bestärkt“, dies ein klares Warnsignal dafür ist, dass sich die Dinge eben gerade nicht so verhalten… 😀

        Abgesehen davon: punkto Rechtschreibung und Grammatik sollten sie es wirklich unterlassen, mit Steinen um sich zu schmeissen – sie wissen schon: Glashaus! 😀

      • Sportpapi sagt:

        Aber bitte nicht zu laut gellen, meine Ohren… 🙂

  • fabian sagt:

    rock’n’roll ist gut.
    aber nachher die nachhilfe-gymmi-kurse nicht vergessen, gell.
    und den helm beim trotti-und velo-fahren. und das gesunde essen.
    und aus dem quartier wegziehen, damit nicht zu viele ausländer das kind schlecht beeinflussen.

  • Brunhild Steiner sagt:

    @Susi:
    „Und warum wohl geht es den Kindern heute so gut wie noch nie? Vielleicht gerade eben deshalb,…“
    🙂

  • Susi sagt:

    „Ein Journalist der deutschen Wochenzeitung «Zeit», selber Vater, hat sich die Mühe gemacht, der Frage nachzugehen, wie schlimm es denn nun wirklich um unsere Kinder stehe. Er kam zum Schluss, dass es den allermeisten Kindern noch nie so gut ging wie heute. Dass sie Freude am Leben haben, dass sie zu Empathie fähig sind, dass sie ihre Eltern mögen.“

    Und warum wohl geht es den Kindern heute so gut wie noch nie? Vielleicht gerade eben deshalb, weil man sich jetzt endlich mal für Erziehungsthemen interessiert, Ratgeber liest, das eigene Verhalten reflektiert. Es zeigen sich also die positiven Folgen des von Ihnen, Frau Zech, kritisierten „verbissenen“ Strebens nach Perfektion. Ist Ihnen eigentlich klar, wie paradox es ist, eben diesen Eltern, die sich Gedanken über die Erziehung machen und mit dieser Haltung offenbar einiges erreicht haben, zuzurufen: „Nehmts locker!“?

    Dasselbe gilt auch für das Schulwesen. Heutige Lehrpersonen bilden sich konstant weiter, nehmen teil an Qualitätssicherungsprogrammen, setzen sich mit den Lernenden auf persönlicher Ebene auseinander, anstatt bei Problemen mit dem Rohrstock auf den Tisch zu schlagen. Sollen die es auch wieder ein wenig lockerer nehmen, bei der Bewertung auf Transparenz verzichten, sich keine Gedanken über Pädagogik und Jugendpsychologie machen?
    Untersuchungen wie die Pisa-Studie haben schon ihren Grund, denn sie können Missstände aufzeigen, auf die reagiert werden muss.

    • Muttis Liebling sagt:

      Da bin ich vollständig anderer Meinung, Susi. Die heutigen Kinder sind familiär und schulisch überversorgt. Ratgeber liest man nicht, dass ist Altpapier, welches nur zum Geldverdienen die Buchhandlungen überschwemmt.
      Qualitätssicherungsprogramme kenne ich im Detail nur aus dem Gesundheitswesen, wo es die endemisch gibt, aber keines etwas taugt. Entweder versuchen Fachleute für Qualität sich auf einem Gebiet, welches sie nicht kennen, oder Pflegefachleute ohne Ahnung von Programmmethodik einen komplexen Vorgang in eine Linearskala zu zwängen, in welcher es keine Zeitfaktoren und keine

      • Muttis Liebling sagt:

        2/ Wechselwirkungen gibt. Alle komplexen Probleme aber sind nichtlinear, es gibt, von Ausnahmen abgesehen, kein besser oder schlechter, meist nicht einmal gut und schlecht. Qualitätssicherung und Ratgeberschreiben sind industrialisierte Nutzlosigkeit, eigens zum Broterwerb erfunden.
        Wenn ich mich erzieherisch bilden will,lese ich ein Standardlehrbuch der Entwicklungspsychologie, -Physiologie, Pädagogik. Alles was leicht verständlich ist, KANN nicht auch noch lehrreich sein.
        Im Mittel kann eine zentralafrikanische Mutter, von wenigen Aspekten abgesehen, ihre Kinder genau so gut erziehen, wie

    • Muttis Liebling sagt:

      3/ hypersensibilisierte Europäerin, welche überengagiert zwischen Irrtümern taumelt und vielleicht weniger, dafür aber gravierendere Fehler macht. Meint Lehrer und Eltern.

      • Susi sagt:

        @ML: Natürlich bringt es mir viel, wenn ich mich mit Primärwerken aus der Entwicklungspsychologie und Pädagogik auseinandersetze (das musste ich übrigens für mein Studium tun). Diese Theorien aber konkret auf die Erziehung von Kleinkindern umzumünzen, das tun dann eben die Autoren/innen der Erziehungsratgeber, damit sie für alle verständlich sind.

        Welche Erziehungsratgeber haben Sie denn konkret gelesen, dass Sie sich das Recht herausnehmen, zu sagen, diese gehören aufs Altpapier?

      • Susi sagt:

        Zu Qualitätssicherungsprogrammen: Als Lehrperson nehme ich seit Jahren an einem solchen Teil und kann die Kritik, die Sie hier ausüben, nicht nachvollziehen. Evaluationen, Feedbacks, gegenseitige Unterrichtsbesuche und -besprechungen erweitern den beruflichen Horizont und verhindern, dass Lehrkräfte kaum über das eigene Gärtli hinaussehen, so wie das früher der Fall war.

      • Sportpapi sagt:

        @ML: Für Ihr „genauso gut“ bräuchte es erst einmal einen Massstab. Und da Sie ja glauben, in diesem Bereich gebe es keine exakte Wissenschaft, keine neue Erkenntnisse, so kann es auch keinen klaren Massstab geben für „gute Erziehung“. Oder woran messen Sie das?

    • mila sagt:

      @Susi, auch früher gab es Eltern, die sich mit Erziehung reflektiert auseinandergesetzt haben – zum Beispiel meine Mutter in den 80ern. Resultat: wir bauten mit ihr, als wir noch zu klein waren, alleine in den Wald zu gehen, Mooshütten. Medienkonsum war stark eingeschränkt, abends gab es Vorlesestunden oder es wurden kurze Gedichte gelernt. Was uns hingegen erspart blieb: Frühförderung und ein vollgestopfter Wochenplan an vermeintlich wichtigen Aktivitäten. Ab ca. sieben spielten wir unbeaufsichtigt in der Nachbarschaft. Genauso hätte ich es mit meinen Kindern gehalten, ohne zigfache Lektüre.

      • Susi sagt:

        Erziehung hat aber nicht nur mit Freizeitbeschäftigungen zu tun, sondern vor allem auch mit der Auseinandersetzung mit den Kindern und der Konfliktbewältigung. Ich gehöre der 70er/80er-Generation an, wo Kinder entweder partout an der kurzen Leine gehalten und auch mal geschlagen wurden, oder eben Teil der Strömung „antiautoritäre Erziehung“ wurden. Beides nicht so toll. Die heutigen Ratgeber sind einiges differenzierter.

      • mila sagt:

        Offenbar kannte meine Mutter andere Erziehungsratgeber… Aber die stammten aus einer anderen Gegend. Ich finde es einfach ein wenig anmassend zu behaupten, es hätte früher keine reflektierten Eltern gegeben. Während umgekehrt heute einige mE vielleicht überreflektiert sind.

      • Sportpapi sagt:

        @Susi: Wie Sie eigentlich zu recht sagen, haben schon unsere Eltern Ratgeber genutzt. Nur gaben die halt andere Ratschläge. Ob die heutigen differenzierter sind weiss ich nicht. Auf jeden Fall sind sie widersprüchlicher. Und sie sind auch nicht per se wissenschaftlich fundierter oder erfolgreicher, nur weil sie aktueller sind…

      • Franz Vontobel sagt:

        Neben der Esoterik-Abteilung ist die Ratgeber-Abteilung der Ort, wo sich mit Bücherschreiben noch Geld verdienen lässt… 😉

      • Sportpapi sagt:

        @Franz Vontobal: Am besten ist es, die zwei Gebiete gleich zu kombinieren… 🙂

      • Susi sagt:

        FV&SP: Schandmäuler…

    • mila sagt:

      Ich denke insofern durchaus, dass man es mit Ratgebern übertreiben kann. Wenn ich mir manchmal von Bekannten und Freunden anhöre, welchen ‚geförderten‘ Aktivitäten Kinder heute nachgehen (müssen), packt mich bisweilen das Mitleid. Kinder lernen ab einem gewissen Alter am Besten im Spiel mit anderen Kindern – Konzentration, Kommunikation, Kollaboration. Dafür muss Zeit sein (und bleiben). Das vergessen viele belesene und zur Perfektion neigende Eltern (und Pädagogen).

      • Susi sagt:

        Natürlich kann man es mit Ratgebern übertreiben, deshalb muss man diese aber nicht kategorisch ablehnen und diejenigen Eltern, die solche lesen, als uncool hinstellen, weil man es ja selber ach so locker sieht und angeblich keine Ratgeberlektüre nötig hat.

      • Stevens sagt:

        Ach Susi: Niemand lehnt die Ratgeber ab. Da steht viel kluges Zeugs drin. Das Problem ist doch folgendes: Welchem dieser hunderten von Ratgebern soll ich glauben? Welche wissenschaftliche Strömung ist die richtige? Was soll ich tun, wenn Ratgeber A etwas anderes sagt als Ratgeber B?
        Dann hilft nur eins: Sich auf das Gefühl verlassen. „Dies stimmt für mich und dies nicht“. Und schon sind wir wieder am Anfang. Dann hilft nur noch „Locker nehmen“. Erziehung ist nun mal keine exakte Wissenschaft

      • Carolina sagt:

        Susi, so ganz kann ich nicht nachvollziehen, warum Sie sich so aufregen (übrigens: wie machen Sie es, ab und zu die 500er Grenze zu überschreiten?): der zweite Absatz des heutigen Beitrages zeigt ja ironisch auf, wie sich das Blatt irgendwann wendete von relativer Laissez-Faire-Erziehung zu totaler Uebertreibung und ich gebe Frau Z absolut Recht, dass dieser Overkill dazu führt, dass immer mehr Eltern sich scheinbar überfordert fühlen und immer mehr sogenannte Experten sich dann auf genau diese stürzen mit noch mehr Coaching und Beratung und angeblichem Besserwissen.
        Uebrigens sind es

      • Carolina sagt:

        /2 dann genau diese Eltern, die immer mehr und höhere Anforderungen an Ihre Berufssparte stellen und dann nicht nur in punkto Bildung, sondern auch Erziehung. Das kann es doch nicht sein, oder?
        Irgendwo ist, wie immer, eine goldene Mitte und die darf vor lauter Expertokratie einfach nicht aus den Augen gelassen werden. Meines Erachtens ist es ein Irrtum zu glauben, dass wir, unsere Generation, unsere Kinder so aufziehen können, dass wir keine Fehler machen, dass sie nie Schmerz, Unrecht und Verletzungen erleben wollen – oder wozu sonst dient die Schelte an unsere Eltern sonst?

      • Susi sagt:

        @Stevens: DOOOOCH, Muttis Liebling sagt, Erziehungsratgeber gehören aufs Altpapier! Total unreflektiert und vermessen, so eine Äusserung.

        Und natürlich haben Sie recht, in den verschiedenen Erziehungsratgebern stehen verschiedene Dinge, und wenn man Vergleiche hat, dann kann man wirklich instinktiv schauen, was für die persönliche Situation am besten passt. Stimme Ihnen absolut zu.
        Aber der Punkt ist ja, dass eben ein solches Vorgehen hier als verbissen und übertrieben dargestellt wird, und das nervt mich. Total.

      • Susi sagt:

        @Carolina:
        Es passiert mir zwar im Mamablog extrem selten, aber ab diesem Artikel hatte ich jetzt echt Schaum vor dem Mund und meine Haare stehen vor lauter Raufen in alle Richtungen.
        Die Ironie im zweiten Absatz sehe ich nur ansatzweise. Mit der goldenen Mitte gebe ich Ihnen natürlich absolut recht, aber ich bin mir nicht sicher, inwiefern Frau Z. diese Mitte mit ihrem Artikel anstrebt. Ich habe ihn jetzt nochmals gelesen, nachdem ich mal tief durgeatmet habe, so schlimm ist er tatsächlich nicht.

      • Susi sagt:

        Dennoch (und Achtung, jetzt kommt der Grund meiner Aufregung): Wenn ich auf etwas allergisch bin, ist es eine solche „let’s rock“-attitude, Eltern, die sich cool fühlen, weil sie eben alle Vorsichts- und Erziehungsmassnahmen in den Wind schiessen und andere, die eben auch mal in ein Buch schauen, als verkrampft hinstellen. Ich hab schon Sätze gehört wie „wir lesen aus Prinzip keine Erziehungsratgeber“, und die gleichen Eltern wundern sich dann, wenn sie ihr Kind nicht im Griff haben und im ersten Semester Kindergarten schon drei Elterngespräche führen müssen. Und bezeichnend ist, dass der Angriff in aller Regel von den „Lockeren“ auf die „Verbissenen“ geht, nicht umgekehrt. Ich auf jeden Fall habe noch nie jemand lächerlich gemacht, weil er/sie aus Mangel an Information ganz offensichtlich keine Ahnung von Erziehung hat. Ich denke mir dann still meine Sache und ziehe von dannen.

      • Susi sagt:

        Und ja, ich rege mich auf, weil ich erstens genau zu den Eltern gehöre, die sich gerne so viele Erziehungsratgeber wie möglich anschauen, und mich zweitens zu den Lehrpersonen zähle, die Pisa-Studien u.Ä. ernst nehmen. Zwei meiner Identifikationsinstanzen (zum Glück habe ich noch ein paar andere…) werden von Frau Z. durch den Kakao gezogen, da ist doch klar, dass ich mich aufrege und keine nehmts-locker-Zurufe hören will, seien die auch nur virtuell!

      • Martin Frey sagt:

        Lassen Sie sich bitte von ML nicht provozieren, Susi. Ich weiss es ist manchmal schwierig, aber ansonsten erreichen Provokateure ihr Ziel. Menschliche, differenzierte Zwischentöne haben es leider immer etwas schwieriger.

      • Stevens sagt:

        @Susi: Piano, piano, zu viel Aufregen ist schlecht für den Blutdruck. Etwas gewagt, zu behaupten, Eltern welche keine Erziehungsratgeber lesen, würden „alle Vorsichts- und Erziehungsmassnahmen in den Wind schiessen “
        Und es sind immer noch Rat-geber = die geben uns Rat, wenn wir sie danach fragen und nicht Gesetze, Vorschriften.

        Erziehung funktioniert dann gut, wenn Eltern auf ihr Gefühl hören und eine gute Beziehung zu ihrem Kind haben. Das ist völlig unabhängig davon, wieviele Rategeber man gelesen hat. Ist keine Beziehugn vorhanden, dann nützt alles nix

      • Sportpapi sagt:

        Hm, mila. Dass Kinder am besten im Spiel mit anderen Kindern lernen (und dabei ausgerechnet Konzentration???), haben Sie sicher auch in einem Ratgeber gelesen, oder? Oder woher wissen Sie das so genau?

      • Susi sagt:

        Danke Martin. Normalerweise passiert das bei mir auch nicht, aber hier trifft ML halt einen wunden Punkt.

        @Stevens: Ja, das stimmt, das eine lässt nicht auf das andere schliessen. Hab’s einfach schon oft so erlebt. Aber ich stimme ihren Ausführungen zu.

        @SP: Weiss nicht so echt, wie viele Ratgeber mein Eltern gelesen haben, sie hatten aber die Zeitschrift „Wir Eltern“ 🙂

        @Carolina: Da ich den Server hier nicht für so zuverlässig halte, tippe ich längere Kommentare schnell in ein Word-Doc und kopiere sie dann rein, dann geht’s. 🙂

      • mila sagt:

        @SP: Ratgeber – nein. Ich bin ja keine Mutter. Aber ich lese Zeitungen, Wochenzeitungen, Zeitschriften. Und fragen Sie mich jetzt nicht genau, woher ich das habe, aber genau im vertieften Spiel unter Kindern wird Konzentrationsfähigkeit auf eine bestimmte Sache gefördert – es ist, wenn Sue so wollen, eine gemeinsame ‚Projektarbeit‘. Eben spielerisch. Das leuchtet mir ein, weil ich es auch so erfahren/erlebt habe.

    • Lala sagt:

      Ist schön, dass Sie Ihren Beruf und Ihr eigenes Verhalten selber so gern und ausführlich rechtfertigen.

      Ein Beleg ist das aber trotzdem nicht.

      • Manni Mann sagt:

        Susi – cool down. Wissen sie was meine Erfahrung/Beobachtung ist? Es geht gar nie um Ratgeber Ja oder Nein. Letztendlich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – ist es einfach so: die einen schnallen es – haben die Sozialkompetenz, die anderen nicht. Die die es haben werden aus Ratgebern die richtigen Lehren ziehen oder auch ohne Ratgeber, irgendwo die richtigen Ratschläge aufschnappen oder bereits intus haben. Die die es nicht haben werden entweder als Ignoranten oder als eifrige Ratgeber-Leser am Kind vorbei erziehen.

      • Susi sagt:

        @MM: Das hat sicher was. (Auch wenn nicht nur das).

        @Lala: Uiuiui, das lässt mich doch glatt wie eine Narzisstin aussehen! (rechtfertigen?)

    • Felix Stern sagt:

      @Susi: Ob es unseren Kindern besser geht, weil wir die ganzen Ratgeber haben, bezweifle ich. Ich denke auch nicht, dass der Aufruf: „Nehmt es locker!“ so gemeint war, dass man seine Aufgaben schleifen lassen soll. Ich verstand es eher so, dass man sich weniger Sorgen machen sollte.

      Ich denke nicht, dass die Autorin sagen wollte, unser Auseinandersetzen mit Pädagogik sei schlecht. Kritisiert wurde aber die Berichterstattung: unsere Kinder verwandeln sich in Monster, unser schulsystem löst sich auf, die Welt wird immer schlimmer. Das Gegenteil ist der Fall.

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