Mein Karriere-Kind-Problem

Ein Gastbeitrag von Carmen Schoder*

Mamablog

Geschafft! Nicht nur hier, auch im englischen Brighton feiern Tausende Studentinnen ihren Abschluss. Doch finden sie auch einen angemessenen Job? Foto: Reuters

In diesen Tagen habe ich die letzte Prüfung meines berufsbegleitenden Studiums geschrieben. Und jetzt, wie man so schön sagt, ist nach dem Abschluss vor dem Leben. Kürzlich diskutierten meine neuerdings ehemaligen Kommilitoninnen und ich deshalb beim Mittagessen, was wir mit der neuen Freizeit tun sollen. Bücher lesen, verreisen, einen Tag lang ungeniert faulenzen, spontan sein. Eines aber ist für alle klar: arbeiten. Einen Job finden, der eben nicht nur ein Job ist, sondern ein Teil dessen, was man selbst ist. Karriere machen. Einen Masterstudiengang absolvieren. Doktorieren. Und einige wollen heiraten und Kinder bekommen.

Eine geräuschintensive Diskussion dazu entstand. Ich stellte mich auf den Standpunkt, dass ich nicht gewillt sei, mit einem Kind einen 50-Prozent-Assistenz-Job anzunehmen, der mich nach kurzer Zeit unterfordern würde. Und das nur, weil ich viel Zeit mit meinem Kind verbringen will und es für Personen mit Sekundär- oder Tertiärabschluss zu wenige adäquate Stellen beispielsweise unter 80 Prozent gibt. Ich bin aber auch nicht gewillt, mein Kind vier, fünf Tage die Woche in eine Krippe zu geben oder sonst irgendeine Betreuung zu organisieren. Ich will mein Kind nicht ständig organisieren müssen. Doch: ausreichend Zeit mit der Familie verbringen und eine 60-Prozent-Stelle, die den eigenen Qualifikationen entspricht – das berühmte «Weggli mit Föifer» einer Generation, die bei einem Überfluss an Möglichkeiten Verzicht verlernt hat?

Mitnichten. Es liegt in der Verantwortung der Wirtschaft, das brachliegende Potenzial gut ausgebildeter Mütter oder Frauen, die dies werden möchten, zu nutzen. Von den 25’715 Studierenden der Universität Zürich im Herbstsemester 2013 waren 57 Prozent Frauen, bei den Fachhochschulen sieht es ähnlich aus. Viele dieser Frauen sehen sich früher oder später mit der Frage «Kinder oder Karriere» konfrontiert. Und wem kann vergönnt werden, sich in Anbetracht der beruflichen Hürden postwendend für Kinder zu entscheiden? Was ist also zu tun? Andere Modelle sind gefordert. Erstens: Jobsharing. Selbstverständlich ist das nicht in jedem Job möglich und es erfordert von allen Beteiligten – vom HR über die Geschäftsleitung bis hin zu den beiden Stelleninhabenden – ein klares Bekenntnis zu dieser Arbeitsform. Klar geregelte und transparente Prozesse zwischen den Stelleninhabenden sind zwingend, die teaminterne Kommunikation ist zentral.

Weiter gibt es immer mehr Jobs, die zumindest teilweise orts- und zeitungebunden machbar sind. Gerade die Generation Y (ausgesprochen wie «why»), die hinterfragt und oft stark aus innerem Antrieb motiviert in einem Job arbeitet, braucht weniger Kontrolle von oben, dafür mehr Selbstbestimmung und Flexibilität. Und es stehen uns genügend technische Mittel zur Verfügung, um eben diesem Bedürfnis – ich nenne es «ultraflexible Arbeitszeiten» – nachzukommen. Nur lässt sich genau hierbei ein gewisses Paradoxon feststellen: Zwar verlangen Arbeitgeber von ihren Arbeitnehmenden grösste Flexibilität – umgekehrt ist das aber in den wenigsten Fällen Realität. Hinzu kommt eine zunehmende Versiertheit im Umgang mit technischen Hilfsmitteln und vernetzenden Methoden, was die Realisierbarkeit solcher Modelle erleichtert. Fraglich ist, ob diese Erkenntnis auch in den oberen Etagen der Unternehmen angekommen ist.

Ich fordere an dieser Stelle nicht nur adäquate Teilzeitstellen für gut ausgebildete Mütter, sondern auch eine höhere Akzeptanz für teilzeitarbeitende Männer ganz generell. Wie viele junge Väter würden gerne ihr Pensum reduzieren, um mehr Zeit mit ihren Kindern, gerade wenn sie noch klein sind, zu verbringen? Häufig aber verdienen Männer immer noch fast ein Fünftel mehr als Frauen. Und weil es aus rein pragmatischen, ökonomischen Überlegungen einfach mehr Sinn ergibt, das höhere der beiden Familieneinkommen zu wahren, arbeiten viele Männer weiter 100 Prozent. Und würden sie mit der simplen Begründung, mehr Zeit für ihre Kinder haben zu wollen, sagen wir, 40 Stellenprozente reduzieren wollen, ernten sie meist mehr als nur einen schrägen Blick. Auch ich habe mich letzten Sommer bei einem solchen Blick ertappt, als mir ein junger Vater erzählte, dass seine Frau Vollzeit als Illustratorin arbeite und er Hausmann sei. Ich wollte mich im selben Moment ohrfeigen für meine Reaktion.

Eine Arbeitskollegin, Mutter ihrerseits, schlug Folgendes vor: In den ersten paar Jahren, wenn das Kind die Mutter mehr braucht, in der Karriere zurückstecken. Je älter das Kind werde, brauche es die Mutter respektive die Eltern weniger, und man könne sich schrittweise wieder verstärkt auf die Karriere fokussieren. Und es gebe je länger je mehr Unternehmen, die «Muttersein» als Qualifikation in Projekt-Management betrachten. Richtig so. Und um im Manager-Slang zu bleiben: Ein Bootcamp für Jobsharing und effizientes Zeitmanagement ist Elternsein vermutlich sowieso.

schoder150*Carmen Schoder ist Kommunikationsfachfrau und schreibt auf, was ihren Weg kreuzt. Das ergibt manchmal seltsame Zeilen in ihrem Notizbuch. Sie würde damit trotzdem gerne eines Tages die Welt retten.