Wenn Teenager die falschen Freunde haben

Mamablog

Freiheit oder Schutz: Darf man Teenagern noch vorschreiben, mit wem sie rumhängen dürfen? Foto: icanteachyouhowtodoit (Flickr)

Vor rund zwei Jahren habe ich mit dem Kinderarzt und Buchautor Remo Largo ein Interview über die Pubertät geführt. Darin ging es unter anderem darum, ob wir Eltern unseren Kindern den Umgang mit Freunden verbieten können, die uns nicht passen. Gemeint sind Freunde, die unseren Kindern nicht guttun, aus welchem Grund auch immer. Largos lakonische Antwort: Man könne zwar mit Teenagern über ihre Freundschaften reden, diese zu verbieten, bringe jedoch nichts. Verbote hätten oft sogar eine gegenteilige Wirkung. Dass er damit recht hat, wissen wir spätestens seit Adam und Eva.

Im frühen Alter ist das Ganze ja noch relativ einfach. Da hat man halt leider immer schon was anderes vor, sorry, oder man lädt bewusst Kinder ein, die man besonders mag. Aber mit Beginn der Pubertät wird das komplexer.

Ich selbst habe mich als Teenie vorbildlich an Largo und die Genesis gehalten. Je mehr meine Eltern jemanden missbilligten, desto faszinierender fand ich denjenigen oder diejenige. Zum Beispiel meinen ersten richtigen Freund. Ihre Ablehnung befeuerte lediglich meine Loyalität zu ihm. Ich musste ihn schliesslich vor einer Familie beschützen, die zu beschränkt war, einen wahren Prinzen zu erkennen, wenn er in ihrem Wohnzimmer stand. Oder nackert im Schlafzimmer der Tochter.

Darum denke ich eigentlich nicht daran, meinen Kindern Freundschaften zu verbieten, die ich für ungut betrachte. Dachte ich bis vor kurzem. Nun habe ich meine Meinung geändert. Aufgrund diverser Erlebnisse bin ich einmal mehr zum Schluss gekommen, dass Erziehung nichts Absolutes ist. Dass es Situationen gibt, in denen man vor allem junge Teenager vor sich selber schützen muss. Das kann im Notfall auch bedeuten, eine Freundschaft zu verbieten. Nämlich dann, wenn sie dem eigenen Kind massgeblich und offensichtlich schadet. Zum Beispiel indem vordergründige Freunde hintenrum Gerüchte verbreiten, sei es aus Neid oder aus schierer Lebenslangeweile oder warum auch immer.

Wer meint, solche grundlegenden Machtmechanismen seien nur Erwachsenen geläufig, sollte dringend sein Bild von der unschuldigen Kindheit revidieren. Das Prinzip von «teile und herrsche» beherrschen einige Kinder instinktiv bereits so ausgezeichnet, dass sich mancher Lobbyist eine Scheibe davon abschneiden könnte. Ebenfalls sehr wirkungsvoll ist es, nach einem zufälligen Muster entweder sehr freundschaftlich oder ohne Vorankündigung abweisend und kühl zu sein. Das Resultat ist verblüffend, Sie sollten es mal an Ihrem Lieblingsfeind testen: Man kann damit auch psychisch intakte Menschen verlässlich aus dem Gleichgewicht hebeln – zumindest bis sie kapieren, was mit ihnen gespielt wird.

Und genau da kommen wir Eltern ins Spiel. Im Normalfall mit reden, reden und reden. Auch darüber, was das eigene Kind zu dem beiträgt, was ihm widerfährt, und wie es sich schützen kann. Denn manipulativen Persönlichkeiten werden sie im Laufe ihres Lebens immer wieder begegnen. Nur können sie später als Erwachsene, Gott sei Dank, viel eher mitbestimmen, mit wem sie Umgang pflegen.

In der Schule geht das kaum. Das hat den Vorteil, dass Kinder sich hier dem Leben stellen müssen und lernen, auch harte Zeiten durchzustehen. Aber es gibt einen Punkt, an dem ich nicht mehr einig bin mit Largo: Dann nämlich, wenn ich sehe, dass allem Diskutieren, Verzeihen und Verstehen zum Trotz alles so weitergeht wie bis anhin. Wenn ich erlebe, dass ein Kind so massiv unter einer vermeintlichen Freundschaft leidet, dass ich das nicht mehr einfach mit ansehen kann und darf.

Dann ist es Zeit für einen angeordneten Bruch. Das zu tun, ist hart und geht nicht ohne die Angst, dem Kind damit zu schaden. Oder dem stubenreinen Frieden. Doch wenn alle Stricke reissen, muss ich dieses Risiko eingehen. Wir Eltern sind verantwortlich dafür, die Seelen unserer Kinder so weit wie möglich zu schützen. Im Härtefall kann das sogar so weit gehen, einem fremden Kind Hausverbot zu erteilen und zu verlangen, dass es auch nicht mehr über soziale Medien eindringen kann.

Ich bin nicht so naiv, zu glauben, dass das hundertprozentig funktioniert. Aber das ist noch lange kein Grund, es nicht zu versuchen. Ein Hausverbot ersetzt das Gespräch mit den eigenen Kindern natürlich nicht. Im Gegenteil, es erfordert erst recht die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Situation. Es geht ja nicht um «friss oder stirb», sondern darum, dass ich mein Kind ja auch nicht immer wieder dieselbe Treppe runterstürzen lasse, solange ich sehe, dass es noch ein Geländer braucht.

Wie denken Sie darüber? Soll man Kindern den Umgang mit Freunden verbieten, wenn die ihnen schaden? Falls ja, wie – und bis zu welchem Alter?