Gleichberechtigung. Ja. Aber.

mbDi1

Müssen alle wirklich das Gleiche tun, oder einfach nur gleich viel? Mann in Frauenkleidern am Staubsaugen. (Illustration: Jamie Vesta)

8. März um halb acht in der Früh. Frauenkampftag. Regen. Grau. An der Tramhaltestelle Männer. Und Frauen. Etwa gleich viele. Kämpferisch sieht keiner aus. Und keine. Eher müde.

Gut, man müsste sicher anderswo gucken, um zu sehen, dass es noch viel zu kämpfen gibt in Sachen Frauen. Für die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Das muss man nicht schönreden und auch nichts ins Lächerliche ziehen. Gleichzeitig ist die Debatte um Gleichstellung meiner Ansicht nach an einen etwas eigentümlichen Punkt angelangt. Zumindest was die ewige Diskussion um gleiches häusliches Engagement in Mittelschichtsfamilien angeht.

mbDi_wp

Die ewigen Diskussionen um die gerechte Teilung der Hausarbeit können anstrengend sein: Ein Mann putzt das Klo.

Das mit dem «Gleich» ist so eine Sache. Ist etwas nun «das Gleiche» oder «das Selbe»? Eine grammatikalische Knacknuss mit philosophischem Unterbau. Das Gleiche ist nämlich nicht das Selbe. Es ist lediglich ähnlich. Und dieses Detail geht ab und zu völlig vergessen in der ewigen Männer-und-Frauen-sollen-gleichviel-im-Haushalt-tun-Diskussion. Und da immerhin laut einer Statistik der Fachstelle für Gleichstellung von Mann und Frau des Kantons Zürich nur noch ein Drittel der Familien das traditionelle Familienmodell lebt, ist die sehr verbreitet.

Als wir kleine Kinder hatten, hatte ich die fixe Idee, dass man, also wir als Mann und Frau, alles teilt. Gleich viele Windeln wechseln, gleich viele zähe Nachtstunden mit einem weinenden Baby auf dem Arm durch die Wohnung tigern, gleich viel arbeiten gehen, Wäsche falten, Rechnungen bezahlen, auf Spielplatzbänken sitzen – und was immer es an gefühlten Millionen schönen und weniger schönen Dingen gibt, die eine Familie eben ausmachen.

Das hatte irgendwann zur Folge, dass wir, übermüdet und gleichberechtigungsbeflissen, wie wir waren – aus Überzeugung, wir sind ja modern – viele Stunden damit verbrachten, abzumachen, wer was wann tut. Und ich gebe zu: Vor allem ich war immer öfter im zackigen Buchhalter-Modus und habe wohl schon fast die abgewaschen Teller pro Kopf gezählt. Voll die kleinliche Milchbüchlirechung. Einen Teil kann man sicher als Charakterschwäche abbuchen. Der andere geht auf das Konto «unpassendes Modell gewählt».

Irgendwann wurde uns das zu blöd. Wir beschlossen, es mal anders zu versuchen und das so genannt egalitäre System zu kippen. Seit ein paar Jahren mache ich meine Familien-Jobs, mein Mann macht andere, jeder die, die ihm am besten liegen. Aber eben nicht dieselben, sondern einfach gleich viele. Darum habe ich beispielsweise keinen blassen Schimmer von unserer aktuellen Steuerrechnung, Lampen flicke ich keine mehr und Altglas trage ich auch nicht mehr zur Sammelstelle. Dafür bin ich zuständig dafür, dass es bei uns wohnlich ist, hab die Termine der Familie im Griff und habe ein Auge auf die Hausaufgaben. Logisch, helfen wir einander, wenn nötig. Aber wir müssen nicht mehr den ganzen Quark aushandeln.

Seit dieser Umstellung bin ich massiv weniger genervt, wenn ich am Morgen vor der Arbeit noch rasch das Bad putze und auf dem Heimweg einen Sack voll Essen anschleppe. Ich hab ja anderswo Pause und wir gemeinsam mehr Zeit und Energie für Interessanteres. Zudem haben die klaren Einteilungen auch unerwartet unterhaltsame Seiten. Wenn beispielsweise wieder so ein Telefonfuzzi anruft, um mir das neueste Angebot für noch besseres und schnelleres und billigeres Telefonieren anzudrehen, sage ich: «Oh, das tut mir leid, da verstehe ich gar nichts davon, wissen Sie, das macht alles mein Mann.» – «Und wann kommt der nach Hause?» (Jetzt Stimmlage noch um einen Tick verdoofen oder, je nach Stimmung, eine Prise Anklage und Jammer beimengen): «Siiiiie, dass weiss ich halt amigs auch nicht…» Aha und tschüss.

Vermutlich haben sich das die Vorkämpferinnen der Frauenrechte damals nicht ganz so vorgestellt. Für mich ist jedoch eine der möglichen logischen Weiterentwicklungen der Emanzipation, dass ich mich gemeinsam mit meinem Mann für unsere eigene Form des Familienlebens entscheiden kann, auch für eine altmodischere. Für diese Freiheit bin ich enorm dankbar. Und die wünsche ich allen. Frauen wie Männern.