Gelernt ist gelernt

Ein Papablog von Maurice Thiriet

Wenn der Grossvater zur Hochform aufläuft: Kinder hören aufmerksam zu. (Bild: Keystone)

Wenn der Grossvater zur Hochform aufläuft: Kinder hören aufmerksam zu. (Bild: Keystone)

Ich hatte keine leichte Kindheit, denn mein Vater war Moderator beim lokalen Radio. Wenn es mir recht ist, war er sogar der Chef aller Moderatoren, aber das weiss ich nicht sicher. Jedenfalls kann ich mich erinnern, dass mein Bruder und ich oft stundenlang vor dem Radio im Wohnzimmer gesessen und andächtig des Vaters Stimme gelauscht haben. Meinem Vater konnte man im Gegensatz zu heutigen Lokalradiomoderatoren noch stundenlang zuhören. Er konnte reden, so lange er wollte. Und er hatte von Mäni Weber und damit vom Besten gelernt: textsortenspezifische Präsentation, atemrhythmisch angepasste Phonation, Resonanzraumaufbau – alte Schule eben.

Leider hatte der Beruf meines Vaters zur Folge, dass ich auf dem Pausenplatz des Öfteren verhauen wurde. Ich ging davon aus, dass alle Väter wie meiner im Radio zu hören sein müssten, ansonsten sie keine richtigen Väter seien. Deshalb beschimpfte ich alle Kinder als «Halbwaisen», die sagten, ihre Väter seien nicht im Radio zu hören.

Ich wurde dann älter und mein Vater beschloss wohl, dass Moderator kein ernstzunehmender Beruf sei. Jedenfalls liess er ihn fallen und auch seine Sprechkünste wandte er je länger je weniger an, bis er sämtliche Sprecher-Engagements einstellte. So wurde ich nur noch gelegentlich damit konfrontiert, welchen Beruf er erlernt hatte. Meistens dann, wenn ältere Menschen bei Firmenfesten oder sonstigen Anlässen nach dem dritten Glas Roten ein wenig unsicher fragten: «Äxgüsi, sind Sie ächt verwandt mit äm Roschee? Dä wo ‹Bestseller uf em Plattenteller› gmacht hät?» In den letzten Jahren habe ich selbst diesen Satz nicht mehr gehört, seine Fans scheinen allmählich auszusterben.

Ich hatte also schon fast vergessen, dass mein Vater einmal Radiomoderator war, als ich eines Tages beobachtete, wie er seinen zuvor hellwachen Enkel innert weniger Minuten in den Schlaf sprach. Resonanzraum und atemrhythmisch angepasste Phonation schalteten das Babygehirn in Rekordzeit aus. Nach fast zwanzig Jahren also testete er heimlich an meinem Kind, ob seine Radiostimme noch Wirkung entfalte. Ich dachte mir nichts dabei, denn gegen ein schlafendes Baby ist nichts einzuwenden.

Doch schon bald sollte ich wieder mit Vaters Vergangenheit konfrontiert werden, denn mittlerweile ist aus dem Baby ein kleiner Junge mit einem kleinen Bruder geworden. Die beiden lassen sich gerne Bilderbücher erzählen oder Geschichten vorlesen und bis vor kurzem waren sie mit dem diesbezüglichen Angebot ihrer Eltern auch zufrieden. Zwei Monate lang jeden Abend vor dem Einschlafen die gleiche monoton abgespulte Version von «Der kleine Maulwurf und sein Auto?» Kein Problem. Beim «Schellenursli» mal unmotiviert ein paar Zeilen überspringen? Verziehen. Die Barbapapas mitten in der Erzählung als komplett irres LSD-Elaborat bezeichnen? Okay.

In letzter Zeit jedoch häuften sich Beschwerden. Man solle gefälligst nicht immer alle Passagen gleich laut vorlesen. Es sei doch nicht möglich, dass alle Figuren die gleiche Stimme hätten. Man solle es bitte einfach RICHTIG erzählen oder lieber gleich eine CD einlegen.

Während sich meine Frau auf die gestiegenen Ansprüche der Sprösslinge zunächst keinen Reim machen konnte, keimte in mir ein Verdacht, den ich bald bestätigt sehen sollte. Bei der traditionellen Familiengrillade am 1. August sah ich trotz strahlendem Sonnenschein selten ein Kind im Garten. Und meinen Vater während Stunden überhaupt nicht. Ich fand ihn stattdessen im Wohnzimmer auf dem Sofa. Um ihn herum ein Traube von gebannt lauschenden Kindern geschart, denen er mit absolut professioneller Miene und Ernsthaftigkeit jedes Buch vorlas, das ihm diese hinlegten – inklusive textsortenspezifischer Präsentation, atemrhythmisch angepasster Phonation und Resonanzraumaufbau. Gelernt ist eben gelernt.

mauriceMaurice Thiriet (32) ist seit 2008 Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger». 2011 wurde er mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

42 Kommentare zu «Gelernt ist gelernt»

  • Katharina sagt:

    Bei Ihrem Beitrag kommt mir spontan der ausserordentliche Schauspieler Morgan Freeman in den Sinn. Auch einer mit Stimm-Talent. Und schön geschrieben ist Ihr Beitrag auch.

  • beat.buerki sagt:

    meine grosse ist noch nicht soo interessiert am vorlesen, wobei sie das mit ihren zweieinhalb auch gerne hört. aber wenn ich ihr nicht ihre lieder vorsinge, dann ist schlafen schwer. und wenn nicht das lied mit marco „pippi“ streller reingedichtet zum abschluss gesungen wird, ja, schwer…. *fcb-fcb*

    danke für den blogbeitrag, toller text, sehr amüsant….

    • dres sagt:

      Unserer schläft – ungefähr im gleichen Alter wie Ihre Tochter – auch nur bei „FC Thun olé“ ein… 😉 Schreien wir unsere Kids am kommenden Wochenende noch lauter in den Schlaf 😉

  • Widerspenstige sagt:

    Ach, das Märchenvorlesen war meine Leidenschaft und ich muss es gestehen, ich las noch vor auch wenn die Kinderchen schon längst im Traumland schwebten. Es war für mich sowas wie das langsame Runterfahren vom stressigen Alltag im Geschäft. Der genüssliche Gegenpol sozusagen und wärmstens zu empfehlen. Ich konnte auf keine Eltern zurück greifen wie hier so eindrücklich und einfühlsam vom Sohnemann beschrieben. Ja, eine Hommage an das seltene Talent des lebendigen Erzählens seines Papas…wow! 😀

  • think about sagt:

    Das schöne finde ich, wenn alle drei kleinen zuhören und der Gesichtsausdruck, wenn die Dramaturgie ihr Finale erreicht. Ok, bei den Grimm Märchen wird ja eh meist geschnitten, eingepackt und ausgepackt – und fertig ist. Bin froh, dass mein Vater auch bei seinen Enkeln mit Lesen gut ankommt. Das Interesse bei den Kids für Bücher wird so auch stets gefördert.

    • Carolina sagt:

      Das allerschönste an solchen Beobachtungen ist, dass man seinen Eltern dann vieles nachsieht, ihnen vieles verzeiht, was einem immer auf den Geist gegangen ist. Wenn sie soviel Geduld, Liebe und Zeit auf ihre Enkel verwenden (egal eigentlich, womit), kann man ein ‚erwachseneres‘ Verhältnis zu den eigenen Eltern entwickeln. Mein Vater hat seinen Enkeln gern heimlich OP-Mitschnitte gezeigt, bis meine Mutter dahinterkam. Er ist kürzlich gestorben – und seine Enkel sprechen voller Liebe und Lachen von ihren Erinnerungen an ihn.

  • xyxyxy sagt:

    ist doch schön so einen (Gross)Vater zu haben.
    Ich mache schon verschiedene Stimmen, muss dann aber aufpassen, dass ich nicht nach 10 Minuten heiser bin.

    Gibt es eigentlich einen Kurs um das zu üben?

    • Die Trudi Gerster Highschool vielleicht? Ach, mir kommt das Krächzen, wenn ich mal wieder zu lange vorgelesen habe…

      • Sportpapi sagt:

        Vor kurzem habe ich in einer Reportage Trudi Gerster an der Landi (!) ihre Märchen erzählen hören. Also, Grossmutter (Grossvater schon gar nicht) war sie da noch nicht, sondern kaum erwachsen. Aber diese Stimme hatte sie schon damals.

  • Pippi Langstrumpf sagt:

    Bettina Zacher und Stefanie Wittgenstein von Klassikradio.de, die Besten!

    • Theo sagt:

      Etwas seicht, da geht es meiner Ansicht nach gar nicht um Klassik, sondern um orchesterwuchtige Einlullung, um einen rührseligen Klangteppich in der gutaufgerämten Eigentumswohnung alleinstehender Ladies, Kuschelklassik für Leute, die sich für arriviert halten, da tropft es arg honigsüss aus dem Lautsprecher. 365 Tage Weihnachtsstimmung – igitt.

  • Marc sagt:

    Das habe ich gern gelesen, und ea hat gut getan. Vorsatz: Besser vorlesen!

  • Auguste sagt:

    hmm…, nicht nur kleine mädchen wissen die stimme aus dem radio zu schätzen. 1979 machte auch dieses schon etwas grössere mädchen mit dieser hübschen ode an einen radio-dj aus ihrem herzen keine mördergrube…

    youtube: charlie dore – pilot of the airwaves

    …was wäre jene teenager-jahre ohne frank laufenbergs pop-shop und swf3 gewesen – unvorstellbar.

    • Damals in meiner Teenagerzeit hate ich das Vergnügen, Dänu „Sleepy“ Boemle mitzuerleben. Für mich der beste Radiomoderator aller Zeiten. RIP.

      Und ein btw. grosses Kompliment an das Sounds! Team

      • gabi sagt:

        Dann gehört Frank Laufenberg aber bitte ebenfalls erwähnt!

        SWF3 ruled!

      • Carolina sagt:

        Elmar Hörig, zumindestens damals bei SWF3 (das F habe ich schon ewig nicht mehr gehört!)! Den haben sie, wegen irgendeiner Lächerlichkeit, gefeuert – die politische Korrektheit zog ein und damit waren die für mich gestorben.

      • Auguste sagt:

        hmm…, stimmt elmar hörig und elke heidenreich waren ebenso treue, unsichtbare begleiter damals. und ende siebziger kam roger schawinski und sein ventiquattro vom italienischen pizzo runter nach züri. er ist immer noch besser als alle, die er sonst noch am mic hat versammelt hat. wenn er bloss ein klein wenig humor hätte. obwohl, jemand der smokie-hits in die palette der „only great songs“ aufnimmt, der muss über humor oder eine gehörige portion mut verfügen, um zu solch „guilty pleasures“ öffentlich zu stehen.

        youtube: smokie – if you think you know how to love me

      • Carolina sagt:

        Mut! Definitiv Mut bzw Sauglattismus! Null Humor!

      • E.H. Roth sagt:

        Richtig, damals SWF3 und heute als SWR3 noch immer einTop Sender.

      • Carolina sagt:

        Naja, heute kommt der SWR3 aber schon arg glattgebügelt daher: ok, es gibt Zeus und Wirbitzky, die jede CH-Morgenshow in den Schatten stellen, Andreas Müller und Kai Carstens – aber sonst? Endlose Event-Wiederholungen und -Werbungen, ganz wenig Infos (früher gab es wenigstens die Mittagsshow) und ewig dieselbe Musik. Dazu bin ich zu alt. Ich wünsche mir immer eine App oder einen Display, auf dem meine liebsten Radiosender zu sehen sind und was genau wann läuft. Dann kann ich mir meine Mischung aus Radio One, LBC, DRS 1 und 3, SWR3 und, neulich auf der Autobahn entdeckt, DLF selber kreieren.

    • think about sagt:

      SWR3 –
      Die Elmi Radioshow – Elmar war mein Ding….. Schweine im Weltall !!!! 🙂 Wurde natürlich mit Kassette aufgenommen.

      • Carolina sagt:

        Genau! Er war so rotzfrech, dass manchmal in den Zeitungen stand (Internet gab es natürlich noch nicht), dass wieder der Rundfunkrat (heisst das so?) einschreiten musste – wir waren ihm hörig, hihi.

      • E.H. Roth sagt:

        Knut Butnase und König Dickbau von SWF3

  • Hitz sagt:

    Typisch, dass eine schöne Stimme und eine beruhigende Wirkung der selben nur dem Vater zugeschrieben wird. Ich wittere dahinter sowohl strukturellen wie auch individuellen Sexismus. Ausserdem, falls vorheriger Satz den eigenen Vorlieben nicht gerecht werden sollte, ahne ich in der Sehnsucht nach des Vaters Stimme einen Ausdruck davon, dass Männer heute feminisiert und unterdrückt werden von den satanischen Feministinnen, die schleichend die Weltherrschaft übernehmen.
    Ich hoffe, ich konnte mit diesem Kommentar einen Beitrag dazu leisten, dass der MB seinem Auftrag weiterhin gerecht wird.

  • Kathy sagt:

    Vielleicht liegts an meinem momentanen Hormonhausehalt, vielleicht auch nur am Blog: ich habe doch tatsächlich feuchte Äuglein bekommen. Wundervoller Text!

  • dres sagt:

    Sehr schöner Text. Und es besteht die realistische Möglichkeit, dass sich heute mal kein pseudointellektueller Genderkrieg entwickelt hier im Blog… 😉 Wobei, eventuell haben Sie den kapitalen Fehler begangen, Ihre Mutter mit keinem Wort zu erwähnen… 😉

  • Roland Meier sagt:

    Eine schönere und eindrücklicher Hommage an seinen Vater kann man wohl kaum mehr schreiben!
    Chapeau!
    Ich durfte Ihren Vater vor etwa 10 Jahren Jahren persönlich kennen lernen und seine Fähigkeiten praktisch erleben.
    Wirklich gut getroffen.

  • Regula sagt:

    Sehr schön! Mein Vater hat mit meinen Söhnen ausgedehnteste Waldspaziergänge gemacht und ihnen ALLE Pflanzen gezeigt. Darüber war ich froh, es hätten ja auch Panzer, Haubitzen und militärische Strategien sein können.

    • E.H. Roth sagt:

      Na ja, Meine beiden Grossväter lernten mir das Rudern, Schach- und Backgammon spielen und ab und an eine Zigarette und ein Glas Schnaps dazu. Da war ich gerade mal 9. Ich denke die fanden das lustig und ehrlich gesagt mir machte es auch immer Spass meine Freizeit mit dem einen oder anderen alten Herrn verbracht zu haben. Denn Freiheit ohne Regeln ist für einen Burschen das grösste. Wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn eben.

  • Troll sagt:

    Haha, Sie waren wohl ein einfältiges Kind!
    Ich hab das mit dem Vorlesen auch schon bei meiner kleinen Schwester probiert, die Reaktion haben Sie exakt beschrieben. Dabei bekomme ich von (erwachsenen) Frauen immer ein Kompliment für meine Stimme.
    Gibt Ihr Alter Nachhilfestunden?

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