Nach wem kommt das Kind?

Ein Papablog von Rinaldo Dieziger.

FRANCE-MUSIC-ART-GAINSBOURG

Dieses Lächeln! Charlotte Gainsbourg mit ihrer Mutter Jane Birkin, 2010. (Bild: AFP)

So herzig! Ganz die Mama. Und den Appetit, den hat sie vom Papa, gäll? Wer bei Freunden oder am Familientürk mit einem Kleinkind auftaucht, kann sich neben unzähligen Jöhs auch auf die Mutter aller Fragen gefasst machen: «Nach wem kommt das Kind?»

Und los gehts. Zuerst die Äusserlichkeiten. Da kann jeder mitreden. Falls Sie ein Mädchen präsentieren, stammen die grossen, unschuldigen Rehaugen, die Goldlöckchen und das süsse Lächeln von der Mutter. Klar. Bleiben Buddha-Bauch, Ohren und Kopfform für den Vater. Obwohl, hatte die Mama als Kind nicht auch diesen, zwar nicht ganz so krassen, Eierkopf? Im Haus der Schwiegereltern wird in diesem Moment gerne auch mal verstaubtes Beweismaterial in Form vergilbter Familienfotos ausgegraben.

Können Sie hingegen mit einem Thronfolger aufwarten, kommt das spitzbübische Lächeln, der schelmische Blick und das struppige Haar vom Papa. Prost! Woher denn sonst. Ausser, wenn der Haarwuchs spärlich spriesst, dann gerät der kleine Mann ganz nach dem Grossvater. Weil es ja immer eine Generation überspringt. Wenn schon der eigene Sprössling nicht vom eigenen Schlag ist, dann wenigstens das Engelskind, äh, Enkelkind. In den ersten Monaten sehen im Neugeborenen alle, was sie sehen wollen. Auch wenn alle Babys blaue Augen haben.

Das Werweissen nervt zuweilen. Bleibt aber spannend. Das Kind wartet ja mit ständig neuen Verhaltensmustern auf, die es sich bei den Eltern abgeguckt hat. Es furzt und isst mit den Händen, ganz der Papa, oder es beginnt zauberhaft zu singen wie die Mama.

Und doch schwingt da und dort leise Enttäuschung mit. Was, wenn mir das Kind überhaupt nicht gleicht? Weder äusserlich noch vom Charakter her? Waren meine Gene zu schwach? Warum konnte ich mich nicht durchsetzen? Reproduktion gescheitert? Wie gehen Mütter und Väter damit um?

Ladies first. Die meisten Frauen und Mütter (Macho-Mamas ausgenommen) gehören zur Spezies der Gleichmacherinnen. Meistgehörter Schlüsselsatz: «Ich auch!» Sie nivellieren ihre Umgebung um sich gleichwertig und deshalb wohl zu fühlen. Was sie zu liebenswürdigen und sozialen Wesen macht, gleichzeitig aber daran hindert, eine Führungsrolle zu übernehmen. Viele Frauen scheitern im Arbeitsleben daran. Weil der Schritt in die Chefetage Abgrenzung und Andersartigkeit (ich bin besser) bedingt. Frauen vergleichen ständig. Klatsch und Tratsch.

Mütter sehen ihr Kind als Teil von sich selbst. Ein wunderbarer, natürlicher Reflex. Selbst wenn das Kleine ein Ebenbild des Vater darstellt. Sie reduzieren Andersartigkeit, in dem sie glauben, dass sie in einer früheren Phase ähnlich waren. Oder sie entdecken in ihrem Kind eigene verborgene Potenziale. Das Kind gleicht ihnen so oder so. Das wissen sie in ihren Herzen. Sie haben es schliesslich geboren.

Absolut typische Charakterzüge des Partners beim eigenen Kind werden nach aktuellem Status der Beziehung gewertet. Im guten Fall betonen sie diese sogar. Im ungünstigen Fall muss das Kind zum Besseren erzogen werden. Wie der Partner auch.

Bei Männern ist Andersartigkeit Programm. Sie sind etwas Besonderes. Sie beschäftigen sich eher mit sich selbst als mit ihrer Umgebung. Meistgehörter Schlüsselsatz: «Du auch?» Sie streichen ihre oft vermeintliche Einzigartigkeit vornehm (Gentleman) oder direkt (Prolo) heraus und machen sich damit Freunde (Gleichgesinnte), Kollegen (Bewunderer) oder Feinde (Neider). Ihre Kinder sehen sie als Teil ihres neuen Lebensabschnitts, als Teil ihrer Familie. Und im Gegensatz zur Mutter weniger als Teil von sich selbst.

Väter sehen ihre Töchter und Söhne eher so, wie sich selbst, als eigenständige Personen. Ihre Brust schwillt unheimlich an, fast wie beim Milcheinschuss, wenn ihnen der Sprössling gleicht. Je weiter der Apfel vom Stamm gefallen ist, desto empfindlicher schmerzt es aber auch. Wobei sie sich das nie anmerken liessen. Weil sie ihre Partnerin lieben. Und ein Kind mit der Person zu haben, die sie wirklich lieben, ist doch das Allergrösste.

Am Ende spielt es gar keinen Tango, wem die Augen, die Nase oder das Lächeln Ihres Kindes gleichen. Die Menschenmasse in Monthy Pythons «Life of Brian» bringt es auf den Punkt, wenn sie wie aus einem Munde schreit: «Wir sind alle völlig verschieden.»

rinaldo150x150Rinaldo Dieziger (37) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten Textagentur im Internet. Er hat eine Tochter und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.

42 Kommentare zu «Nach wem kommt das Kind?»

  • Eni sagt:

    Meiner Schwester Jüngste hat blaue Augen obwohl beide Elternteile braune Augen haben. Nach wem das Kind wohl kommt?

  • Sandra Pirelli sagt:

    Die paar wenigen, die sich nerven ob der Vergleicherei, werden hier runtergeputzt, dabei sind sie es, die eigenständige und gesunde Kinder in die Welt setzen. All jene die wollen, dass ihr Kind (nicht) ist wie sie selbst oder sonst was Bestimmtes tun ihrem Kind Gewalt an. Das sollte man thematisiert werden. Es ist keineswegs ein harmloses Thema, die Kinder ständig in etwas reinzupressen, und sie nie so zu sehen und in dem zu fördern, was sie sind und können!

  • Blaser sagt:

    Es gibt eine Geschichte, wonach eine hyperaktive, schöne aber dumme Frau einen hochintelligenten, aber furchtbar „gstabigen“ Mann heiraten sollte, in der Meinung, dass das Kind einesteils die Schönheit und Agilität der Mutter und die Intelligenz des Vaters erben sollte. Nur, wie es die Natur so wollte, wurde dem Paar ein Bube geboren, mit der Intelligenz der Mutter und dem „Gstabigen“ des Vaters. So sei es!

  • Blaser sagt:

    Rein biologisch-charmatisch ist es immer so, dass der erstgeborene Sohn der Mutter und die erstgeborene Tochter dem Vater nachschlägt. Dies kann man bis zu den Ururgrosseltern und bei Bedarf noch weiter zurückverfolgen. Dies ist der normale Fall. Sobald aber eine Verschüttung oder Abtreibung dazwischenspielt, ändert sich die Linie dem entsprechend. Je mehr Kinder pro Familie geboren werden, übernehmen die Kinder die Gene der Mutter und des Vaters verhältnismässig gleichsam. Weil dem so ist, sollten Ärzte eine lückenlose Krankheitsanalyse zurück erstellen. Es würde einiges vereinfachen.

    • Alain de la France sagt:

      Ihre Aussage Herr Blaser,
      wuerde Schopenhauer bestaetigen (Arthur war der erste Sohn;; Adele die erste Tochter).
      Aber, er hat ja auch in anderen Dingen – recht behalten…
      (Und, der Ausspruch des aelteren Goethe, „wenn der Schueler denn zum Lehrer wird“, im Salon der Mutter Johanna,
      ist bereits legendaer..).

    • E.H.Roth. sagt:

      hm, bei mir stimmt das schon mal gar nicht. Ich kam mehr nach meinem Vater (Gesicht) und grösse (Körper) und Charakter des Grossvaters. (Vaterseite) Von meiner Mutter nichts.

      • Muttis Liebling sagt:

        Naja, lieber Roth, die Wahrscheinlichkeit, dass der Sohn bzgl. der Körpergrösse der Mutter gleicht, ist gering, die, das der Grossvater in höherem Alter dem männlichen Enkel nachzieht, wesentlich höher. Ich habe erst vor ein paar Jahren begonnem, meinem Vater ähnlich zu sehen, sehr zu meiner Enttäuschung. Meiner Mutter hingegen war ich zu derer Enttäuschung charakterlich immer ähnlich. Bei mir kommt durch, was sie hat, aber nie zeigen wollte und auch gut verdrängt hat. Erst jetzt, seit mein Vater und die meisten ihrer Freundinnen tot sind, kann sie das für sich sogar als Erfolg sehen.

      • marie sagt:

        ich habe die schlupflider meiner mutter – DIE wollte ich nie, aber ihre beine, die habe ich leider nicht geerbt. meine sind aber trotzdem ganz ok.
        (bin ausserordentlich froh, dass ich von meinem vater nur den humor und seine genussfähigkeit geerbt habe, der rest hat er gott sei dank mitgenommen.)

      • Muttis Liebling sagt:

        Meine Beine, marie, sind klar vom Briefträger. Bin heute mindestens 30 km durch eine fremde Stadt gelaufen und habe jetzt ein ziemlich klares topographisches Bild. Ab morgen könnte ich hier Briefe austragen.

  • Alain de la France sagt:

    Nach Schopenhauer, einem guter Beobachter des Menschlichen/Allzumenschlichen erbt der Sohn
    die Intelligenz von der Mutter, das Temperament vom Vater; ueber das Aussehen hat er nichts gesagt.
    Bei der Tochter waere es umgekehrt.
    (Bei ihm selbst koennte es so gewesen sein).

  • Alain de la France sagt:

    Die Frage ist einfach zu beantworten:
    Die guten Eigenschaften von der Mutter, die anderen vom Vater;
    aus Sicht der Mutter.
    Aus Sicht des Vaters ist es eher umgekehrt…

    • Alain de la France sagt:

      In Ausnahmefaellen – und da sind sich beide einig;
      kommen die weniger guten Eigenschaften – vom Brieftraeger…

      • Muttis Liebling sagt:

        Oder vom Lichtmann.

        … Aber Herr Lichtmann
        Herr Lichtmann
        .. HerrLich…

        Mehr fällt mir zu dem dämlichen Thema auch nicht mehr ein und hinreichend bekannte etymiologische Betrachtungen erspare ich uns.

  • Aloha sagt:

    Unser Egelcehn ist eine eigene Persönlichkeit, trotzdem vergleichen wir immer wieder. Es ist doch schön, Charaktereigenschaften oder Aussehen anderer Familienmitglieder zu finden: die Hände der Omi, Wimpern vom Onkel, Phantasie vom Grosi, Lippen vom Papi und Augen von der Mami, Strurkopf der Tante (natürlich nicht von mir 😉 ).Wir wollen doch alle wissen, woher wir kommen um herauszufinden, wohin wir gehen wollen… Ich finde, es gehört auch zum Familiensinn – wenn man es nicht übertreibt und dem Kind die Eigenständigkeit zugesteht! Aussderm freuen sich doch alle, wenn sie etwas weitergeben..

    • E.H.Roth sagt:

      Sie meinen Engelchen also ein Mädchen? hm, als ich weiss nicht ob sie dann als Teen glücklich sein wird Wimpern des Onkels geerbt zu haben… gut es gibt Eyelash Extensions) Das mit dem weitergeben ist so eine Sache Aloha … Hawaii ist auch nicht mehr das was es zu Zeiten von honolulu baby mal war.

  • xyxyxy sagt:

    einer der besseren Beiträge nur manchmal ist die Beweisführung etwas verworren, wie Kistler oben zeigt
    aber einiges trifft dann zu:

    bei uns ist das auch so, dass ich eher die eigenständige Person im Kind sehe und meine Frau bei allem und jedem sagt „wie du“ „wie ich“ – mich nervt das, weil man so in Gefahr steht dem Kind einen vorherbestimmenden Stempel aufzudrücken.
    Wenn man einem Kind immer wieder sagt „du bist so und so, wie der Vater, wie die Mutter“ dann drückt man es in dieses Schema

    • ka sagt:

      Danke, das schreib ich mir hinter die Ohren! Habe ämlich die Tendenz unseren Jüngsten in diese Papaecke zu drängen.

  • Heinz Kistler sagt:

    „Bei Männern ist Andersartigkeit Programm. Sie sind etwas Besonderes. Sie beschäftigen sich eher mit sich selbst als mit ihrer Umgebung.“

    Dem sollte man wiedersprechen. Männer beschäftigen sich eben _nicht_ mit sich selbst, sondern mit Dingen. Dabei sind sie in sich gekehrt und voll auf die Sache konzentriert. Es scheint, dass dies vom Autor uminterpretiert wurde, dass sich der Mann mit sich selbst beschäftigt, dabei beschäftigt er sich nur.

    Es sind doch vornehmlich die Frauen, die sich mit sich selbst beschäftigen und sich (wie der Autor gut beschreibt) mit anderen vergleicht.

    Beides gut!

  • Auguste sagt:

    hmm… ist es einfach die lust am spielerischen suchen von äusseren merkmalen, die den nachwuchs „eindeutig“ als eigenen identifizieren, oder ist es vielleicht eine latente sorge, dass er eben genau das nicht sein könnte. interessant ist ja, dass das spiel weniger von den eltern selbst, als von der näheren und ferneren verwandt- bzw. bekanntschaft am liebsten gespielt wird. ursprung des spiels war damals in einer höhle, als ein stolzer steinzeit-vater seinen sprössling an die wand zeichnete und jemand rief: „der sieht ja aus wie der kleine von neanderbergers drüben!“.

    • E.H.Roth sagt:

      ja die lieben Verwanten und Bekannten. Lieben wir sie nicht alle? Wie lustig die Hörnlisalat-Fübüs sein können …

  • elena sagt:

    Was mir am Text auffällt, ist, dass der Autor offenbar zur Spezie der Gleichmacherinnen gehört: Sonst hätte er keinen solch vergleichenden und ein – wie er offenbar meint – allgemein gültigen Text schreiben können. Der Inhalt ist in sich selber irgendwie nicht stimmig und die gendrespezifische ‚Beweisführung‘ überzeugt mich nicht.

  • Bitta sagt:

    so ein selten gehörter Schwachsinn. Ich habe noch NIE analysiert, wem unsre Kinder gleichen, und weder ich noch mein Mann suchen nach Gemeinsamkeiten und sind enttäuscht, wenn wir keine finden, oder versuchen, welche dazuzudichten, wenn wir keine sehen. Auch wenn Grosser seinem Papi als Kleinkind gleicht wie ein Ei dem anderen, dann ist das für mich kein Grund zur Enttäuschung und für ihn auch keiner zum Stolz. Es sind andere Dinge, die uns stolz machen. Wir ach so hochentwickelte Spezies sollten doch langsam über das Genetische weg sein..

    • Carolina sagt:

      Ihnen auch einen schönen guten Morgen, Bitta. Warum so verbiestert? Wenn Sie sich hierin nicht wiederfinden, können Sie ja ipausieren – warum gleich Sauerbier am Morgen verteilen? Ich finde mich und uns in einigem wieder, in anderem nicht; finde den Thread aber amüsant und passend an einem sehr heissen Tag. Es herrscht jedenfalls kein Anwesenheits- und Aeusserungszwang.

    • Muttis Liebling sagt:

      Wir hatten das Thema auch erst kürzlich. Da habe ich schon mal geschrieben, meine Kinder sind mir und nur mir ähnlich, auch wenn sie vom Postboten sind.
      Gruss aus der heilen Ferienwelt.

      • alien sagt:

        Aaaah, jetzt kennen wir Deinen Beruf!

      • Carolina sagt:

        ML, Sie werden ja mit der Zeit richtig handzahm! Jetzt bemühen Sie sich schon in den Ferien hinunter in unsere einfachen Gefilde….. Grüsse zurück und PS: Zumindest bei uns wäre es klar, wenn die Kinder vom Postboten stammten – soviel Verdrängungskunst brächten nicht einmal liebende Eltern auf:-))

      • Muttis Liebling sagt:

        Carolina, der MamaBlog ist immer noch das höchste Kommunikationsniveau im Land der Verdrängungskünstler. Nichts mit einfachen Gefilden.

      • alien sagt:

        Wo er Recht hat, hat er Recht.

    • Cassandra sagt:

      Ist ja eigentlich auch ein Blödsinn, dieser ganze „Ganz-de-Papa“-Rummel. Vorher haben sich die Kerle auch nicht drum geschert, was mit ihren Spermien passiert…
      Vater ist ein Vater von denjenigen Kindern, die er durchs Leben begleitet. Mehr braucht’s auch nicht.

      • Sportpapi sagt:

        Aha. er ist aber nicht Vater der Kinder, für die er jahrelang zahlt, zum Teil ohne sie regelmässig zu sehen? Dafür Vater der Kinder, die seine Freundin in die Wohnung gebracht hat? Was ist denn eine Mutter?

  • ich bin ja bloss froh dass mir die tochter nicht gleicht… eine karriere im wanderzirkus wäre ihr sonst in die wiege gelegt worden

  • Leonidas sagt:

    danke Reto für diese unterhaltsame und treffende Analyse!

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.