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Erkenntnisse dienen der sinnvollen Lebensgestaltung

Hugo Stamm am Donnerstag den 8. September 2011

Der folgende Impulstext stammt von Ruedi Schmid (Optimus). Vielen Dank.

Thales, Galileo und Einstein.

In welchem Verhältnis stehen Verstand und Wirklichkeit? – Thales, Galileo und Einstein.

Die Unfähigkeit, Naturereignisse zu deuten, führte ursprünglich zur Erfindung der Götter. Inspiriert von seinen Entdeckungen der Geometriegesetze glaubte Thales bereits 600 v.Chr., dass die Wirklichkeit ohne Götter erklärbar ist. Mit seiner Hypothese, dass Wasser der Urstoff allen Seins und Geschehens sei, legte er den Grundstein. 150 Jahre später schrieb der Philosoph Demokrit, dass man durch endlosen Teilungsprozess auf Elementarteilchen stossen müsse und nannte diese Atome. 300 v.Chr. stellte schliesslich der griechische Astronom Aristarchos fest, dass die Erde um die Sonne kreist, die Sterne Sonnen sind und der Mensch nur ein unbedeutender Teil des Universums darstellt.

Danach wurde die Wunderkraft Gottes als Wirklichkeit verkündet. Aber unter dem Argument «Wunder» ist jede noch so utopische Wirklichkeitsfantasie möglich, was zwangsläufig zu Uneinigkeit, abwegigen Sekten, Missbrauch, Ausnützung, Zwang und Denkverbot führen musste. Um der Folterstrafe zu entgehen, liess z.B. Kopernikus seine Nachweise des heliozentrischen Weltbildes erst an seinem Todestag veröffentlichen.
Daraufhin versuchte Galileo im 16. Jahrhundert vergeblich, Rom vom heliozentrischen Weltbild zu überzeugen. Kontaktfreund Kepler war dank grösserer Toleranz im Norden erfolgreicher, musste dann aber vor den Katholiken flüchten und starb dadurch frühzeitig. Durch seine Planetenbahnberechnungen kam er ausserdem zum wegweisenden Schluss, dass im ganzen Universum Gesetze auf der Basis der Mathematik gelten müssen. Danach folgerte Descartes:

«Die Wirklichkeit ist verständlich, weil sie von den Naturgesetzen regiert wird. Welt und Universum funktionieren ohne Gotteshilfe durch die Naturgesetze und Gott hatte keine Wahl, die Naturgesetze anders zu gestalten.»

Das war ein bedeutungsvoller Schritt, aber erst die Gravitation- und Bewegungsgesetze von Newton machten deutlich, dass die Wirklichkeit bei den Naturgesetzen zu finden ist.
Die Naturgesetze machten Vorausberechnungen möglich, ob eine Brücke hält oder ein Flugzeug fliegt. Nur dank dieser Wirklichkeitserkenntnis erlangten wir Menschen die Fähigkeit, all unsere heutigen Errungenschaften, vom Handy bis zum Weltraumflug, zu entwickeln. Das führte zum Realismus und immer mehr Menschen konnten sich die Wirklichkeit ohne Wunder Gottes vorstellen.

Einsteins Relativitätstheorie zeigte dann aber klar, dass wir die Wirklichkeit nicht verstehen können. Dass z. B. Materie nur eine Form von Energie ist und Zeit sich relativ verhält, kann der menschliche Verstand nicht als Wirklichkeit erfassen. Dabei stellte sich heraus, dass unser Verstand auf die Alltagserfahrung beschränkt ist und wir nur einen Hauch der Wirklichkeit wahrnehmen können. Aber dank der Vorstellungskraft fühlen wir uns in einer wirklichen Welt.

Während man Einsteins Relativitätstheorie noch mathematisch erfassen konnte, zeigten sich im subatomaren Bereich (Basis von allem, was existiert) Phänomene, die unserem Wirklichkeitsbegriff völlig widersprechen, deren Experimente aber durch die Wiederholbarkeit nicht einem Wunder Gottes oder dem Zufall zugeordnet werden konnten. Mit der Quantenphysik, die mittlerweile zum Hauptgebiet der Naturforschung geworden ist, gelang es, jenseits von menschlicher Wirklichkeitsvorstellung Gesetzmässigkeiten zu finden. Dabei kommt man zwar der Wirklichkeit immer näher, aber sie entzieht sich immer mehr dem menschlichen Verstand und zwar so weit, dass selbst namhafte Physiker zweifeln, ob es überhaupt eine reale Aussenwelt gibt.

Damit hat uns die Physik die klare Lektion erteilt, dass unser Verstand zum Leben konzipiert ist und nicht dazu, die Wirklichkeit zu verstehen. Und dass die Werte des Lebens nicht bei der Wirklichkeit zu finden sind, sondern bei den Gedanken, die zur Lebensfreude führen. Und dass wir unsere Wirklichkeitsvorstellung nutzen können, um ein wertvolles Leben zu gestalten. Die Philosophie der Ethik (richtiges handeln zum Wohle aller Menschen) wird dadurch zur sinnvollsten Wissenschaft.

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