Best of Mamablog: Wenn Baby ein neues Herz bekommt

Es sind Sommerferien, auch für unsere Autorinnen und ihre Familien. Deshalb publizieren wir in den nächsten zwei Wochen zehn Lieblingsbeiträge unserer Bloggerinnen. Wir hoffen, das Wiederlesen macht auch Ihnen Spass! Der heutige Beitrag unserer Sommer-Best-of-Serie stammt von Gabriela Braun.

Der Patient: Dieses Kleinkind wurde im Dezember 2011 in Zürich operiert. (Bilder: Keystone)

Der Patient: Dieses Kleinkind wurde im Dezember 2011 in Zürich operiert. (Bilder: Keystone)

Während Monaten schwebt das Baby zwischen Leben und Tod. Es ist mit einer kranken Herzmuskulatur zur Welt gekommen. Weder Medikamente noch ein Kunstherz können ihm helfen. Die einzige Möglichkeit, nicht zu sterben, ist allenfalls ein Spenderherz.

Als das Baby acht Monate alt ist, ergibt sich die Gelegenheit. Ein Team um Starchirurg René Prêtre implantiert dem Baby das gesunde Herz einer Zweijährigen, die kurz zuvor bei einem Unfall gestorben war. Die Herz-Operation dauert sieben Stunden und ist überaus riskant. Erst einmal zuvor hatte man hierzulande einem unter einjährigen Kind ein fremdes Herz eingesetzt.

Das geschah vor ein paar Monaten. Die «NZZ» berichtete darüber.

Der Chirurg: René Prêtre vor der landesweit zweiten Herztransplantation an einem unter Einjährigen.

Der Chirurg: René Prêtre vor der landesweit zweiten Herztransplantation an einem unter Einjährigen.

Wahnsinn, nun gibt es auch Herztransplantationen bei Babys, ist mein erster Gedanke dazu. Der zweite dreht sich sogleich um die betroffenen Eltern: Unglaublich, was diese durchzustehen hatten – und noch immer haben. Aber auch, welche existenziellen Entscheidungen sie treffen mussten. Für sich und ihr Kind.

Die Eltern mussten abwägen zwischen einem allfälligen Leben, dem sicheren Tod und den Schattierungen dazwischen. Sollten sie es als Schicksal annehmen, dass ihr Mädchen von Natur aus nicht zum Überleben gemacht war? Oder es auf die Liste der todkranken Organempfänger setzen und hoffen, dass ein passendes Herz das Baby retten kann? Und wenn das klappt: Wie wird das Leben der Kleinen danach aussehen?

Sieben Stunden volle Konzentration: Prêtre und sein Team bei der seltenen Transplatation.

Sieben Stunden volle Konzentration: Prêtre und sein Team bei der seltenen Transplantation.

Denn klar ist: Auch mit dem neuen Herzen wird das Mädchen nie ein Leben wie gesunde Kinder führen. Es ist auf einen Medikamentencocktail angewiesen und wird immer Patient sein. Zurzeit erhält das Kind die Medikamente über eine Magensonde und ist erstmals seit Monaten wieder daheim. Doch allein eine Infektion könnte für das Kind lebensbedrohlich sein. Wie sich das Leben des Mädchens entwickelt, kann man nicht vorhersagen. In etwa zwanzig Jahren wird die junge Frau vielleicht abermals ein neues Herz benötigen.

Die Eltern hatten sich offenbar mit dem Entscheid zur Transplantation schwer getan. Sie hoffen nun, dass dieser auch im Sinne des Kindes war. Sie sind froh, konnten die Ärzte das Leben ihrer Tochter im letzten Moment retten. Doch gleichzeitig fragen sie sich bang: Was, wenn es dem Mädchen trotz lebensrettender Herz-OP noch jahrelang gesundheitlich schlecht geht? Wird ihr Kind die Eltern am Ende dafür verantwortlich machen?

Neues Leben: Das Spenderherz gehörte einem zweijährigen Kind, das nach einem Unfall verstarb.

Neues Leben: Das Spenderherz gehörte einem zweijährigen Kind, das nach einem Unfall verstarb.

Die Gedanken sind nachvollziehbar. Und man kann sich fragen, ob tatsächlich alles, was medizinisch machbar ist, auch gemacht werden muss. Doch ich wage zu behaupten, dass diese Eltern wohl so gehandelt haben, wie es die meisten tun würden, wenn das Leben des eigenen Kindes an einem seidenen Faden hängt. Sie wollten es retten, mit allen möglichen Mitteln. Es war das einzige, das sie für ihr Baby tun konnten. Sie wollten es nicht einfach aufgeben.

Also entschieden sie sich, bis zum Letzten zu gehen und die medizinischen Möglichkeiten auszureizen – und zu hoffen. Nicht darauf, dass das Schicksal einem anderen Kind schlecht gesinnt ist, und so ein Herz «frei» wird. Sondern darauf, dass für das eigene Kind die Tür zum Leben einen Spalt weit aufgeht.

gabi15x150Gabriela Braun ist Redaktorin bei der Zeitschrift «Gesundheitstipp», freie Journalistin und Mutter eines Sohnes. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Erlenbach ZH.

Erstpublikation: 19. April 2012

5 Kommentare zu «Best of Mamablog: Wenn Baby ein neues Herz bekommt»

  • Susanna sagt:

    Ein sehr guter Artikel – eine Situation, wo es kein wirkliches richtig oder falsch gibt und die man keinen Eltern und Kind wünscht. Ein Bravo den Eltern des verunglückten Kleinkindes, dass sie in dieser furchtbaren Situation, einer Spende zugestimmt haben.

  • Muttis Liebling sagt:

    Man darf nicht alles, was medizinisch machbar ist, machen. In diesem Fall musste man es aber machen, auch unabhängig vom berechtigtem Wunsch der Eltern und dem nicht bekannten prospektiven Wunsch des betroffenen Kindes.

  • Rolf sagt:

    Liebe Frau Braun
    Endlich ein guter, ernster und leider auch tragischer Artikel. Vielleicht realisieren einige Mamabloger ihre eigene Dekadenz und fangen endlich an, andere und wichtigere Themen im Kopf zu haben.

  • Andrea sagt:

    Liebe Frau Braun
    Als unregelmässige MamaBlog-Leserin sehe ich diesen Artikel nun im Best-of. Als Betroffene haben Sie das Thema subtil und mit treffenden Fragen aufgeworfen. Was tun, wenn das Baby ohne lebenslanger und nicht abschätzbarer medizinischer Unterstützung dem sicheren Tod bereits bei der Geburt geweiht ist ? Gibt es einen halbwegs normalen Alltag zwischen Spital und Zuhause – und somit auch zwischen Leben und Tod – welcher sich sowohl für das Kind wie auch für die Eltern überhaupt bewältigen lässt, ohne daran zu zerbrechen ? Für uns war der Entscheid dagegen schliesslich richtig. FG

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