Monogamie, Bigamie, Polyamory

Die Hippies wollten die sexuelle Revolution - aus dem Film «Across the Universe», 2007.

Die Hippies wollten die sexuelle Revolution - aus dem Film «Across the Universe», 2007.

Es war ein schlechtes Jahr für die Sexualmoral. Nachdem Eileen Woods auf dem Handy ihres Mannes Beweise für seine Untreue gefunden hatte, jagte sie ihn mit einem Golfschläger aus dem Haus. Und er krachte auf der Flucht so medienwirksam in einen Baum, dass auch gleich seine Karriere Leck schlug. Auch zahlreiche andere Prominente wurden mit heruntergelassenen Hosen erwischt: Der englische Trainer der Fussballmannschaft entmachtete Abwehrspieler John Terry nach einer publik gewordenen Sex-Affäre. Und Schauspielerin Sandra Bullock und Popstar Cheryl Cole trennten sich von ihren Männern, nachdem diese als Fremdgeher entlarvt worden waren. Dies alles geschah sehr zur Freude und in treuer Begleitung der Medien, die den Stoff auf moralinsaurem Feuer hochkochten und die Empörung wochenlang wiederkäuten.

Für mich stellen sich ob dieser Sachlage vor allem zwei Fragen: Warum wird dieses Tribunal nur über Männer abgehalten? Und was ist eigentlich mit der guten alten sexuellen Revolution passiert? Mit sexueller Revolution meine ich allerdings nicht die Nonstop-Titten-Show. Ich meine die links-libertäre Forderung nach einer neuen Sexualmoral, die das gesellschaftliche Miteinander jenseits von institutionalisierter Kleinfamilie neu organisieren wollte. Ein theoretisch hübsches, in der Praxis aber wenig durchdachtes und äusserst heikles Unterfangen, das natürlich nicht reibungslos (sic!) vonstatten gehen konnte. Zumindest gesellschaftlich und in ihrer gesellschaftlichen Form mag sie gescheitert sein. Kommerziell erwies es sich als äusserst erfolgreich, weshalb heute vor allem die Medien sexuell befreit sind. Oder wenigstens so tun.

Auf die Empörung und den Voyeurismus der Massen setzend, wird heute jeder sexuelle Tabubruch öffentlich zelebriert. Wobei sich das «Tabu» natürlich auf inszenierte Werte bezieht, die weit entfernt sind von dem, was im nicht-öffentlichen Raum toleriert wird. Somit erweisen sich die ach so sexuell offenen Medien paradoxerweise als Motor für konservative Kräfte. Und in diesem Spiel ist inzwischen der «Ehebrecher» zu einem der beliebtesten Schurken geworden.

Freie Liebe in der Hippie-Kommune - ein Modell für die Gegenwart?

Freie Liebe in der Hippie-Kommune - ein Modell für die Gegenwart?

Das ist bemerkenswert. Schliesslich galten Frauen, die ihre Sexualität offensiv ausleben, bis vor kurzem noch als Schlampen, während Männer sich mit ihren Abenteuern brüsten durften. Es scheint, als habe sich das in den letzten Jahren aber geändert. Aber nicht so, dass Promiskuität auch bei Frauen akzeptiert würde – vielmehr gelten heute auch Männer mit zu vielen Sexualkontakten als verdächtig. Freie Liebe, das war einmal, behauptet auch eine neuere Studie der University of Illinois in Chicago mit 17’000 College-Studenten. Dort gaben sowohl männliche wie weibliche Studenten zu Protokoll, dass sie den Respekt vor Männern und Frauen verlören, wenn diese sich auf zu viele Sexualpartner einliessen.

Eine Hypothese, warum das so sein könnte, ist der wachsende Einfluss junger Frauen auf die Gesellschaft und ihre Werte, sagen die Studienleiterinnen. Man könnte es als emanzipatorische Errungenschaft werten, dass auch für Männer mittlerweile die gleichen Standards gelten sollen, wie für Frauen. Das Problem ist nur, dass der Wunsch nach einer traditionellen, monogamen Ehe in den meisten Fällen eben ein Wunsch bleibt. Dass gerade Partnerschaften, die auf Langfristigkeit angelegt sind, gut daran tun, individuelle Lösungen in dieser Frage zu finden. Wer davor die Augen verschliesst, befördert nur die Doppelmoral , samt der inszenierten Empörung, wenn sich wieder mal erwiesen hat, dass Monogamie in der heutigen Gesellschaft nicht besonders gut funktioniert. Weder für Frauen, noch für Männer. Immerhin sollen heute die Frauen ihre Männer genau so oft betrügen, wie umgekehrt.

Man kann nun die idiotische Diskussion, wer denn jetzt die Bösen sind, getrost beiseite lassen. Ich glaube, Ängste und Eifersucht gehören zur Liebe wie die Lust, die sich selten auf einen Menschen alleine richtet. Aber die 68er gaben meines Erachtens insofern einen wichtigen Impuls, als es heute den jeweiligen Paaren obliegt, sich auf gemeinsame Werte zu einigen und ihre Sexualität so zu leben, wie es ihren Vorstellungen und Abmachungen entspricht. Ob das jetzt das Modell der Monogamie, Polyamory, Bigamie oder was auch immer ist.

Natürlich sind die Prominenten dafür schlechte Beispiele. Wir haben ja keine Ahnung, was Tiger Woods oder Ashley Cole seiner Frau zu Hause erzählten – aber mit Sicherheit ist es einer Partnerschaft nicht förderlich, wenn die vermeintlichen Fehltritte des berühmteren Partners global medial durch den Dreck gezogen werden. Wobei es auch hier Ausnahmen gibt. Filmgöttin Tilda Swinton nämlich hat nicht nur einen offiziellen Mann, sondern gleich deren zwei. Mit dem einen hat sie zwei Kinder und ein Haus in Schottland, der andere ist zwanzig Jahre jünger und darf sie zu offiziellen Anlässen begleiten – im Einvernehmen aller Parteien. So bemüht die Medien auch versuchten, daraus einen Skandal zu stricken, Swinton und ihre beiden Männer blieben gelassen, verteidigten sich nicht, klagten nicht an. So sollte Sexualmoral funktionieren. Sie ist Sache der beteiligten, erwachsenen Menschen. Alles andere ist Humbug.

Oder wie halten Sie es mit der Monogamie?