Tiefer Schlaf für 300 Franken

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Wertvoll und kostenlos: Wohlverdientes Mittagsschläfchen von Mutter und Kind. (PB)

Die Zeit, in der ich nicht schlafen konnte, gehört zur schlimmsten meines Lebens. Ich schlief maximal drei, vier Stunden pro Nacht. Kaum war ich eingedöst, weinte mein Sohn schon wieder und rief nach mir. Zehnmal die Nacht, sieben Tage die Woche, zwölf Wochen lang. Es war eine Tortur. Mir war häufig schwindlig, ich hörte dumpf oder mit Echo, hatte Schweissausbrüche, konnte nicht klar denken. Nahe Freunde rieten mir, Hilfe zu holen, bei einem Psychologen, Arzt, wo auch immer. Ich aber wusste, es ist nur der Schlaf. Wenn mein Sohn und ich endlich durchschlafen würden, ginge es mir besser.

Nach drei Monaten hörte es auf, von einer Nacht auf die andere. Der Kleine schlief wieder zwölf Stunden, ohne einen Mucks von sich zu geben – und ich konnte mich endlich erholen. Die Tage als Zombie waren gezählt, nach ein paar Tagen schon fühlte ich mich gut.

Vor wenigen Tagen erinnerte ich mich in aller Deutlichkeit an diese schlimmen Wochen. Ich traf eine Freundin und deren Mann mit ihren Zwillingen. Sie waren aus den USA zu Besuch. Die Kleinen sind zehn Monate alt und zuckersüss. Die Eltern wirkten zufrieden. Doch auf meine Frage, wie es mit den Kindern denn gehe, erzählten sie mir, dass die ersten drei Monate ein einziger Albtraum gewesen seien. Ihr Mangel an Schlaf habe das Ehepaar beinahe auseinandergerissen, erzählten sie. «Ich wollte, dass er geht», sagte sie. «Ich wollte nur noch weg», sagte er.

Ihr Sohn litt an einer Kolik und schrie fast immer. War er mal ruhig, meldete sich die hungrige Tochter lauthals. Die Eltern schliefen kaum, waren zunehmend überfordert und begannen sich mit Worten gegenseitig zu zerfleischen. Hilfe von Freunden oder Familienangehörigen hatten sie nicht. Sie wohnten erst seit kurzem in den USA. Ihre Situation begann gefährlich zu werden: Die Eltern fielen tagsüber immer wieder in einen Sekundenschlaf – mit den Babys im Arm. Als der Vater mit den Kleinen im Auto unterwegs war und sich danach nicht mehr erinnern konnte, wie er eben nach Hause gefahren war («ein Blackout») holten sie Hilfe. Sie stellten eine Nacht-Nanny an. Eine Beratungsstelle hatte ihnen dazu geraten.

Die ausgebildete Kinderbetreuerin kam abends zur Familie und verliess das Haus am folgenden Morgen. In der Zeit dazwischen wachte sie über die Babys. Sie gab ihnen die Flasche, wiegte sie in den Schlaf, trug den schreienden Jungen herum – und achtete darauf, dass die Eltern nichts davon mitkriegten. Es funktionierte. Die Babys akzeptierten die Night-Nanny und die Eltern schliefen endlich durch. «Es war unglaublich», erzählten mir meine Freunde. «Diese Frau war ein Geschenk, ein Engel.» Die Eltern erlangten schon nach ein paar wenigen Nächten ihre Kräfte zurück: Sie konnten klar denken, den Alltag bewältigen und normal miteinander reden. Sie waren aus dem destruktiven Kreislauf ausgebrochen, weil sie endlich die nötige Erholung bekamen. Das Engagieren der Nacht-Nanny sei der beste Entscheid überhaupt gewesen, sagen die Eltern heute, sieben Monate nach ihrer grossen Krise.

In den USA, England und Frankreich wächst das Angebot an Night-Nannys seit wenigen Jahren rasant. Immer mehr Eltern entdecken diese Art von Hütedienst. Die Mütter und Väter tun sich damit ab und zu etwas Gutes: Sie gönnen sich eine gesunde Portion Schlaf. Das macht sie ausgeglichener, zufriedener – und beziehungsfähiger. Nacht-Nannys sind deshalb ein tolles Angebot, wie ich finde. Sie unterstützen Eltern in einer äusserst intensiven und allenfalls belastenden Zeit. Sofern natürlich die eigene Brut die fremde Frau an der Wiege auch akzeptiert – und sich die Eltern die nächtliche Hilfe leisten können. Denn das Angebot einer Nachtschwester ist nicht gerade billig. Zwischen 150 und 300 Franken kostet eine zehnstündige Schicht.

Doch nicht alle sind von dieser Entwicklung begeistert. In Internetforen warnen Ärzte vor längeren Trennungen zwischen Babys und Eltern. Sie könnten sich negativ auf die Kleinen auswirken. Gerade in den ersten Monaten sei es sehr wichtig, dass die Eltern-Kind-Beziehung durch viel Nähe und Körperkontakt gefestigt werde. Eltern sollten diese strenge Zeit deshalb auszuhalten versuchen. Auch viele Eltern kritisieren diese relativ neue Art der Fremdbetreuung: Als 2012 bekannt wurde, dass die Schauspielerin Megan Fox zweimal wöchentlich eine Night-Nanny engagierte, um durchschlafen zu können, schwappte eine Welle der Empörung über sie. Zahlreiche Eltern kreideten der jungen Mutter an, sie würde ihr Baby abschieben und ihren Elternpflichten nicht nachkommen. Sie bezeichneten sie als Rabenmutter.

Was ist Ihre Meinung dazu? Halten Sie die nächtliche Fremdbetreuung eines Babys für legitim?