Partnertausch, total locker

To match feature USA-SWINGERS/

Gleich und gleich gesellt sich gern: Zwei Paare an einem Swinger-Treffen, USA. (Reuters, Adam Tanner)

Das Telefon klingelt, schon wieder werde ich gestört. Ich will endlich meinen Blog schreiben, 14.35 ist es bereits, und ich bin noch nirgends. Ich nehme den Hörer ab. Es folgt eine kurze Begrüssung und schon säuselt eine – der Stimme nach, sehr junge Frau – was von «entspanntem Dating für Eltern». Sie kichert. «Du bist doch vom Mamablog?», fragt sie, um mir sogleich zu versichern, sie habe ein super Thema für mich. «Aha?»

Sie beginnt engagiert was von Pleasure und Parents zu reden, doch ich kapiere nichts. «Um was bitte geht’s?», frage ich sie. Sie kichert schon wieder und sagt, sie rufe für ihren Mandanten an. «Wie du ja weisst, sind viele Eltern derart eingebunden, dass sie gar nicht mehr auf ihre Rechnung kommen.» Sobald man Eltern sei, habe man kaum mehr Sex oder erotische Abenteuer. Man gönne sich nichts mehr – auch weil die Sexbekanntschaften fehlten, «weisch».

Doch nun habe ihr Kunde eine Online-Plattform geschaffen (wie selbstlos!). Paare, «die sich was gönnen wollen», könnten sich bei der Website registrieren, sagt sie. Die Dating-Site sei für alle offen, «die bereit sind für Neues, ihre Vorlieben ausleben möchten und neue Pärchen treffen wollen.» «Zum Sex?» «Genau!» So könne man andere Eltern treffen, sich mit ihnen verabreden – «und ja…» Sie sagt ein paar Sekunden lang nichts.

«Die Eltern gehen also nicht gemeinsam in einen Swingerclub und machen dort mit anderen rum», fasse ich zusammen, «sondern sie finden über die Website Gleichgesinnte, laden sie zu sich nach Hause ein und haben Sex zu viert, während die Kinder schlafen?» «Ja! Miteinander, übers Kreuz – also zum Partnertausch. Sie wissen schon!» Sie spricht von Double Date, total entspannt, und dass man auf der Website die eigenen Vorlieben angeben könne.

In meinen Gedanken sehe ich zwei wahnsinnig aufgeschlossene Paare, die einen auf offen und supilocker machen und sich einander vorstellen, «Hoi, ich bin d’Carla. Das isch de Jeremy. Also ihr zwei gfalled mer», und im Wohnzimmer miteinander anstossen. «Auf einen spritzigen Abend», – und alle lachen überlaut. Sie reden etwas über die Kleinen («Unser Junior geht bald in den Chindsgi, die Grosse besucht die erste Klasse»), um darauf neben dem verstaubten Gummibaum auf den gemeinsamen Sexabend zu sprechen zu kommen. Zu abenteuerlich sollte man in den kommenden drei Stunden nicht sein, ermahnt der Gastgeber. «Denn ihr wisst ja, die Kinder». Klar, das versteht das andere Elternpaar. Sie müssen um elf sowieso los; ihr Babysitter kann nicht länger. Dann reden sie total entspannt über ihre sexuellen Fantasien und beginnen miteinander ihre Vorlieben auszuleben – oder so.

Die Frau in der Leitung scheint meine Gedanken zu lesen. Sie erklärt abermals, und diesmal betont seriös, dass das eine wirklich gute Sache sei. Zudem sei der eigene Partner mit dabei. Deshalb sei diese Art von Dating so praktisch: Kein Versteckspiel, keine Verpflichtungen, einfach Sex.

Ich überlege mir, wie alt die junge Frau sein mag und weshalb die Arme ein derart tristes Bild des Elterndaseins hat. Kaum hat man Kinder, scheint es gemäss ihrer Schilderung gelaufen zu sein. Ende der Fahnenstange. Hat die sich mal überlegt, wie Kinder entstehen, frage ich mich. Und wie Mütter und Väter, die mehrere Bälger haben, das wohl angestellt haben? Egal. Ist eh nur eine Verkaufsmasche.

Sie gibt mir die Internetadresse ihres Kunden an und verspricht mehr Infos zu mailen. Damit ich für die armen,  sexuell ausgehungerten Eltern einen hilfreichen Beitrag schreiben kann. Sie glaubt wohl, nachdem ich mich in den letzten zwei Blogs dem Schlaf widmete, sei nun der Beischlaf an der Reihe. Mit Hinweis auf die betreffende Agentur, logischerweise. Den Gefallen tu ich ihr nicht. Aber amüsant war’s allemal.