Viel Lärm ums Stillen

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Eine geregelte Stillzeit birgt laut Kritikern Missbrauchspotenzial. Foto: Mads Nissen (Keystone)

Nun soll also auch das Stillen reguliert werden. Im Arbeitsgesetz soll klar definiert sein, wie lange die bezahlten Stillpausen für arbeitstätige Mütter sein dürfen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat einen entsprechenden Vorschlag ausgearbeitet und ihn letzten Freitag den Arbeitgebern und den Gewerkschaften unterbreitet. Der «Tages-Anzeiger» berichtete darüber.

Gemäss dem ausgearbeiteten Papier soll eine Mutter im ersten Lebensjahr ihres Kindes neu Anrecht haben auf folgende Anzahl bezahlte Minuten, um das Baby zu stillen oder die Brust abzupumpen.

  • Bei einer täglichen Arbeitszeit von unter vier Stunden: 30 Minuten.
  • Bei über vier Stunden: mindestens 60 Minuten.
  • Bei mehr als sieben Stunden: mindestens 90 Minuten.

Man kann sich fragen, wie sinnvoll eine solche Regulierung ist, und ob es für das Stillen unserer Kleinsten eine Norm braucht. Eltern wissen, dass jeder Säugling anders ist – auch bei der Fütterung. Ob sich Babys an die vorgegebene Zeit für die Nahrungsaufnahme halten werden, wird sich zeigen.

Andererseits könnten die genannten Zeitangaben des bezahlten Stillens die Position arbeitender Mütter stärken: Kennt man die Anzahl Stillminuten, die man pro so und so vielen Stunden Arbeitszeit zur Verfügung hat, kann man diese auch in Anspruch nehmen. Denn gemäss Sibylle Lüpold, Autorin des Buches «Stillen ohne Zwang», wagte es bislang manche Frau nicht, «die ihr gesetzlich zustehende Stillzeit am Arbeitsplatz einzufordern».

Davor scheinen der Arbeitgeber- und der Gewerbeverband Angst zu haben. Ihnen geht die ausgearbeitete Regelung viel zu weit. Sie halten die Stillpausen für zu lang. Sie fordern, dass bei einer Arbeitszeit von weniger als vier Stunden die Frau ihr Kind entweder vor- oder nach der Arbeit zu stillen habe. Die vorgeschlagenen 60 Minuten sollten zudem auf 30 Minuten reduziert werden – sowie die 90 Minuten auf zweimal 30 Minuten.

Für wie blöd hält der Arbeitgeberverband uns Mütter?

Doch das ist nicht alles. Die beiden Verbände befürchten bei einer geregelten Stillzeit «Missbrauchspotenzial». Sie glauben, dass Frauen den eigenen Arbeitgeber um die Stillzeit betrügen könnten. Zum Beispiel, indem sie ein paar Minuten früher nach Hause gehen würden, mit der Begründung, sie müssten ihr Kind stillen. Oder dem Arbeitgeber gar vorgaukelten, sie gäben ihrem Kind die Brust und dabei schon längst abgestillt haben.

Diese Aussage finde ich daneben, ehrlich gesagt. Für wie blöd halten der Arbeitgeber- und der Gewerbeverband uns Mütter eigentlich? Ich rekapituliere: Die Frau, die vor wenigen Monaten ein Kind geboren hat und froh ist, einen Job zu haben, der mit dem Kind kompatibel ist, soll den Arbeitgeber zeitlich beklauen wollen? Sie, die nach der Babypause von den anderen sowieso schon unter besonderer Beobachtung steht. Da verhalten sich Mütter hundertmal lieber oberkorrekt, als dass sie sich zum Vorwurf machen lassen wollen, sie leisteten zu wenig. Entweder brauchen wir Frauen den Job, weil wir auf ihn angewiesen sind, um zu überleben. Oder wir lieben ihn und unser Baby, und wir wollen die Teilzeitstelle keinesfalls gefährden.

Was zudem den rein praktischen Teil des Stillens und Abpumpens angeht: Die Argumentation, dass man bei einem Arbeitseinsatz von unter vier Stunden ein Baby vor und nach der Arbeit stillen könne, ist falsch. Fakt ist: Ein vier- bis fünfmonatiges Baby braucht in der Regel etwa alle zwei bis drei Stunden die Brust oder den Schoppen. Setzt die Mutter das Baby nicht nach dieser Zeit an ihre Brust, braucht sie trotzdem eine Stillpause – und zwar, um die Milch in ihren Brüsten abzupumpen. Sie will ja nicht riskieren, dass sich nach fünf Stunden ein Milchstau bildet. Und sie wegen der Schmerzen und einer darauffolgenden Entzündung während mehrerer Tage bei der Arbeit fehlt.

Was sind Ihre Erfahrungen? Haben Sie als erwerbstätige Mutter Ihrem Kind noch die Brust gegeben? Was halten Sie von geregelten Stillzeiten?

Buchtipp: «Stillen ohne Zwang», von Sibylle Lüpold. Verlag Rüffer & Rub