Die intimste Frage

mamablog

Auch sie hört die Frage immer wieder: Jennifer Aniston, im Gegensatz zu ihrem Ex Brad Pitt, noch ohne Kind(er). Die Schauspielerin im Jahr 2012. (AP Photo/Chris Pizzello)

Vor wenigen Tagen habe ich mir einen Besuch beim Coiffeur meines Vertrauens gegönnt. Ich reserviere mir dafür also drei Stunden (Wahnsinn, oder?), lasse mich im Salon in einen schwarzen Nylonumhang hüllen, mit Kaffee und Frauenmagazinen zudecken und mir den Kopf mit einer brennenden Paste bestreichen. Ich blättere etwas lustlos in einer «Vogue». Doch die Aufmerksamkeit schenke ich nicht dem Hochglanzmagazin in meinen Händen, sondern den Gesprächen rund um mich herum.

Die Kundin rechts von mir hat Alustreifen im Haar und redet in einem fort von ihrer Schwiegermutter. Sie tue nie, was man ihr sage, klagt die Enddreissigerin. «An unserer Hochzeit wollten wir keine Blumen in der Kirche, absolut nicht», erzählt sie der Coiffeuse, die ihr Haarsträhnen färbt. «Doch natürlich war die Kirche bis zur Decke hin mit Blumen geschmückt.» «Echt?» «Echt! Ich fühlte mich wie an einer Beerdigung.» Die Schwiegermutter habe ihr den Tag vermiest, sagt sie weiter.

Ich schaue nach links. Der Frau neben mir kullern zwei, drei Tränen über das Gesicht. Sie erzählt der Angestellten, dass ihre jüngste Tochter vor zwei Tagen ausgezogen sei. Bald gehe wohl auch ihr Mann. Das alles stimme sie traurig.

Mein Coiffeur kriegt nichts davon mit. Als ich ihn Minuten später frage, wie es ihm gehe, sagt er «eigentlich gut». Doch sein Sohn sei vor kurzem 18 geworden und rede davon, von zu Hause auszuziehen. Zum Glück habe er noch zwei jüngere Kinder. Sie wohnten noch ein paar weitere Jahre bei ihm und seiner Frau. Der Coiffeur erzählt, wie er den Kindern beim Sonntagsbrunch ein Generationenhaus schmackhaft machen wollte. So würde die Familie für immer zusammenbleiben – doch die drei lachten ihn bloss aus. Wir grinsen uns an. Ich kann ihn verstehen.

Mein Blick wandert wieder nach rechts. Die zwei Frauen palavern nicht mehr über die Schwiegermutter, sondern über gemeinsame Bekannte («Emilia ist schon wieder geschieden?»), welche Freundinnen sich nach den Geburten ihrer Kinder zu Langweilerinnen verändert hätten – und wer sich aus deren Bekanntenkreis erdreistet habe, ihnen die schlimmste Frage aller Fragen zu stellen: jene nach dem ersten Kind.

Die Coiffeuse und die Kundin sind sich einig: Diese Frage geht gar nicht. Man stellt sie keinen Frauen – schon gar nicht, wenn sie Mitte dreissig sind. «Wann wollt ihr denn Kinder?», äffen die zwei ihre Tanten, Mütter, Freundinnen und Bekannten nach. Sie reden über «die intimste Frage, die es überhaupt gibt», und den gesellschaftlichen Druck, den sie als Frauen ohne Kinder verspürten. (In der «Huffington Post» gabs kürzlich einen Artikel dazu mit dem Titel «Hört auf, uns zu verurteilen! 23 Sätze, die sich kinderlose Frauen ständig anhören müssen.»)

Sie beginnen darauf Sätze und Strategien auszutauschen, die man in einer solchen Situation anwenden könne. Die will ich Ihnen nicht vorenthalten. Wenn also jemand fragt, ob man nicht bald Kinder wolle, und man aus welchen Gründen auch immer nicht darauf antworten mag, sagt man am besten:

  • Aber sicher, nächstes Jahr. (Der Satz wird besser, je älter man ist)
  • Wenn ich an all meine Freunde mit Familie denke … Ach nein, du, wir wollen weiterhin frei und ungebunden sein.
  • Ich habe noch so viel Zeit. Mein biologisches Alter ist nachweislich zehn Jahre tiefer als mein Jahrgang. – Dann soll man sich schwungvoll wegdrehen und gehen.

Die anderen Sätze gehen im Föhnlärm unter. Nach zwei Stunden und dreissig Minuten verlasse ich das Geschäft. Die Haare goldblond (auch die grauen) und zu einer Frisur geföhnt, fühle ich mich fünf Jahre jünger. In Gedanken bei den Geschichten zu Kindern, Beziehungen, der Familie. Und einem Grinsen auf dem Gesicht.