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Begegnung mit Engeln

Hugo Stamm am Samstag den 14. April 2007

Der Mensch ist auf den Engel gekommen. Die gefiederten Fabelwesen bevölkern in den letzten Jahren den Himmel, das Universum und das menschliche Bewusstsein wie schon lang nicht mehr. Der Engel ist wieder der beste Freund des Menschen geworden und rangiert wohl direkt hinter dem Hund an zweiter Stelle.

Die Renaissance der himmlischen Boten verdankt die moderne Zivilisation dem Esoterikboom. Die christlichen, vor allem katholischen Gesandten des Himmels haben Konkurrenz von den Flatterwesen aus dem spirituellen Universum erhalten. Engel sind bei spirituellen Suchern voll im Trend. Es gibt Engelläden, in denen die himmlischen Heerscharen in allen Farben und Formen schillern. Im Gegensatz zu den christlichen Engeln sind die esoterischen Helfershelfer der Menschen universale Geistwesen mit göttlichen Fähigkeiten.

Wie lässt sich die neue emotionale Bindung des Menschen an den Engel erklären? Die Esoterik reduziert das komplexe Weltbild auf einfache Erklärungsmuster. Das Universum ist eigentlich nur Energie, das menschliche Verhalten folgt dem Gesetz von Aktion gleich Reaktion oder der Grundregel Ursache und Wirkung. Die Sehnsucht nach der Simplifizierung der Realität bestimmt das Bewusstsein vieler Esoteriker und Gläubigen.
Engel befriedigen genau diese Sehnsucht. Sie sind die Metapher für einen allmächtigen Schutzgeist, der mich an der Hand nimmt und mich sicher durch die Stürme des Lebens führt. Er nimmt mir die Verantwortung ab und schützt mich vor den vielfältigen Gefahren. Ich muss ihn nur erkennen, ihn annehmen, mich ihm anvertrauen und an seine Wunderkräfte glauben. Und natürlich mit spirituellen Ritualen einen Kanal zu ihm bauen. Glauben viele spirituellen Sucher, wie ein Blick in die Engelregale der Buchhandlungen zeigt.

Psychologen würden den Vorgang als Regression bezeichnen. Tatsächlich muss ich den geistigen Zustand eines Kindes annehmen, um an das simplifizierende Symbol des allmächtigen Engels glauben zu können. Esoteriker und strenggläubige Katholiken würden antworten, es sei ein spiritueller Reifeprozess, wieder das Bewusstsein eines Kindes zu erlangen und sich ganz Gott – oder dem Engel – anzuvertrauen. Im kindlichen Gemüt könne sich der reine und unverfälschte Glauben entwickeln, glauben sie.
Einmal mehr prallen psychologische Erkenntnisse und Glaubensgrundsätze hart aufeinander. Lassen sich vielleicht die beiden Gegensätze vereinbaren? Frei nach dem Motto: Im Alltag die Erkenntnisse, bei der Meditation oder im Gebet die kindlichen Paradiesvisionen?

Ich glaube, dass sich die beiden Positionen zu sehr beissen, als dass sie sich friedlich nebeneinander ins Bewusstsein integrieren liessen. Wer bildhaft an schützende Engel und ihre Wunderkräfte glaubt, muss auch im Alltag die Realität ausblenden, weil sonst sein göttlicher Begleiter beim Aufprall an der Wand der Realität wie ein Glasengel zersplittern würde. Der Gläubige würde dauernd Situationen und Begebenheiten wahrnehmen, die sich nicht mit dem Bild von beschützenden und rettenden Engeln vereinbaren liessen. Nur durch destruktive Autosuggestion, die die Qualität einer radikalen Verdrängung annimmt, können eine differenzierte Realitätswahrnehmung und der Glaube an Engel nebeneinander existieren. Dabei nimmt die Seele Schaden. Ob die Engel diesen wieder richten können?

Ein Fallbeispiel aus dem Engelbuch „Engel – Helfer auf leisen Sohlen“ des Arztes H. C. Moolenburgh soll verdeutlichen, was ich mit Regression bezeichne, die zum Aberglauben führt. Eine 50-jährige Frau fährt mit ihrem Auto über eine Kreuzung. Unerwartet rast von links ein Lastwagen auf sie zu. „Dann geschah plötzlich etwas Unglaubliches“, schreibt der Arzt und Autor wörtlich. „Der Lastwagen wurde durchsichtig, fuhr geräuschlos durch ihr Auto hindurch, erschien dann wieder in seiner ganzen Schwere an der andern Seite ihres Autos und fuhr einfach weiter. Man könnte fast von einer Dematerialisierung und einer Rematerialisierung sprechen.“

Wer hat das Wunder gerichtet? Natürlich der Engel der Autofahrerin.

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